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Neue Lösungen für neue Probleme: warum (und wie) sich der Liberalismus im 21. Jahrhundert neu erfinden muss

Im Zentrum liberalen Denkens steht der Einzelne und seine Freiheit. Doch was bedeutet dies für westliche Gesellschaften angesichts aktueller Herausforderungen wie wachsender wirtschaftlicher Ungleichheit, laufender Urbanisierung, eines erstarkenden Autoritarismus, Monopolbildungen in der Digitalökonomie, unkontrollierter Immigration und Klimawandel? Es braucht eine neue liberale Agenda. Ein Diskussionsbeitrag.

Mit Neptun eine Erneuerung des Liberalismus wagen – ein Dreizack an Massnahmen regt das Denken an. (Statue aus dem Lateran-Museum, Aufnahme von 1950)

Mit Neptun eine Erneuerung des Liberalismus wagen – ein Dreizack an Massnahmen regt das Denken an. (Statue aus dem Lateran-Museum, Aufnahme von 1950)

Hulton Archive / Getty

Die Denker haben das Versagen des Liberalismus nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, ihn zu verändern. Zwar ist Selbstkritik eine Stärke der Liberalen. Die grosse Zahl von Büchern, die den Tod des Liberalismus diagnostizieren, beweist gerade, dass er noch am Leben ist. Aber jetzt müssen wir von der Diagnose zu einer Therapie kommen.

Die Zeit drängt. Der Sieg von Joe Biden als US-Präsident öffnet zwar einen Spalt in der Türe zu einer liberalen Erneuerung, allerdings stimmten mehr als siebzig Millionen Amerikaner für Donald Trump. In Grossbritannien steht der Labour Party mit ihrem neuen, linksliberalen Chef Keir Starmer eine populistische konservative Regierung gegenüber. In Frankreich droht dem führenden liberalen Erneuerer in Europa, Emmanuel Macron, die Gefahr von Marine Le Pen. Und in Ungarn ringt die EU mit einem zunehmend illiberalen und undemokratischen Mitgliedstaat.

Historiker Timothy Garton Ash.

Historiker Timothy Garton Ash.

Florian Ebener / Getty

Die absehbaren ökonomischen Folgen der Pandemie – Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, explodierende öffentliche Schulden und eventuell Inflation – lassen wohl eine zweite Welle des Populismus anschwellen. China, bereits jetzt eine Supermacht, kommt gestärkt aus der Krise. Sein Modell des Entwicklungsautoritarismus fordert den liberalen, demokratischen Kapitalismus heraus. Erstmals in diesem Jahrhundert finden sich unter den Ländern mit mehr als einer Million Einwohnern weniger Demokratien als nichtdemokratische Regime.

Ein erneuerter Liberalismus braucht wie Neptun einen Dreizack. Erstens muss er die traditionellen liberalen Werte und Institutionen, wie die freie Rede oder die unabhängige Justiz, gegen die Bedrohung durch Populisten und Autoritäre verteidigen.

Zweitens muss er sich mit dem Versagen dessen auseinandersetzen, was in den letzten dreissig Jahren als Liberalismus durchging – ein eindimensional ökonomischer Liberalismus, im schlimmsten Fall ein dogmatischer Marktfundamentalismus, der mit der Wirklichkeit so wenig zu tun hatte wie die Dogmen des dialektischen Materialismus oder der päpstlichen Unfehlbarkeit. Dieses Versagen hat Millionen von Wählern zu den Populisten getrieben. Das heisst: Wir müssen gegen den Populismus kämpfen, aber auch gegen seine Ursachen.

Und drittens muss ein erneuerter Liberalismus sich mit den globalen Herausforderungen unserer Zeit auseinandersetzen, wie Klimawandel, Pandemien und dem Aufstieg von China, und zwar mit liberalen Mitteln. Er muss also zurück- und vorwärts-, nach innen und nach aussen schauen.

In den hyperpolarisierten USA herrscht zu wenig Konsens, in Deutschland womöglich zu viel.

Wir wissen, welche liberalen Werte und Institutionen wir mit der ersten Spitze des Dreizacks verteidigen müssen; sie sind zentral für jeden Liberalismus, der diesen Namen verdient. Dafür kämpfen die Liberalen in Ländern wie Polen oder Indien in ihrem Alltag. Die barbarische Enthauptung eines Lehrers in Frankreich erinnert uns daran, dass sich die freie Rede gegen das Veto nicht nur des Zwischenrufers, sondern auch des Attentäters behaupten muss. Der Populismus verachtet den Pluralismus, also müssen wir unsere pluralistischen, antimajoritären Institutionen stärken, zusammen mit vielfältigen, unabhängigen Medien und einer wehrhaften Zivilgesellschaft.

Trumps Weigerung, seine Wahlniederlage anzuerkennen, und Boris Johnsons Versuch von 2019, das Parlament lahmzulegen, zeigen uns, dass wir uns nicht mehr wie in der Vergangenheit darauf verlassen können, was Alexis de Tocqueville «mœurs» nannte, also Sitten, Gebräuche und schlicht Anstand. Auch wenn einige der Bedrohungen neu sein mögen, sind die Ideen und die Institutionen altbekannt, und die Liberalen mussten schon oft in finsteren Zeiten für sie kämpfen.

Weit mehr neues Denken brauchen wir für den zweiten und den dritten Zacken. Aber bevor ich mich diesen Herausforderungen zuwende, möchte ich klären, was ich unter dem Liberalismus verstehe.

Kein Liberalismus ohne Freiheit

Der Liberalismus ist, wie es die Politologin Judith Shklar erhellend ausdrückte, «eine Tradition der Traditionen». Es gibt eine Grossfamilie von historischen Praktiken, ideologischen Clustern und philosophischen Schriften, die legitim als liberal gelten dürfen. Alle teilen im Kern das Bekenntnis zur individuellen Freiheit. (Nur das seltsame semantische Universum der zeitgenössischen amerikanischen Politik lässt es zu, den Liberalismus von der Freiheit zu trennen.) Jenseits davon, lehrt der Politphilosoph John Gray, umfasst der Liberalismus Elemente von Individualismus, Meliorismus, Egalitarianismus und Universalismus. Diese Ingredienzien mischen sich aber in ganz unterschiedlichen Definitionen, Proportionen und Kombinationen.

Seit den 1930er Jahren wird das Wort «liberal» weitherum in der Verbindung «liberale Demokratie» gebraucht, auch in verwandten Begriffen wie «liberale Gesellschaft», «liberale Welt» oder «liberale internationale Ordnung». In diesem Sprachgebrauch beschreibt das Wort, was liberale Demokratien, also zuerst jene im Herzen des modernen transatlantischen Westens, von totalitären und autoritären Regimen unterscheidet: ob Nazi-Deutschland oder die Sowjetunion, das China von Xi Jinping oder das Russland von Wladimir Putin. Wie die von den Engländern gesprochene Sprache zum Dialekt ihrer selbst wurde, als Englisch zur Weltsprache aufstieg, wurde der Liberalismus der liberalen Parteien zum Dialekt einer weitverbreiteten politischen Sprache, die auch liberale Konservative, liberale Katholiken, liberale Sozialdemokraten und liberale Kommunitaristen sprechen.

Das hilft. Denn der tiefgreifende Wandel, den es zum Erneuern der Grundlagen einer liberalen Gesellschaft braucht, fordert eine strategische Konsistenz, die sich dem Einfluss einer einzelnen Gruppierung entzieht. In einer liberalen Demokratie genügt es nicht, dass nur eine Partei, selbst wenn sie aus makellos liberalen Liberalen mit grossem L besteht, ständig an der Macht bleibt. Liberale Ein-Parteien-Herrschaft ist ein Widerspruch in sich. Eine liberale Erneuerung erfordert deshalb einen gewissen Konsens zwischen Parteien, wie nach 1945, als die Christlichdemokraten mithalfen, die Wohlfahrtsstaaten in Westeuropa zu schaffen.

Richtig verstanden, bietet der Liberalismus eine unvergleichlich reiche, vier Jahrhunderte lange Geschichte einer nie endenden Suche nach dem besten Weg, wie unterschiedliche Menschen in Freiheit gut zusammenleben können.

Der Liberalismus verabscheut aber auch die Vorstellung von allgemeiner Einigkeit, denn diese würde den lebendigen Kampf der Ideen lahmlegen. Im Westen sehen wir derzeit Beispiele von zwei kontrastierenden Gefahren: In den hyperpolarisierten USA herrscht zu wenig Konsens, in Deutschland womöglich zu viel. Wir brauchen eine Balance zwischen nötigem Konsens und ebenso wichtigem Konflikt.

Nichts wäre absurder, als den Liberalismus entweder auf die Theorie von John Rawls oder auf die Praxis von Goldman Sachs zu reduzieren. Richtig verstanden, bietet der Liberalismus eine unvergleichlich reiche, vier Jahrhunderte lange Geschichte einer nie endenden Suche nach dem besten Weg, wie unterschiedliche Menschen in Freiheit gut zusammenleben können. Sie ist eine Fundgrube an Theorien und ein Schatz an praktischen Erfahrungen. Es spricht deshalb für sich, dass der sogenannte «Postliberalismus» nicht einmal einen eigenen Namen findet; die Selbstbeschreibung entlarvt seinen epigonalen Charakter. Die besten aktuellen Bücher über das Versagen des Liberalismus fordern nicht, dass wir ihn aufgeben, sondern dass wir ihn erneuern.

Gleichheit und Solidarität

Wir hätten auf Pierre Hassner hören sollen. Der brillante französische Politphilosoph, in Rumänien geboren, äusserte schon 1991 die Warnung, auch wenn wir zu Recht den Triumph der Freiheit am Ende des Kalten Krieges feierten, müssten wir bedenken, dass die Menschheit nicht von universeller Freiheit allein lebe. Er sagte voraus, dass der Drang zu Nationalismus und Sozialismus zurückkehren werde, und er erklärte ihn auch: als Sehnsucht nach Gemeinschaft und Identität einerseits, nach Gleichheit und Solidarität anderseits. Dank dieser klarsichtigen Analyse können wir eine Diagnose stellen, was in vielen liberalen Demokratien schiefgelaufen ist, aber auch ein Rezept finden. Gemeinschaft und Identität sind Werte (und menschliche Grundbedürfnisse), die das konservative Denken pflegt, während die sozialistische Tradition auf Gleichheit und Solidarität achtet. Im nicht nur scherzhaften Geist eines gefeierten Essays des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski schlage ich deshalb vor, dass wir uns als konservativ-sozialistische Liberale versuchen.

Beginnen wir mit Gleichheit und Solidarität. Es ist ein Gemeinplatz, dass wir in vielen hochentwickelten Gesellschaften einen dramatischen Anstieg der Ungleichheit sehen. Die Schere der Lebenschancen öffnet sich schon beim Leben selbst. In einer grünen Oase von London, Richmond upon Thames, kann ein Mann mit 65 noch 13,7 Jahre gesundes Leben erwarten, mehr als doppelt so viel wie die 6,4 Jahre eines Mannes am anderen Ende der Metropole, in Newham. Und seit den 1990er Jahren ist in den USA bei weissen Männern zwischen 45 und 54 die Sterberate jener mit einem College-Abschluss um 40 Prozent gefallen, jener ohne Abschluss aber um 25 Prozent gestiegen. Frei sein kann nur, wer nicht tot ist.

Um die Ungleichheit der Lebenschancen zu verringern, ausgehend von der grundlegenden Chance, überhaupt weiterzuleben, müssen sich Liberale gleichzeitig mit multiplen Ungleichheiten auseinandersetzen: natürlich mit jener des Wohlstandes, der Gesundheit, der Bildung und der Geografie (Rostgürtel contra Küsten in den USA, Nordengland contra Greater London), aber auch mit jener zwischen den Generationen und mit den weniger offensichtlichen Ungleichheiten von Macht und Beachtung. Um diese multidimensionale Ungleichheit anzugehen, müssen wir radikalere Massnahmen unterstützen, als die meisten Liberalen in den drei Jahrzehnten seit 1989 erwägen mochten.

Das liberale Denken beginnt nicht an der Decke, sondern gemäss Ralf Dahrendorf auf dem «gemeinsamen Fussboden», von dem aus jedes Individuum, dank seinem Antrieb und seinen Fähigkeiten, so hoch aufsteigen kann wie jemand, der in einem Penthouse ins Leben startet. Dazu beitragen können eine negative Einkommenssteuer (wie sie schon Milton Friedman empfahl), ein bedingungsloses Grundeinkommen (das bei einer Umfrage meines Forschungsteams in Oxford überwältigende 71 Prozent der Europäer bejahten), ein steuerfinanziertes universales Minimalerbe (besonders wünschenswert, wenn – wie in Grossbritannien und Amerika – der entscheidende Graben nicht beim Einkommen, sondern beim geerbten Vermögen klafft), ausserdem allgemeine Grundversorgung für Gesundheit, Wohnung und soziale Sicherheit. Es gibt ganz unterschiedliche nationale Varianten des liberalen, demokratischen Kapitalismus; deshalb wird sich der Mix dieser Massnahmen von Land zu Land unterscheiden.

Eine entscheidende Treppe für den Aufstieg ist die Bildung. Mit der Expansion der Hochschulen wollten die Liberalen nach dem Zweiten Weltkrieg die Lebenschancen verbessern und die soziale Mobilität erhöhen. Aber heute dienen die grossen privaten Universitäten der USA und anderswo immer mehr als Mittel der etablierten Eliten, um ihren Aufstieg zu verewigen. Die führenden Colleges nehmen mehr Studierende aus Familien des einkommensstärksten Prozents auf als aus den 60 Prozent mit den tiefen Einkommen. Universitäten wie Oxford oder Stanford tragen deshalb eine grosse Verantwortung, für einen besseren Zugang zu sorgen; aber sie können die soziale Mobilität nicht allein fördern. Wir brauchen auch Volksschulen mit hoher Qualität, ab den entscheidenden ersten Jahren, eine bessere Berufsbildung und, in der digitalen Revolution, lebenslanges Lernen.

Den Respekt umverteilen

Jenseits der Bildung gibt es ein weiteres kulturelles Problem, das sich als Missverhältnis der Wertschätzung beschreiben lässt. Die Menschen ohne höhere Ausbildung, die häufig in heruntergekommenen einstigen Industriestädten leben, fühlen sich von den «liberalen Eliten», wie die Populisten sie schimpfen, übersehen, vernachlässigt und verachtet. Dieses kulturelle Ressentiment ist selbst in Regionen wie Ostdeutschland zu spüren, wo keine akute materielle Not herrscht. Der Rechtsphilosoph Ronald Dworkin forderte, eine liberale politische Gemeinschaft müsse allen ihren Mitgliedern gleichermassen Interesse und Respekt erweisen. Können wir Liberalen aus den Metropolen behaupten, dass wir das in den Jahrzehnten nach 1989 bei den Leuten im Rostgürtel der USA oder in Englands Norden wirklich taten? Bis, natürlich, die populistische Welle Taxis voller Journalisten aus den Grossstädten in die stillgelegten Kohlegruben in Yorkshire oder in den Appalachen lockte.

Wir brauchen umfassende Programme, um die vernachlässigten Städte und Regionen wieder zu stärken. Lokalismus ist für den Liberalismus genauso wichtig wie für den Konservativismus. Denken wir nur an das Credo von Thomas Jefferson: «Teilen wir die Grafschaften in Bezirke auf.» Als liberale Antwort auf den Slogan der Brexiteers, «Take Back Control», müssen wir den Menschen die Kontrolle auf der tiefstmöglichen Ebene zurückgeben, also die Überzentralisierung von Grossbritannien im Allgemeinen und England im Besonderen umkehren.

So wichtig wie in der Politik ist ein nachhaltiger Wandel aber auch bei unserer Einstellung. Die polnischen Populisten fordern mit Recht eine «Umverteilung des Respekts». In den ersten Monaten der Pandemie sahen wir so etwas, als plötzlich nicht nur Ärzte, sondern auch Pflegepersonal, Fernfahrer, Verkäuferinnen oder Putzkräfte als «Helden» galten. Diese Anerkennung scheint aber bereits zu verblassen.

Dem technokratischen Liberalismus der letzten Jahrzehnte mangelte es spektakulär an einer entscheidenden Ingredienz: der liberalen Imagination. Die Philosophin Martha Nussbaum schreibt über diese «neugierige und mitfühlende» Imagination, «die die Menschheit auch in seltsamen Kostümen erkennt». Dieses Mitfühlen findet sich am reichsten in der Poesie oder in Romanen. So weist Amanda Anderson in ihrem Buch «Bleak Liberalism» darauf hin, wie berührend Charles Dickens in seinem Roman «Bleak House» über den Tod des analphabetischen Strassenwischers Jo schrieb:

«Angerempelt und weggedrängt und weitergeschickt zu werden; und wirklich die Wahrheit zu fühlen, dass ich nichts verloren habe, hier und dort und überall; und doch überrascht zu merken, dass ich auch irgendwie hier bin und dass mich alle übersahen, bis ich die Kreatur wurde, die ich bin!»

Oh, könnte jemand heute so schreiben wie Dickens, also den Banker kurz innehalten lassen, wenn er in seinen teuren Lederschuhen über den Obdachlosen steigt, der im Eingang zu seiner Bank liegt, oder, ja, auch den Professor mit Lebensstelle, wenn er zu seiner wohlausgestatteten Universität fährt!

Die zivile Tugend, die auf dieser phantasievollen Einfühlsamkeit beruht, ist die Solidarität, ein Ideal, das sich die Linke lange auf ihre Fahnen schrieb, das aber auch viele Konservative schätzen, die sich auf die christliche Soziallehre berufen. Diese beiden Denktraditionen, von links und von rechts, vereinigten sich in den 1980er Jahren in der polnischen Befreiungsbewegung, die sich «Solidarität» nannte. Auch die Liberalen müssen, wie die Konservativen und die Sozialisten, den Wert der Solidarität aus vollem Herzen würdigen. Und wir müssen verstehen, dass ihre subjektiven, emotionalen und kulturellen Aspekte so wichtig sind wie die objektiven, sozialen und ökonomischen. Nur mit der Kombination all dieser Aspekte können wir wirklich einen «gemeinsamen Fussboden» schaffen.

Die «Liberalokratie» überprüfen

Vieles, was ich bisher diskutiert habe, gehört in die Rubrik «Gleichmachen nach oben». Was aber ist mit dem «Gleichmachen nach unten»? Theoretisch könnte ein Liberaler fragen: Wenn alle für Chancengleichheit im Leben genug haben, wo ist dann das Problem, wenn einige viel mehr als genug haben? In der Praxis sticht dieses Argument aber aus mindestens drei Gründen nicht. Den gemeinsamen Boden zu schaffen, ist erstens teuer, es lässt sich also nicht bezahlen, ohne Leuten mehr Geld wegzunehmen: den Superreichen, die dank der Globalisierung florierten, aber auch der wohlhabenden Mittelklasse, also Leuten wie mir. Extreme Ungleichheit verträgt sich zweitens nicht mit Chancengleichheit, weil sich die Oberklasse dank ihren Privilegien etwa bei der Bildung als «Erb-Meritokratie» verewigen kann. Und die extreme Vermögenskonzentration führt drittens zu einer akuten Ungleichheit der Macht.

Das Misstrauen gegen jegliche Konzentration von Macht gehört zur Quintessenz des Liberalismus; für ihn muss jede Art von Macht begrenzt, aufgeteilt und behaftbar sein. Aber in den letzten Jahrzehnten zeigte sich der angloamerikanische Liberalismus, während er öffentliche Macht lautstark anzweifelte, viel zu nachsichtig gegenüber privater Macht. Dieses Versagen ist umso schlimmer, weil die beiden Typen der Macht nicht sauber getrennt sind: Die Drehtür zwischen öffentlichem Dienst und lukrativen Posten in der Privatwirtschaft führt zu der Gefahr, dass sich die Regulatoren vereinnahmen lassen. Der Kommentator Mark Shields hat deshalb eine markige «goldene Regel» für die amerikanische Politik geprägt: «Das Gold regiert.» Wie grotesk die Macht des Geldes die amerikanische Politik verzerrt, ist gut dokumentiert, das Problem ist aber nicht auf die USA beschränkt.

Unsere ganzen Gesellschaften sind geprägt durch die gewaltige Macht von superreichen Individuen oder Konzernen, ob Grossbanken, Energieversorger, Medienimperien wie jenes von Rupert Murdoch oder Digitalgiganten wie Amazon, Apple, Facebook und Google. Als perverses Resultat des Aufstiegs von Liberalen wie Tony Blair oder den Clintons in die Plutokratie des «Davos Man» gilt jetzt der Liberalismus selber als Ideologie des reichen, mächtigen Establishments. In seiner antiliberalen Polemik «Why Liberalism Failed» prägte deshalb der katholisch-konservative Autor Patrick Deneen den hilfreich provokativen Begriff «Liberalokratie».

Zu den praktischen Massnahmen, um diese Ungleichheiten anzugehen, gehören die Jagd auf die Billionen von Dollar, die sich in den Steueroasen der Welt verstecken, eine Vermögenssteuer, höhere und effektiver erhobene Steuern für Digitalunternehmen wie Facebook und eine Besteuerung der Grundstücke – diese hätte den Vorzug, nicht nur vertikale, sondern auch horizontale, also geografische Ungleichheiten zu verringern. Und wir können zu dem zurückkehren, was John Stuart Mill am Sozialismus am meisten interessierte: die Arbeitnehmer an den Unternehmen zu beteiligen, für die sie arbeiten, und damit ihre Verbundenheit mit der Arbeit zu stärken. Andere Elemente eines «Stakeholder-Kapitalismus» könnten mithelfen, die einseitige Fixierung auf den Shareholder-Value im englischen und im amerikanischen Geschäftsleben zu korrigieren.

Ein Effekt der Globalisierung war es, dass sie in den hochentwickelten Volkswirtschaften die Macht des Kapitals gegenüber jener der Arbeit stärkte. Gewerkschaften, ein fast vergessener Pfeiler der Linken, gehören daher auch zur Antwort. Ausserdem brauchen wir eine neue Generation der Wettbewerbspolitik, in den USA bekannt als Antitrust. Konzerne wie Google und Facebook sind nahezu Monopole mit einer bisher nicht bekannten Macht. Deshalb sollten die Anhänger von Milton Friedman und Friedrich Hayek, wenn sie sich an ihre Prinzipien halten, härter für echten Wettbewerb kämpfen als jeder Linksradikale. Und es muss klar sein, dass gut regulierte Märkte ein unabdingbarer Teil der Verfassung der Freiheit bleiben.

Nicht zuletzt brauchen wir einen Gezeitenwechsel beim Ethos – sowohl unter den Reichen als auch gegenüber den Reichen. In einer Vorlesung über «das Problem der Freiheit», die er 1939 für den internationalen PEN-Kongress schrieb, sprach Thomas Mann vom Bedürfnis nach «einer freiwilligen Selbstbeschränkung, einer sozialen Selbstdisziplin der Freiheit». Wo ist diese soziale Selbstdisziplin in den letzten Jahren geblieben? Als die Regierung Obama den «carried interest» stärker besteuern wollte – einen wichtigen Teil des Einkommens von Hedge-Fund- und Private-Equity-Managern, der aber zu tieferen Raten besteuert wird als anderes Einkommen –, wütete Stephen Schwarzman, einer der reichsten Amerikaner: «Das heisst Krieg, wie bei Hitlers Überfall auf Polen 1939.» Und als das Coronavirus nicht nur viele Leben, sondern auch die Lebensgrundlage von Millionen von Arbeitnehmern und Geschäftsinhabern kostete, meldete die «Financial Times», Amerikas Topbanker hätten sich selber «aufgrund des Trends zu gleicher oder niedrigerer Entlöhnung» Jahreseinkommen zwischen 24 Millionen (Mike Corbat, Citigroup) und 31,5 Millionen Dollar (Jamie Dimon, JP Morgan Chase) bezahlt. Das ist obszön.

Politiker (die Geld für ihre Wahlkämpfe brauchen), öffentliche Angestellte (die Jobs nach ihrer Frühpensionierung suchen), Museen, Orchester, Universitäten und NGO aller Art bis hin zu Menschenrechtsorganisationen scharwenzeln um die Schwarzmans dieser Welt herum, mit Lobgesängen auf ihre segensreiche Philanthropie. Dickens fasste auch dies am besten in Worte, als er in «Little Dorrit» das Katzbuckeln der Londoner Gesellschaft vor dem mächtigen Financier Merdle verhöhnte. Ja, einige reiche und mächtige Individuen wie George Soros verdienen unseren Respekt. Grundsätzlich aber brauchen wir eine «Umverteilung des Respekts»: weniger für den Banker Merdle, mehr für den Strassenwischer Jo.

Identität und Gemeinschaft

Das bringt uns zum zweiten Paar von Werten, das die Liberalen auf eigene Gefahr vergessen: Identität und Gemeinschaft. Das Unglück, das sich in den letzten drei Jahrzehnten gehäuft hat, kommt teilweise davon, dass aufgrund eines hypertrophen Individualismus das Gleichgewicht zwischen Einzelnen und Gemeinschaft nicht mehr stimmt. Aber es geht auch darum, welche Gruppen die Liberalen bevorzugt und welche sie vernachlässigt haben.

Wir kosmopolitischen Liberalen beachteten zwar in den letzten Jahrzehnten zu Recht die andere Hälfte der Welt stärker, aber wir missachteten gleichzeitig die andere Hälfte unserer eigenen Gesellschaften. Wir sprachen viel von der «internationalen Gemeinschaft», weniger von nationalen Gemeinschaften. Während wir einfühlsam auf die legitimen Wünsche diverser Minderheiten nach Anerkennung ihrer komplexen Identitäten eingingen, übersahen wir, dass jene, die die Multikulturalisten als solide Mehrheit wahrnahmen, sich jetzt in ihrer Identität verunsichert und bedroht fühlen. Das öffnete die Tür zur «weissen Identitätspolitik» von Trump und Co. Dieses Ressentiment der Mehrheit, die sich wie eine Minderheit fühlt, wurde auch dadurch geschürt, dass die liberale Elite eine epistokratische Verachtung für die Hälfte der Gesellschaft ohne höhere Bildung hegt, vor allem wenn diese andere Hälfte simple und politisch unkorrekte Ansichten äussert. Diese Herablassung ist in Hillary Clintons berühmtem Schmähen des «Korbs der Kläglichen» verewigt.

Wir unterschätzten auch die traumatische Wirkung der Geschwindigkeit und der Durchschlagskraft des Wandels, der sich aufgrund der Globalisierung und der Liberalisierung seit 1989 im Alltagsleben der Menschen vollzog. Im frühen 21. Jahrhundert stimmte für den globalisierten Finanzkapitalismus mehr denn je, was Karl Marx und Friedrich Engels im Kommunistischen Manifest über die revolutionäre Wirkung des Kapitalismus schrieben:

«Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht.»

So viel Vertrautes wird weggefegt, dass die Menschen schreien: «Genug! Zu viel Wandel! Zu schnell!» Und sie hängen oft melancholisch an, sie verstünden ihr eigenes Land nicht mehr – ein Gefühl, das Populisten ausbeuten, um die Unzufriedenheit gegen die Einwanderer mit ihren ethnischen, religiösen und kulturellen Eigenarten zu lenken. Solche Gefühle herrschen in mittel- und osteuropäischen Ländern, obwohl sie eigentlich unter Massenauswanderung leiden, nicht Masseneinwanderung: Die Entfremdeten geben Fremden die Schuld an ihrer Entfremdung. Natürlich zeigen sich hier auch Xenophobie und Rassismus, diese Gefühle gründen aber in einer viel tieferen Reaktion gegen die revolutionäre Geschwindigkeit des Wandels der Lebenswelten.

Die leninistisch-kapitalistische Version des Entwicklungsautoritarismus in China fordert die liberale Demokratie als Rivale heraus, wie es faschistische und kommunistische Regime im 20. Jahrhundert taten.

Wir Liberalen missachteten die urkonservative Einsicht von Mary Shelley: «Nichts ist so schmerzhaft für den menschlichen Geist wie starker und schneller Wandel.» Der konservative Philosoph Roger Scruton definierte denn auch den Konservativismus als «die politische Haltung, die sich aus dem Wunsch nährt, bestehende Dinge zu erhalten, weil sie entweder in sich selbst gut oder besser als mögliche Alternativen, zumindest sicher, vertraut und beliebt sind».

Aus dieser Analyse folgt: Wir müssen den Wandel so verlangsamen, dass er für die meisten menschlichen Naturen erträglich bleibt, während wir die liberale Richtung der Reise beibehalten. Der frühere deutsche Bundespräsident Joachim Gauck fasste diese Aufforderung in zwei Wörter: «zielwahrende Entschleunigung». Das bedeutet zum Beispiel: Begrenzung der Immigration, Sicherung der Grenzen und Stärkung des Gemeinsinns innerhalb dieser Grenzen.

Die Staatsnation

Wir betreten damit ein unangenehmes Territorium für Liberale von heute. Einige sind sogar im Prinzip unglücklich über das hartnäckige Beharrungsvermögen von Nationen. Aber eher als unsere versprengten Truppen an der morastigen Front namens «Internationalismus contra Nation» zu sammeln, sollten wir einen besser zu verteidigenden Hügel suchen, also die Nation nach liberalen Grundsätzen definieren. In einer der letzten Vorlesungen vor seinem Tod im Januar 2020 fragte Roger Scruton, wo wir «die erste Person Plural des gegenseitigen Vertrauens» fänden, und er schlug eine moderne konservative Antwort auf diese zentrale politische Frage vor, die nicht auf «Glauben und Verwandtschaft», sondern auf «Nachbarschaft und säkularem Recht» beruht.

Auf solche Grundsätze können sich Liberale sicherlich einlassen, indem sie nicht über das Bedürfnis nach einer nationalen politischen Gemeinschaft diskutieren – was immerhin 1848, als Marx und Engels ihr Manifest schrieben, eine der Hauptforderungen der europäischen Liberalen war –, sondern über die Definition und den Charakter dieser Gemeinschaft. Wie Grenzschliessungen über Nacht und andere nationale Massnahmen gegen die Covid-19-Pandemie einmal mehr gezeigt haben, ist die Nation schlicht zu wichtig, auch in ihrer emotionalen Bedeutung, um sie den Nationalisten zu überlassen.

Schon lange bevor uns die populistische Welle traf, steuerte der liberale Multikulturalismus sachte weg von den Klippen des moralischen und kulturellen Relativismus – «Liberalismus für die Liberalen, Kannibalismus für die Kannibalen» in der glorios provokativen Formulierung des Philosophen Martin Hollis –, denen er um die Jahrtausendwende gefährlich nahe gekommen war. Aber bei aller nötigen Kritik der Identitätspolitik müssen Liberale darauf achten, dass sie nicht das Kind mit dem Bad ausschütten. Der Feminismus, vorgedacht von Liberalen des 19. Jahrhunderts wie John Stuart Mill, seiner Partnerin Harriet Taylor und der Schriftstellerin George Eliot, hat in den letzten Jahrzehnten zu einem der grössten Fortschritte hin zur gleichen Freiheit für alle in der Geschichte geführt. Und die Beschäftigung mit den Erfahrungen, Bedürfnissen und Weltanschauungen aller möglichen sozialen Gruppen, ob ethnisch, religiös, sexuell oder regional, hat unser Verständnis bereichert, wie wir Freiheit und Vielfalt in einer multikulturellen Gesellschaft am besten kombinieren.

Deshalb müssen Liberale stets darauf insistieren, dass die Identität kein Entweder-oder ist, sondern ein Sowohl-als-auch. Selbstverständlich kann es zum akuten Clash zwischen Identitäten kommen, aber im Prinzip gibt es keinen Widerspruch zwischen bestimmten subnationalen, nationalen, transnationalen und supranationalen Identitäten, ebenso wenig wie zwischen den religiösen, politischen, institutionellen und kulturellen Identitäten, die die meisten Menschen gleichzeitig haben. Wir Liberalen verteidigen nicht irgendeine kosmolibertäre Phantasie von Bürgern ohne Wurzeln und Netizens ohne Körper, doch wir müssen auf dem Recht der Menschen bestehen, auf mehr als eine Art und an mehr als einem Ort verwurzelt zu sein.

Wir setzen uns deshalb für einen inklusiven, liberalen Patriotismus ein, der grosszügig und einfühlsam genug ist, um Bürger mit multiplen Identitäten zu umfassen. Die Mitgliedschaft in einer Nation definiert sich in zivilen, nicht in ethnischen oder völkischen Begriffen; dies ist kein Nationalstaat im engen Sinn, sondern «l’état-nation», also eine Staatsnation. So eine offene, warmherzige Version der Nation kann nicht nur den kühlen Verstand ansprechen, sondern sehr wohl auch das tiefe menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit und den moralischen Imperativ der Solidarität. Während die Pandemie anfangs zu einem Schub der nationalen Isolation führte, zeigte sie uns auch das Beste an kommunaler Kooperation und patriotischer Solidarität. Liberaler Patriotismus ist ein essenzieller Bestandteil eines erneuerten Liberalismus.

Die Herausforderung des Globalen

Doch Patriotismus reicht nicht. Der Impakt des globalisierten Finanzkapitalismus ist zwar einer der Hauptgründe für die Krise des Liberalismus, die Rezepte, die ich bisher dargelegt habe, wirken aber vorwiegend innenpolitisch. Sie würden als Lösungen für eine territorial festgelegte liberal-demokratische Staatsnation durchaus sowohl die Grenzen darum als auch die Beziehungen darin stärken. Dies führt aber zu einer drängenden Frage: Was ist mit allen anderen? Was können Liberale dem grössten Teil der Menschheit bieten, der nicht das Glück hat, Bürger von Ländern wie Grossbritannien, Neuseeland, Kanada oder der Schweiz zu sein? Und diese Sorge betrifft auch die Millionen von Menschen, die in diesen Ländern leben, aber nicht ihre Bürger sind.

Dies ist gleichzeitig eine moralische und eine ganz praktische Frage. Der Universalismus ist, wie John Gray dargelegt hat, ein wesentlicher Teil des Liberalismus. Aber der Liberalismus hat heute das schwere Handicap, dass er jahrhundertelang im grössten Teil der Welt als Imperialismus auftrat. Denken wir nur daran, dass John Stuart Mill sein Tagewerk in der East India Company verrichtete und dass er annahm, die kolonisierten Völker seien in ihrer Unmündigkeit noch nicht reif für seine kultivierten Freiheiten. Der westliche Universalismus war in der Praxis alles andere als universal. Einige der schlimmsten Horror-Taten, die Menschen gegen andere Menschen verübten – gewaltsame Eroberungen, Folter, Sklaverei, Genozid –, geschahen im Namen der höchsten Ideale der Freiheit, der Aufklärung und der Zivilisation. Länder wie Grossbritannien, gerade die Engländer, haben es hervorragend geschafft, dies zu vergessen; der Rest der Welt vergisst es nicht.

Das Andenken an die koloniale Unterdrückung ist in unserer Zeit dadurch bekräftigt worden, was wir die liberalen Kriege des Westens nennen können, wie jene in Afghanistan, in Libyen und im Irak. Die Motive der Akteure in diesen Kriegen waren unterschiedlich, manche davon alles andere als liberal, aber in jedem Fall wurden militärische Interventionen auch durch liberale Intentionen gerechtfertigt. Während im Fall von Kosovo oder Sierra Leone einiges dafür spricht, dass die liberalen Ziele zumindest teilweise erreicht wurden, lässt sich das bei Libyen oder beim Irak kaum behaupten. Der Weg zur Hölle ist auch mit liberalen Vorsätzen gepflastert.

Wenn wir aus diesen üblen Erfahrungen lernen, sollten wir nicht unsere liberale Ambition aufgeben, allen Menschen die Freiheiten zu gewähren, die wir selber geniessen. Aber wir müssen uns mit gesunder Skepsis fragen, was sich mit Waffengewalt für liberale Ziele erreichen lässt, und das mit einem postkolonial offenen Geist für die Erfahrungen, Bedürfnisse und Werte anderer Kulturen. Dies, aber auch die nackte Realität, dass die relative Macht des Westens schrumpft, legt uns einen nüchternen Realismus nahe, wie weit liberale Mächte andere Gesellschaften umformen können und sollten.

Aber sogar wenn wir uns an die engste, eigennützigste Version der Agenda für einen neuen Liberalismus halten – eine, die sich ausschliesslich auf das Verteidigen der Freiheit in den heute (mehr oder weniger) freien Ländern beschränkt –, würden wir scheitern, wenn wir nicht einige gewaltige Aufgaben jenseits unserer Grenzen angingen.

Der Begriff «liberale internationale Ordnung» hat gerade zur gleichen Zeit an Bedeutung gewonnen, in der bedroht wird, was er bezeichnet. Im Sinn von Roger Scrutons «Wunsch, bestehende Dinge zu erhalten, weil sie entweder in sich selbst gut oder besser als mögliche Alternativen sind», müssen wir uns bewusst machen, dass Liberale heute einen grundsätzlich konservativen Auftrag haben: die Institutionen und die Praktiken der internationalen Zusammenarbeit zu verteidigen, die seit 1945 aufgebaut worden sind.

Zwei Jahrhunderte lang war der Einfluss der liberalen Ideen – stärker, als wir uns das eingestehen – an die Vorherrschaft der westlichen Mächte gebunden. Heute schwindet der Einfluss des Liberalismus, denn die Agenda der globalen Politik prägen immer stärker die Grossmächte, die nicht zum traditionellen Westen gehören oder die sich, wie Russland, nicht entscheiden können, ob sie dazugehören. Der strategisch bei weitem wichtigste dieser Staaten ist China, das bereits als Supermacht wirkt.

Die Perioden des Aufstiegs und des relativen Niedergangs von Grossmächten waren in der Geschichte immer Zeiten von Spannungen und meist auch Krieg. Wie können wir mit diesen Spannungen umgehen, die liberale internationale Ordnung so weit wie möglich bewahren und Krieg vermeiden? Der Einfluss der Chinesen reicht inzwischen tief in liberale Demokratien hinein, stört unsere demokratischen Prozesse und nutzt finanzielle Macht sowie offenen Druck, um Journalisten und Akademiker zu zensieren, wie es sich am dramatischsten in Australien zeigt. Dies ruft uns dazu auf, im Herzen unserer Gesellschaften liberale Grundwerte wie die Redefreiheit und die Unabhängigkeit der Wissenschaft zu verteidigen.

Die leninistisch-kapitalistische Version des Entwicklungsautoritarismus in China, die es so noch nie gab, fordert die liberale Demokratie als Rivale heraus, wie es faschistische und kommunistische Regime im 20. Jahrhundert taten. Sie zeigt den sich entwickelnden Gesellschaften in Asien, Afrika und Lateinamerika einen alternativen Weg in die Moderne. Die liberale Welt gewann den Kalten Krieg vor allem, weil sie ihre eigenen Gesellschaften wohlhabend, dynamisch und attraktiv machte. Wir müssen es wieder tun, also andere überzeugen, dass liberale Gesellschaften ein besseres Leben bieten, und, ganz wichtig, zu jenen halten, die in unfreien Gesellschaften unsere Werte teilen. Aber realistischerweise müssen wir auch erkennen, dass wir auf lange Zeit in einer kompetitiven Koexistenz mit autoritären Regimen leben.

Wir brauchen die Kooperation mit ihnen, um Krieg zu vermeiden, Pandemien zu bekämpfen und uns gegen die Bedrohung zu verteidigen, die das Anthropozän definiert: den Klimawandel. Der globale Kampf, die Erderwärmung zu verlangsamen, fordert von uns auch, die Macht der übermächtigen Kohle-, Gas- und Erdölkonzerne zu beschränken, sei es mittels Desinvestition oder Regulierung. Aber das ist nur der Anfang. Wir brauchen eine starke Reduktion unseres CO2-Ausstosses, nicht nur bei unserem eigenen, sondern auch bei jenem, den wir mit Importen anderswo verursachen. Die Kosten für unseren persönlichen Lebensstil werden besonders hoch, wenn wir die Argumente für historische und intergenerationelle Gerechtigkeit ernst nehmen: dass der globale Norden, der schon einen grossen Teil des ökologischen Kapitals der Erde konsumiert hat, einen höheren Preis zahlen soll und dass die gegenwärtigen Generationen zugunsten der zukünftigen, die unter den Folgen der Erderwärmung leiden, Opfer bringen müssen.

Kommen wir freiwillig, mit liberal-demokratischer Politik zu solchen Opfern? Auf eine andere Frage meines Forschungsteams sagten 2020 erstaunliche 53 Prozent der jungen Europäer, sie glaubten, autoritäre Staaten könnten die Klimakrise besser angehen als demokratische. Unsere Aufgabe ist es, ihnen zu zeigen, dass sie falsch liegen.

Die Erwärmung, die nicht mehr zu vermeiden ist, wird die Wellen von Migrationswilligen aus dem verarmten globalen Süden in den globalen Norden wahrscheinlich weiter anschwellen lassen. Die Reaktion auf die Ankunft nur einiger Millionen von Migranten aus Afrika und dem Nahen Osten hat in Europa bereits etablierte liberale Demokratien destabilisiert. Und den Menschen aus Lateinamerika die Schuld an allen möglichen sozialen Übeln zu geben, war eine der Leitplanken des Trumpismus.

Der Entwicklungsökonom Paul Collier weist darauf hin, dass eine Begrenzung der Migration die Länder stärken könne, aus denen die Migranten kommen. Er stellt fest, in London gebe es mehr sudanesische Ärzte als im Sudan. Für kein Land ist es gut, wenn ein grosser Teil seiner jungen, gut ausgebildeten und unternehmerischen Bürger anderswo ein besseres Leben sucht. Und es ist nicht gut für die Freiheit an solchen Orten, wenn zu viele Liberale lieber das Land wechseln als die Politik ihres Landes.

Nichts davon entbindet aber Liberale von der Verpflichtung, für einen humanen Umgang mit all jenen zu sorgen, die verzweifelt in unsere Länder kommen wollen. Und nichts erspart uns die Frage, was wir für den grössten Teil der Menschheit tun müssen, den wir nicht in unsere Länder einlassen. Zumindest müssen wir mehr Aufmerksamkeit auf das Problem richten, was wirklich die Entwicklung von Ländern fördert und wie wir bei diesem Prozess helfen. Jede prosperierende Nation, die weniger als das von der Uno beschlossene Ziel von 0,7 Prozent des BIP für Entwicklungshilfe ausgibt, sollte sich schämen.

Wer diese globalen Herausforderungen auch nur skizziert, der erkennt, dass die externe Agenda für einen neuen Liberalismus noch viel anspruchsvoller ist als die interne. Die grösste Herausforderung aber ist es, alles zusammen gleichzeitig zu machen, vor allem wenn es Spannungen zwischen den Stossrichtungen des Dreizacks gibt. Wie, zum Beispiel, können wir die Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen, ohne die individuelle Freiheit allzu stark einzuschränken? Wie können wir die Ängste aufgrund der Einwanderung verringern, während wir die Menschenrechte der Migranten voll beachten? Wie können wir für die Rechte der Menschen in Hongkong und Taiwan einstehen und gleichzeitig mit China im Kampf gegen Klimawandel, Pandemien und globale ökonomische Krisen zusammenarbeiten?

Hin zu einem neuen Liberalismus

Kürzlich las ich einen interessanten Text des deutschen Schriftstellers Arnold Ruge, den er mit «Selbstkritik des Liberalismus» betitelte. Er wurde 1843 publiziert. Den Liberalismus gibt es schon lange, und die Selbstkritik ist sein charakteristischer Weg zur Erneuerung. Sogar «der neue Liberalismus» ist ein alter Begriff. Er wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbreitet gebraucht, um eine neue Generation von Denkern zu bezeichnen, die den Liberalismus stärker mit sozialen Komponenten anreichern wollten. Auf sie folgte eine explizit sozialdemokratische Wende im Liberalismus, mit dem New Deal von Franklin D. Roosevelt in den USA und dem Aufbau der Wohlfahrtsstaaten in Westeuropa nach 1945. Dann führte die neoliberale Wende seit den 1980er Jahren zurück zu freien Märkten und weg vom aufgeblähten «sozialistischen» Staat. Jetzt brauchen wir einen neuen «neuen Liberalismus».

Hier habe ich nur einige Ansätze zu dieser Erneuerung des Liberalismus angeboten. Ich stütze mich auf das Werk vieler anderer, und ich hoffe, dass andere meine Arbeit weiterführen. Ich stelle keine normative Theorie auf und schlage auch kein elaboriertes Programm vor. Es gibt, wie uns John Stuart Mill lehrte, «keinen Bedarf für eine universale Synthese». Das Streben nach maximalen, für alle und alles gleich passenden Lösungen machte die rationalistische Hybris des technokratischen Liberalismus in den letzten dreissig Jahren gerade mit aus. Es wich zu weit vom «piecemeal engineering» ab, das Karl Popper empfahl, also dem steten Tüfteln an kleinen Verbesserungen. Denn der Liberalismus sollte nie ein geschlossenes System, sondern eine offene Methode sein, eine Kombination von evidenzbasiertem Realismus und moralischen Ambitionen, immer bereit, aus den Fehlern zu lernen, die andere Leute, aber auch die Liberalen selber machen.

Dieser neue Liberalismus verteidigt standhaft die liberalen Grundwerte, wie die Menschenrechte, den Rechtsstaat, die Gewaltenteilung und die Freiheit der Rede und der Forschung, die für den Liberalismus als Methode, nicht als System unabdingbar ist. Er geht experimentell vor, mit Versuch und Irrtum, offen für das Lernen von anderen Traditionen wie dem Konservativismus und dem Sozialismus und ausgestattet mit der einfühlsamen Imagination, die wir brauchen, um die Welt durch die Augen anderer Menschen zu sehen. Er schätzt auch die emotionale, nicht nur die wissenschaftliche Intelligenz. Und er sieht ein, dass wir in vielen relativ freien Staaten im Würgegriff einer korporatistisch-plutokratischen Oligarchie ächzen. Wir müssen ihn mit demokratischen Mitteln aufbrechen, weil sonst die Wahlen in Demokratien weiter zum Untergraben des Liberalismus ausgenützt werden, indem Populisten (einige davon selber Plutokraten) eine unzufriedene Mehrheit gegen die «Liberalokratie» aufhetzen.

Dieser neue Liberalismus bleibt universalistisch, aber mit einem nüchternen, nuancierten Universalismus, aufmerksam für die Vielfalt der Perspektiven, Prioritäten und Traditionen von Kulturen und Ländern ausserhalb des Mainstreams des historischen Westens und wohlwissend um die Machtverschiebung weg vom Westen. Er bleibt individualistisch, seinem Ziel treu, die grösstmögliche Freiheit für das Individuum vereinbar mit der Freiheit von anderen zu schaffen, aber dies wird ein realistischer, kontextgebundener Individualismus sein. In seinen besten Ausprägungen hat der Liberalismus immer verstanden, dass Menschen nie sind, was der Rechtsphilosoph Jeremy Waldron als «selbstgeschaffene Atome einer liberalen Phantasie» bezeichnete, sondern dass sie in unterschiedlichen Gemeinschaften leben, die ihre tiefen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Anerkennung ansprechen. Dieser neue Liberalismus bleibt egalitär, indem er allen gleiche Chancen im Leben bieten will, und er versteht, dass die kulturellen und soziopsychologischen Aspekte der Ungleichheit so wichtig sind wie die ökonomischen. Und zu guter Letzt bleibt er melioristisch, aber mit einem skeptischen, historisch informierten Drang zur Weltverbesserung, der erkennt, dass es in der Geschichte sowohl Linearität als auch Zyklen und Rückzüge wie Vorstösse gibt – dass also der Fortschritt der Menschheit sich im besten Fall wie ein Korkenzieher aufwärts dreht, immer wieder mit Rückfällen auf dem Weg.

Grosse Autoren und rhetorisch begabte Politiker sind berufen, ein Narrativ zu entwickeln, das die Menschen stärker anspricht als jene, mit denen die «terribles simplificateurs», wie sie Jacob Burckhardt nannte, derzeit Millionen von unglücklichen Herzen verführen. Dies muss ein Liberalismus der Furcht sein, gemäss der berühmten Formulierung von Judith Shklar, aber auch ein Liberalismus der Hoffnung. Wie in einer Doppelhelix verknüpft sich die Angst vor der menschlichen Barbarei, in die wir jederzeit zurückfallen können, mit der Hoffnung auf die menschliche Zivilisation, die wir teils geschaffen haben und teils weiter schaffen können.

Was, wenn es schon zu spät ist? Was, wenn der Einfluss des Liberalismus zusammen mit der relativen Macht des Westens unaufhaltsam abnimmt? Was, wenn der Antiliberale Patrick Deneen recht hat mit seinem Hohn über «ein 500 Jahre altes philosophisches Experiment, das ausgelaufen ist»? Für mich selbst kann ich nur sagen, dass ich dann hoffentlich mit dem guten Schiff «Freiheit» untergehe, beim Pumpen im Maschinenraum, wo wir gegen das eindringende Wasser kämpfen. Wenn ich das letzte Mal einen Mund voll Salzwasser schlucke – glugg, glugg –, finde ich aber Trost im Gedenken an eine letzte, besondere Qualität der Freiheit: Einige Zeit nachdem das Schiff scheinbar auf Grund gesunken ist, taucht es wieder auf. Seltsamer noch: Es verdankt seinen Auftrieb gerade dem Absinken. Es ist kein Zufall, dass die leidenschaftlichsten Stimmen für die Freiheit, wie im Gefangenenchor von Beethovens «Fidelio», von Unfreien kommen.

Denn für die Freiheit gilt dasselbe wie für die Gesundheit: Wir wissen sie erst zu schätzen, wenn wir sie verloren haben. Der bessere Weg in die Zukunft, für Individuen wie für freie Gesellschaften, ist es aber, gesund zu bleiben.

Der Historiker Timothy Garton Ash ist Isaiah Berlin Professorial Fellow am St. Antony’s College in Oxford und Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University. Dieser Text erschien im englischen Original im Magazin «Prospect», Januar/Februar 2021. – Aus dem Englischen übersetzt von Markus Schär.

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