Switzerland

Negative Brexit-Folgen: Leere Regale, verrottendes Fleisch und Preisexplosionen

Premier Boris Johnson versprach seinen Landsleuten einen «fantastischen Deal» für die Handelsbeziehungen mit der EU. Die Realität in Grossbritannien präsentiert sich alles andere als grossartig.

Viele EU-Produkte lassen auf sich warten: Unvollständiges Food-Angebot in einem Supermarkt in Belfast (Nordirland).

Viele EU-Produkte lassen auf sich warten: Unvollständiges Food-Angebot in einem Supermarkt in Belfast (Nordirland).

Foto: Keystone

In Nordirland bemerkte man zuerst, dass etwas nicht stimmte. Kaum war das neue Jahr da, tauchten die ersten Lücken in den Supermärkten auf. In den folgenden Tagen weiteten sich diese Lücken auf vielen Regalen zu gähnender Leere. Verstört rieben sich die Einheimischen die Augen. Vertraute Ware aus England, Wales und Schottland kam nach dem Brexit nicht mehr über die Irische See.

Zur selben Zeit machten schottische Fischer die schockierende Entdeckung, dass sie ihre Fische nicht mehr «in Europa» absetzen konnten. Viele der Schwertransporter, die den frischen Fisch nach Frankreich transportieren sollten, stecken mittlerweile entweder schon auf der englischen Seite oder gleich hinter dem Ärmelkanal fest.

Statt 12 bis 24 Stunden brauchen die Lastwagen für ihren Trip zum Markt in Boulogne plötzlich fünf Tage. Bis sie ans Ziel kommen, ist ihre Fracht wertlos und verfault. Ähnlich geht es mit Fleischtransporten, die wegen fehlerhafter Papiere und penibler Kontrollen partout nicht über Calais hinauskommen.

Sind zum Beispiel Gesundheitszertifikate falsch ausgefüllt, kann es auch hier zu tagelangen Verzögerungen kommen – und zu Tonnen verrottenden Fleischs. Zudem haben grosse Kaufhäuser sowie viele kleine und mittlere Betriebe im Vereinigten Königreich seit Anfang Januar beschlossen, dass sich der Transport ihrer Ware zum Kontinent schon allein wegen der neuen Bürokratie und hoher Kosten nicht mehr lohnt.

Minister Gove: «Erhebliche Störungen an der Grenze»

Umgekehrt haben im Laufe der letzten drei Wochen auch manche europäischen Firmen ihre Exporte nach Grossbritannien eingestellt. Britische Konsumenten wiederum, die in den letzten Tagen arglos Waren «aus Europa» bestellten, trauen ihren Augen nicht, wenn ihnen Kuriere vor Übergabe der Ware an ihrer Haustür enorme Summen zusätzlich abverlangen, von denen bei der Bestellung nie die Rede war.

Neue Mehrwertsteuern, hohe Zollgebühren und beträchtliche Kurieraufschläge haben die Preise der bestellten Ware von einem Tag zum andern steil in die Höhe getrieben. «Käufer zahlen ein Drittel extra für Waren aus der EU», klagte die Londoner «Times». Damit hatte niemand gerechnet, als Premier Boris Johnson zu Weihnachten noch verkündete, ein «fantastischer» Deal für die Handelsbeziehungen mit der EU sei gefunden – und nun dürfe man sich über reibungslosen Verkehr zwischen seinem Land und der EU «zum Nulltarif» freuen (lesen Sie zum Thema die Analyse «Von nationaler Erneuerung kann keine Rede sein»).

Etwas vorsichtiger äusserte sich der für die Brexit-Umsetzung zuständige Minister Michael Gove, ein Brexit-Mitkämpfer Johnsons. Sein Land werde sich wohl oder übel auf «erhebliche Störungen an der Grenze» einstellen müssen, warnte Gove. Und nicht nur darauf. Britische Musiker haben bereits Alarm geschlagen, weil ihnen neue Visumsregeln das Bereisen der EU erschweren oder Touren sogar unmöglich machen.

Nach Ansicht des schottischen Fischereiverbands hat London einen «jämmerlichen Deal» mit der EU ausgehandelt.

Ähnliche Klagen gibt es bei allen möglichen Branchen, vom Rennsport bis zur Modeindustrie. Der Polizei fehlen wichtige Daten, die ihr kürzlich noch zur Verfügung standen. Britische Universitäten melden, nicht nur wegen der Pandemie, geringeren Zustrom aus der EU. In der Automobilproduktion, die noch immer über 800’000 Menschen beschäftigt, herrscht Unsicherheit. Und die Zukunft der britischen Finanzwirtschaft, die immerhin 80 Prozent der nationalen Wirtschaftskraft bestreitet, ist noch überhaupt nicht gelöst.

Zunächst haben allerdings, als Berufsgruppe, die Fischer und die fischverarbeitende Industrie, die hauptsächlich in Schottland angesiedelt sind, die Krise zu spüren bekommen. Sie haben bereits in der ersten Januarhälfte Verluste von 1 Million Pfund am Tag für ihre Branche gemeldet. Im Protest zogen sie letzte Woche mit Wagenladungen voll unverkäuflicher Krabben, Hummern, Langustinen und Lachse nach Westminster und drohten, ihre Fracht vor den Toren der Mutter der Parlamente auf die Strasse zu kippen.

Mit einem eilends eingerichteten Entschädigungsfonds in Höhe von 23 Millionen Pfund versuchte die Regierung, die erzürnten Gemüter zu beruhigen. Aber das änderte nichts an der Überzeugung des schottischen Fischereiverbands, dass London einen «durch und durch jämmerlichen Deal» ausgehandelt habe mit der EU.

Der Brexit macht den Warenverkehr komplizierter: Protest schottischer Fischer in London.

Der Brexit macht den Warenverkehr komplizierter: Protest schottischer Fischer in London.

Foto: Keystone

Vor allem in schottischen Küstengebieten, die früher einmal begeistert für den Brexit waren, ist die Stimmung in kurzer Zeit spürbar umgeschlagen. Dort müssen konservative Abgeordnete des schottischen Parlaments nun um ihre Wahlkreise fürchten, wenn dieses Parlament in vier Monaten neu gewählt wird. Schottlands Nationalpartei erhofft sich eine absolute Mehrheit und so ein Mandat für ein neues Unabhängigkeitsreferendum.

Gefahr im Verzug für die britische Einheit sehen Beobachter aber auch in Nordirland. In der alten Kron-Provinz jenseits der Irischen See gelten, weil man eine «harte Grenze» zum irischen Süden zu vermeiden hatte, weiterhin Binnenmarkts- und Zollunionsregeln der EU. Aus diesem Grund sind für den Transport von Waren vom britischen «Festland» nach Nordirland ebenfalls gewisse Kontrollen und bürokratische Prozesse nötig.

Behinderung des «innerbritischen» Warenverkehrs

Das hat nun zu leeren Regalen in Nordirland geführt – und zur Erklärung einer ganzen Reihe britischer Firmen, eine weitere Belieferung der Provinz sei der Aufwand schlicht nicht mehr wert. Erbost verlangen nordirische Unionisten, dass London diese Behinderung des «innerbritischen» Warenverkehrs wieder beseitigt – auch wenn eine solche Aktion gegen alle vertragliche Vereinbarungen mit der EU verstossen würde.

Just diese Unionisten waren es aber gewesen, die auf einen harten Brexit gedrängt und die gegenwärtige Situation mit verursacht hatten. Vorsichtig hat die irische Regierung in Dublin bisher auf die neue Situation reagiert. Sie will nicht beschuldigt werden, den Brexit zur Propagierung irischer Einheit zu benutzen.

Faktisch beginnen nordirische Supermärkte nun aber, fehlende britische Ware schon durch Produkte aus der Republik Irland – also aus der EU – zu ersetzen. Und die irische Regierung hat nordirischen Studenten angeboten, ihnen die weitere Teilnahme am Erasmus-Studienprogramm zu ermöglichen, aus dem Brexit-Britannien gerade ausgestiegen ist. Selbst bei Teilen der protestantischen Bevölkerung Nordirlands beginnen sich die Widerstände gegen eine Aufkündigung der Union mit England nach und nach abzuschwächen.

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