Switzerland

Nationalrat, Biobauer und Rindfleischproduzent Kilian Baumann fordert: «Der Fleischkonsum muss halbiert werden»

«Die Bauern gibt es so nicht», sagt Kilian Baumann, «es gibt unterschiedliche Haltungen unter den Landwirten.» In der Öffentlichkeit dominiert indes die Stimme des Schweizerischen Bauernverbandes mit ihrem Präsidenten Markus Ritter. Baumann vertritt neu die Grünen im Nationalrat und hofft, dass nun auch die alternativeren Bauern besser gehört werden.

In Ihrer Fraktion gibt es überzeugte Veganer und Vegetarier. Fühlen Sie sich da als Fleischproduzent wohl?

Kilian Baumann: Sehr. Ich schätze Leute, die keine tierischen Produkte essen. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur CO2-Reduktion. Unser Planet wird gegen die Wand gefahren. Der Fleischkonsum in der Schweiz muss halbiert werden. Ich setzte starke Hoffnungen in innovative Ersatzprodukte wie gepflanztes Poulet aus Erbsen und Soja. Bei Chicken Nuggets etwa könnte das Fleisch problemlos ersetzt werden. Es ist nur drin, weil es nicht als solches erkennbar ist und keinen Geschmack hat. Das wäre eine starke Klimaschutzmassnahme, unter der niemand leiden muss.

Sie sind Fleischproduzent und wollen den Konsum reduzieren. Wie geht das zusammen?

Ich habe eine Verantwortung. Aber ich stehe dazu, dass in der Schweiz auch in Zukunft tierische Produkte produziert werden. Viel Fleisch können wir ja nur produzieren, weil wir Futter importieren ­– das ist ein riesiges Problem.

Der Bauernverband beklagt ein Bauernbashing, zu Recht?

Das Bauernbashing ist zum Teil selbst verschuldet. Der Bauernverband blockt zu viel ab, er müsste Konsumentenanliegen stärker aufnehmen. Bei den Pestiziden haben auch die Politiker und Behörden Fehler gemacht. Sie haben die Mittel bewilligt, und die Bauern haben sie eingesetzt.

Ein Behördenversagen?

Die Behörden wissen schon seit mehr als zehn Jahren, dass wir ein Problem mit dem Grundwasser haben. Die Wasserversorger haben darauf hingewiesen. Ich übrigens auch, und man hat mich als «grünen Spinner» bezeichnet. Erst dank der Trinkwasserinitiative wurde das Pestizid zum medialen Thema, und jetzt bewegt sich die Politik.

Die zuständige Parlamentskommission will die Umweltrisiken, die durch den Pestizideinsatz entstehen, bis 2027 halbieren. Reicht das?

Nein. Vor allem finde ich es falsch, dass die Branche Lösungen finden soll und der Bund erst eingreift, wenn die Ziele nicht erreicht werden. Ich weiss, wie das läuft. Im Kanton Bern gibt es ein Pflanzenschutzprogramm. Der Bauernverband hat das Sagen. Was hat man beschlossen? Den Landwirten werden neue Spritzen und Waschplätze finanziert. Der Pestizideinsatz wird mit Steuergeldern vergünstigt, anstatt dass das Problem richtig angepackt wird.

Die Initiative verlangt auch, dass Bauern kein Futter mehr zukaufen dürfen. Das würde die Landwirtschaftspolitik radikal verändern.

Ja, die Umsetzung wäre eine Herausforderung. Es bräuchte flankierende Massnahmen, damit regional noch Futter gehandelt werden könnte, finanzielle Hilfen und Härtefallregeln für Bauern, die viel in Masthallen investiert haben. Aber in den zentralen Punkten zeigt die Initiative, wie die Landwirtschaftspolitik aussehen müsste.

Zum Beispiel?

Es ist wichtig, dass ein Hof nur so viele Tiere hat, wie er mit seinem eigenem Futter versorgen kann. Sonst leiden Biodiversität und Artenvielfalt. Denn das zugekaufte Futter löst sich nicht in Luft auf, sondern wird zur Gülle oder Mist und muss auf die Äcker gebracht werden. Der Nährstoffeinsatz ist zu gross: Auf diesen Flächen wachsen die Kulturen gut, aber kein Blümlein mehr.

Ohne Futterimporte ist die Poulet- und Schweinemast in der Schweiz am Ende.

Ja, das ist so, oder zumindest wieder in einer Dimension wie früher. Pouletfleisch wird fast ausschliesslich mit Importfutter produziert. Daher sollten wir es, wenn möglich, durch Alternativprodukte ersetzen.

Dann steigen einfach die Importe.

Nein, das darf nicht die Lösung sein. Wir müssen weniger Fleisch konsumieren. Fast die Hälfte des Pouletfleisches wird übrigens bereits jetzt importiert, wir sollten nur noch Biopoulets aus den Nachbarländern einführen, dort wäre auch die Futtergrundlage für die Tiere vorhanden. Bei der Trinkwasserinitiative geht es aber nur um die Beiträge: Jeder Bauer kann weitermachen wie bisher, einfach ohne Direktzahlungen.

Deshalb könnte die Initiative kon­traproduktiv sein: Wenn Bauern auf Direktzahlungen verzichten und voll auf Masse setzen werden.

Diese Drohung nehme ich nicht ernst. Angesichts des aktuellen Zeitgeistes würde ich keinem Bauer empfehlen, auf die Massentierhaltung zu setzen. Und die Umwelt-/Gewässer- und Tierschutzgesetze müssten sie ja trotzdem einhalten.

Welche Verantwortung hat der Konsument?

Wir können nicht alles auf die Konsumenten abschieben, die Politik muss die Weichen stellen. Sie greift schliesslich sehr stark ein: Mit Direktzahlungen oder auch mit den Importregeln steuert die Politik, was und wie in der Schweiz produziert wird. Wir könnten zum Beispiel die Importzölle für Bio-Getreide senken, das würde die Schweizer Landwirtschaft umpflügen.

Weshalb?

Die Zölle schützen heute die konventionelle Landwirtschaft vor der weltweiten Bio-Konkurrenz, etwa vor Bio-Getreide aus Süddeutschland.

Wollen Sie Importhürden abbauen?

Nein, aber wir wollen nachhaltige Zölle einführen. Wir befürworten Nachhaltigkeitskriterien bei den Importen. Wenn der Bauernverband helfen würde, wäre das super.

Bauernpräsident Markus Ritter hat sich in diesem Sinne geäussert, für eine neue Agrar-Allianz zwischen Grünen und Bauern.

Wir sind froh, wenn wir bei den Importen die gleichen Ziele verfolgen wie der Bauernverband. Ritter hat die Zeichen der Zeit erkannt.

Er verlangt für die neue Agrarallianz ein Entgegenkommen und will die Vorschriften für die Tierhaltung «in einem vernünftigen Mass anpassen». Bieten Sie Hand dazu?

Die Massentierhaltungsinitiative verlangt, dass sich die Tierhaltungsbedingungen in den nächsten 25 Jahren verbessern. Wer möchte das nicht?

Ziel der Initiative ist, dass in der Schweiz der Bio-Standard gilt. Man könnte den Entscheid auch den Konsumenten überlassen.

Ja, Bio wird vorgeschlagen, weil es schon Richtlinien gibt. Für Hühner liegt die Höchstzahl bei 4000 pro Stalleinheit, das ist nicht wenig. Der Bundesrat hat das Problem anerkannt und will einen Gegenvorschlag ausarbeiten. Ich finde es schade, dass der Bauernverband schon wieder sagt: es braucht nichts in den nächsten 25 Jahren.

Ritter will Verbesserungen, einfach keinen Bio-Standard für alle, sondern «einen vernünftigen Mittelweg».

Das hat er so in der «SonntagsZeitung» gesagt. Im «Schweizer Bauer» tönte es schon wieder etwas verhaltener.

Sie trauen Ritter nicht?

Doch, doch.

Wie verstehen Sie sich mit Markus Ritter? Er ist ja Bio-Bauer wie Sie.

Gut. Er ist mein politisches Vorbild (lacht).

Meinen Sie das ironisch?

Nein. Er kontert den Druck sehr gut und auf eine sympathische Art. Die Bauern haben ihm viel zu verdanken.

Er spricht von einem Schicksalsjahr für die Bauern.

Die nächsten Jahre werden Schicksalsjahre wegen der Klimakrise, aber nicht wegen der Landwirtschaftsinitiativen, die der Bauernverband bodigen will. Bei diesen Initiativen geht es um Konsumentenanliegen. Als Bauern können wir nicht mit Millionen gegen unsere Konsumenten ankämpfen.

Die Konsumenten sind widersprüchlich. Sie verlangen mehr Nachhaltigkeit und kaufen dann doch keine Bio-Produkte.

Die Zunahme von Bioprodukten ist massiv.

Auf tiefem Niveau. Der Marktanteil liegt bei 12 Prozent.

Immerhin kauft eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer Bioprodukte, allerdings nicht jeden Tag. Es gibt viele kleinere Läden, die nur wenig oder gar keine Bioprodukte anbieten.

Bei der Bio-Milch gibt es Überschüsse.

Bei der konventionellen Milch ebenfalls! Nun haben wir zum ersten Mal einen Überhang bei der Bio-Milch. In anderen Bereichen kann die Nachfrage nicht gedeckt werden.

Der Bundesrat will mit der neuen Agrarpolitik die Bauern auf Grün trimmen. Sind Sie zufrieden?

Die Richtung stimmt, aber wir brauchen fundamentale Veränderungen. Unsere auf Masse ausgerichtete Landwirtschaftspolitik steckt in einer Sackgasse.