Switzerland

Natur im Lockdown: Erste Auswertungen zeigen Vorteile für manche Tierarten

Sars-CoV-2 zwingt die Menschheit zu verringerter Aktivität und senkt dadurch Umweltbelastungen. Forscher haben begonnen, die genauen Auswirkungen zu untersuchen.

Den Korallenmöwen hat der Lockdown Nistplätze wiedergegeben.

Den Korallenmöwen hat der Lockdown Nistplätze wiedergegeben.

Hans Glader / Imago

Na Guardis ist ein flacher Fels im Meer mit etwas Gestrüpp darauf. Im Frühling jedoch wurde die Miniinsel vor der Südküste Mallorcas zum Schauplatz einer kleinen Sensation: Dutzende seltene Korallenmöwen (Ichthyaetus audouinii) liessen sich auf dem Eiland nieder, bauten Nester und begannen zu brüten. Die Tiere waren dort seit Jahren verschwunden gewesen, wie der Biologe Giacomo Tavecchia vom Forschungsinstitut Imedea in Esporles berichtet. Denn Na Guardis liegt nur 300 Meter vom Strand entfernt und praktisch im Vorhof der Touristenhochburg Colònia de Sant Jordi. Neugierige Paddler und Schwimmer hatten die störungsempfindlichen Vögel vertrieben. Während des Corona-Lockdowns kehrten sie an ihren früheren Brutplatz zurück.

Man las im Frühjahr immer wieder Meldungen dieser Art, aus vielen Teilen der Erde. Plötzlich staksten Hirsche durch Vororte, Affen tanzten auf Strassen, und in einigen Häfen wurden auf einmal Delphine gesichtet. Die Natur kehre zurück, hiess es in den Medien. Wo immer Sars-CoV-2 das öffentliche Leben lähmte, schien die Tierwelt aufzuatmen. Verschmutzung und Lärmbelastung nahmen derweil deutlich messbar ab. Fachleute fanden schnell einen neuen Begriff für diesen ungewöhnlichen Zustand: die Anthropause. Deren Auswirkungen würden allerdings teilweise überschätzt, sagt Raoul Manenti von der Universität Mailand. Er und Kollegen haben den Lockdown-Effekt für Italien, das erste europäische Land mit radikalen Einschränkungen, untersucht. Ihre Ergebnisse, die sie in der Fachzeitschrift «Biological Conservation» vorgestellt haben, zeigen ein komplexes Bild.

In den sozialen Netzwerken seien zum Beispiel vermehrt Fotos von Füchsen in Stadtgebieten aufgetaucht. Aber das sei nichts Besonderes, betont Manenti. Auch die gern fotografierten Baumwollschwanzkaninchen in den Parks mehrerer italienischer Metropolen lebten dort schon länger. Solche Beobachtungen hätten keinen Neuigkeitswert. «Es gab einfach mehr Menschen, die zu Hause aus ihren Fenstern schauten oder bei den erlaubten kurzen Spaziergängen Tiere sahen», meint der Forscher. Ebenfalls bereits vor der Pandemie bekannt gewesen sei, dass Delphine Häfen besuchten. Dank dem verminderten Bootsverkehr hätten sich die Meeressäuger wahrscheinlich nur näher an die Quaimauern gewagt.

Es gab allerdings auch tatsächliche Veränderungen. Vor allem nachtaktive Tierarten wie das Wildschwein oder das Stachelschwein Hystrix cristata, das in Italien recht weit verbreitet vorkommt, waren während des Lockdowns vermehrt tagsüber unterwegs. Die geringe menschliche Präsenz senkte vermutlich ihre Scheu. An einem normalerweise viel von Anglern und Wassersportlern genutzten See bei Mantua wiederum tauchten plötzlich dort lange verschwundene Spezies auf, zum Beispiel der seltene Nachtreiher (Nycticorax nycticorax). Amphibien profitierten ebenfalls. Während der Frühlingswanderungen fielen deutlich weniger Frösche und Kröten dem Strassenverkehr zum Opfer.

Der Nachtreiher kehrte in die Nähe von Mantua zurück.

Der Nachtreiher kehrte in die Nähe von Mantua zurück.

Vassilis Ververidis / Imago

Auch den Insekten könnte die Anthropause gut bekommen sein: Manenti fand im Sommer bei einem regelmässig in der Nähe von Genua durchgeführten Monitoring dreimal so viele Laufkäfer der Art Calosoma sycophanta, des Grossen Puppenräubers. «Vielleicht gab es ein besseres Nahrungsangebot», spekuliert der Forscher. Die bis zu drei Zentimeter langen Käfer fressen vor allem Schmetterlingsraupen und deren Puppen. Einen ähnlichen Effekt scheint es bei Mauerseglern gegeben zu haben. Diese gerne in Städten nistenden, insektenfressenden Vögel legten in dieser Saison signifikant mehr Eier als in den vorangegangenen Jahren. Die übliche Luftverschmutzung verringere die Insektendichte, erklärt Manenti.

Die Bilanz ist gleichwohl nicht ungetrübt. In diversen Fällen bewirkte der Lockdown einen zeitweiligen Stopp von Schutzmassnahmen oder schränkte die Arbeit von Rangern und Freiwilligen ein. Invasive Tier- und Pflanzenarten haben sich möglicherweise stärker ausgebreitet. Es gibt zudem deutliche Hinweise auf eine Zunahme illegaler Aktivitäten. Die klandestine Jagd, berichtet Manenti, habe vermutlich gerade bei Zugvögeln einen hohen Tribut gefordert. Inzwischen untersuchen Forscher auch in anderen Weltregionen die Auswirkungen der Anthropause. Schon die bisherigen Resultate gäben aber einen Eindruck davon, welch gewaltigen Druck die Menschheit auf die Natur ausübe, sagt Manenti.

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