Switzerland

Neukoms Traum vom autofreien Zürich

Das Wetter in Zürich ist grauenhaft, nass und windig, und im Regierungsgebäude zieht es. Es ist ein Montag Anfang Februar, die Uhr schlägt elf. Das Haus hinkt ein paar Jahrzehnte hinterher. Es sieht noch immer so aus wie in den Dreissigerjahren, als es gebaut wurde. Geheizt wird nach draussen.

An einer Tür im dritten Stock hängt ein Schild: «Dr. Martin Neukom, Baudirektor». Ein junger Mann mit grauem Anzug öffnet die Tür. Doktor Neukom? Ja, sagt er. Den Titel habe er vor kurzem erhalten, für seine Arbeit über neuartige Solarzellen, er habe die Dissertation in den Ferien fertig geschrieben. Die Note? «Magna cum laude», erwidert er, «nicht schlecht, oder?»

Neukoms Büro ist so nüchtern eingerichtet wie ein Obduktionsraum. Ein einziges Bild hängt an der Wand. Und eine Pflanze spendet ein bisschen Grün. Neukom schaut sie zerstreut an. «Habe ich noch nie gegossen», sagt er, «offenbar übernimmt das jemand für mich.»

«Ich will höher, schneller, weiter. Aber ich muss akzeptieren, dass es nicht so läuft.» Martin Neukom, Regierungsrat

Kollegen erzählen, Neukom sei «ein Streber, aber ein Guter». Also fragt man ihn: Wenn Sie jemand vom WWF anspricht, bleiben Sie stehen? «Ich wohne in der Winterthurer Altstadt», sagt Neukom. «Gefühlt jeden Tag laufe ich an der Tierschutzorganisation Vier Pfoten vorbei. Ich musste eine Technik entwickeln, um mich vorbeischleichen zu können.» Aber Sie sind doch einer von den Guten! Haben Sie denn kein Herz für Tiere? «Momoll», sagt Neukom lächelnd.

Man ist es gewohnt, ältere Männer im Regierungsbüro anzutreffen, gescheitelt, mit farbiger Krawatte; sie teilen die Angewohnheit, bei besonders ernsten Themen ins Schriftdeutsche zu wechseln, Kommandosprache wie im Militär. Der 33-jährige Neukom kommt aus einer anderen Zeit: «Zum Glück wollten sie mich bei der Armee nicht.»

Hoffnung und Schrecken

Vor einem Jahr, am 12. Februar 2019, stellte Neukom einen «Klimaplan» vor. Das Ziel: den CO2-Ausstoss Zürichs bis 2050 auf null zu senken. Damals war er noch Kantonsrat und Ingenieur in einer kleinen Solarfirma.

Sechs Wochen später wurde er für die Grünen in den Regierungsrat gewählt. Er übernahm die Baudirektion. Noch bevor er anfing, hatte er den Übernamen «Klimaminister» erhalten. Ein Hoffnungsträger, der die Kraft der Klimabewegung ins Amtshaus trägt.

«Ich will höher, schneller, weiter», sagt Neukom. «Aber ich muss akzeptieren, dass es nicht so läuft. Vorlagen zu erarbeiten, dauert. Alles muss von zahlreichen Juristen und Fachleuten geprüft werden. Ein Chefbeamter sagte zu mir: ‹Bitte keine neuen Ideen mehr. Es kann nicht alles gleichzeitig gehen.›»

«Seit Martin Regierungsrat ist, hatte er viel zu schimpfen.»Esther Guyer, Neukoms politische «Ziehmutter»

Wie geht Neukom mit der Trägheit der Paragrafen um? Esther Guyer, das Gewissen der Zürcher Grünen, muss es wissen. «Wir tauschen uns oft aus, lachen und fluchen über Dinge, die schlecht laufen», meint sie. «Und seit er Regierungsrat ist, hatte er schon viel zu schimpfen.» Man erzählt sich, die 68-Jährige sei Neukoms «Ziehmutter».

Begeistert erzählt Guyer vom «rotgrünen Masterplan» im Kantonsrat: «Wir – damit meine ich uns, SP, AL, GLP und EVP – halten zusammen. Die Senkung des CO2-Ausstosses ist das Kernthema. Schon im Hitzesommer 2018 haben wir Grüne vorgespurt. Wir haben eine Woche Ferien geopfert und 13 Vorstösse geschrieben. Davon profitieren wir nun mit der neuen Mehrheit im Parlament.» Auch Martin Neukom ist Teil des Plans. «Er wird uns nicht enttäuschen», sagt Esther Guyer.

Noch kaum Konkretes

Eine Vorlage zur Klimapolitik hat er bislang entworfen. Hausbesitzer sollen 33 statt wie bisher 19 Millionen Franken für Renovierungen erhalten. Es geht um den Ersatz von Ölheizungen; das Parlament muss noch zustimmen.

Martin Neukom sitzt in seinem Bürosessel, die Beine übereinandergeschlagen. Er studiert an der Frage herum, weshalb er als Linker ausgerechnet den Vermögenden, den Hausbesitzerinnen, Geld geben will.

«Wo kann der Kanton am meisten Einfluss nehmen?», fragt Neukom zurück. «Vierzig Prozent der CO2-Emissionen in der Schweiz stammen von Gebäuden. Leider ist es viel günstiger, eine alte Ölheizung zu ersetzen, als eine Wärmepumpe einzubauen. Hier ist der Staat gefragt.» Neukom runzelt die Stirn: «Das Problem ist, wenn Immobilienfirmen ihre Gebäude mit Staatsgeld sanieren und die Mieten danach um 40 Prozent erhöhen. Dann fühlen sich die Leute verseckelt. Das versuchen wir zu verhindern.» Und wie? «Ganz einfach: dadurch, dass man das Geld nur erhält, wenn man die Mieten nicht erhöht.»

Eine zweite Vorlage komme in zwei Monaten ins Kantonsparlament, sagt Neukom. Er spricht von der Änderung des Energiegesetzes. Hier geht es ebenfalls um den Ersatz alter Heizungen. Mit CO2-Grenzwerten will er das Öl endgültig aus den Häusern verdrängen.

Die grüne Verwaltung

Die Baudirektion mit ihren 1600 Angestellten befindet sich seit Jahrzehnten in bürgerlicher Hand. Gibt es da überhaupt Platz für einen Grünen? Falsche Frage, finden Politiker. Andrew Katumba von der SP sagt: «In der Baudirektion ist man sehr aufgeschlossen in Sachen Klimaschutz. Böse Stimmen behaupten, so habe man in den letzten Jahren Schlimmeres verhindert. Mit Markus Kägi, Neukoms Vorgänger von der SVP, ist der Bremsklotz weg.» Selbst Christian Lucek, SVP-Kantonsrat und Soldat bei der Schweizer Luftwaffe, klingt wie ein gut gelaunter Lehrer: «Neukom ist fachlich hervorragend und handelt rational, nicht blind nach Parteibuch. Ich würde ihm ein gutes Zeugnis ausstellen.»

Neukoms grössten Widersacher sieht Andrew Katumba im Regierungsrat. Gerade bei energetischen Sanierungen habe der Kanton einen «Nachholbedarf in Milliardenhöhe», doch die Regierung würde noch klemmen.

Und es gibt weitere Gegner: der Hauseigentümerverband. Direktor Albert Leiser sagt: «Greta und auch sonst niemand hat uns vorzuschreiben, was wir zu tun haben. Wir machen heute schon das Optimale, da brauchen wir den Staat nicht. Aber ich verstehe, Martin Neukom steht unter Druck. Er muss liefern.»

Das Dilemma

Während es im Zürcher Regierungshaus weiterhin an die Nieren zieht, kommt man Martin Neukoms Dilemma auf die Spur. «System Change, Not Climate Change» heisst der Slogan der Klimajugend – man könnte meinen, dass man nirgendwo weiter davon entfernt ist als hier, an der Spitze dieses Systems.

«Gut», sagt Neukom, «eine Revolution in der Regierung wird nicht funktionieren. Aber Reformen. ‹System Change› bedeutet für mich, Dinge grundsätzlich zu überdenken.» Zum Beispiel? «Ist es noch sinnvoll, mit dem Auto durch die Stadt zu fahren, obschon Autos am meisten Platz und Energie brauchen?» Sie reden von einer autofreien Innenstadt? «Darüber wird man reden müssen. Eigentlich bin ich für dieses Thema nicht zuständig.»

Hier zeigt sich Neukoms Dilemma: Er kann zwar von einem verkehrsfreien Zürich träumen, doch letztlich muss er mit seiner Kollegin Carmen Walker Späh zusammenarbeiten. Die FDP-Politikerin ist für den Verkehr zuständig. In den letzten 35 Jahren setzte sie sich vor allem für einen Autotunnel ein. Und braucht er Geld, muss Neukom bei Ernst Stocker anklopfen; der SVP-Finanzdirektor ist nicht gerade als grüner Business Angel bekannt.

Neukom jedenfalls lässt sich nicht von seinen Forderungen abbringen. Er sagt: «In der Stadt Zürich hat die Hälfte der Haushalte kein Auto. Weil der ÖV so gut ist. Wir müssen es den Leuten einfach machen, sich umweltfreundlich zu verhalten.»

Tipps der alten Garde

Wie überzeugt man Regierungsrätinnen von seinen Ideen? Markus Notter weiss eine Antwort. 1996 wurde er in den Zürcher Regierungsrat gewählt, mit 35 Jahren. 2011 trat er zurück. «Wie ich es damals war, ist Martin Neukom jung, unerfahren und in einer politischen Minderheit», sagt Notter. «Will er sich durchsetzen, muss er ununterbrochen Regierungsrat sein. Muss besser vorbereitet und überall präsent sein, muss Kompromisse eingehen und auch mal einer Kollegin aushelfen.»

«Man braucht zwei Jahre, bis man voll im Amt drin ist», sagt Notter weiter. «Die Maschine läuft von selber. Neu ist nur der Mensch an der Spitze. Und die Maschine tut so, als ob der Neue schon hundert Jahre da wäre. Alles geht weiter, wie es immer schon weitergegangen ist.»

Drei nach zwölf

Das Gespräch mit Martin Neukom neigt sich dem Ende zu. Man erkennt: Die Ideen sind da, das Parlament steht bereit. Aber umweltfreundlicher ist das Regierungshaus bisher nicht geworden; es zieht. Und so bleibt eine Frage offen: Wie viel Uhr ist es tatsächlich?

Neukom blickt ein bisschen verwirrt auf seine Uhr und sagt: «Drei nach zwölf.» Also schon zu spät? Neukom überlegt kurz und sagt: «Überschwemmungen, Stürme, Dürren – das haben wir bereits. Hören wir auf, Öl zu verbrennen, bleibt der CO2-Anteil gleich. Wir können also verhindern, dass es auf der Erde richtig ungemütlich wird. Und dafür ist es – vermutlich – noch nicht zu spät.»