Switzerland

Nachts kommen sie aus ihren Löchern

Sie schwimmen in den Kanalisationen, huschen durch die Keller, leben an den Flüssen, bevölkern die Untergrund-Bahnen, reisen auf Schiffen, stehlen sich in die Getreidespeicher. Sie greifen in den Ghettos Kinder an, fressen Vögel und Reptilien, verbreiten die Pest. Sie sind beweglich, flink und geschickt. Sie vermehren sich ungeheuer schnell. Sie verhalten sich scheu und kommen nachts aus ihren Löchern. Sie lernen rasch, gehen sozial miteinander um und gehören zu den intelligentesten aller Tiere.

Ausserdem nimmt ihre Population ständig zu. In den Städten leben viel mehr Ratten als Menschen, in den armen Städten und den Ghettos sind es noch viel mehr. Je mehr Dreck herumliegt, desto mehr gefällt es den Ratten dort, weil sie leichter Nahrung finden. Das Anwachsen der Rattenpopulation hat mit dem Klimawandel zu tun, weil die Tiere in den milden Wintern besser überleben können. Dass kürzlich Ratten im Coop Stadelhofen gesehen wurden, mitten in Zürich, wo sie Mayonnaise-Tuben aufbissen, ist den Leuten eingefahren. Coop musste sofort reagieren, es drohte eine PR-Katastrophe. Lücken wurden abgedichtet, Fallen aufgestellt und Giftköder ausgelegt.

Die Bedrohung des Menschen findet in der unsichtbaren Präsenz der Ratte eine Bestätigung.

Warum haben wir solche Angst vor diesen Tieren? Ratten sind klein, sie lassen sich zähmen und können herzig dreinschauen. Dennoch erschrecken sie uns. Sie klettern durch unsere Albträume, nagen sich durch Horrorfilme, verbreiten Dekadenz, Krankheit und Tod. In der Science-Fiction wachsen die Tiere, genetisch manipuliert, zu riesigen Wesen heran. Im Folterraum von George Orwells «1984», dem Zimmer 101, sieht sich jeder Gefangene mit seiner tiefsten Angst konfrontiert. Bei der Hauptfigur des Romans, Winston Smith, sind es Ratten. Als er erfährt, dass diese ihm das Gesicht zerbeissen sollen, wünscht er sich schreiend, seine Freundin Julia möge die Tortur erleiden. Und wird dadurch gebrochen.

Wie wenig wir diese Tiere mögen, zeigt die Metaphorik. «A rat» meint im Englischen einen Verräter. Menschen als Ratten zu dehumanisieren, das taten die Nazis mit den Juden. Adolf Hitler bezeichnete sie als Parasiten, die sich in einem kontaminierten Volkskörper ausbreiteten, weil sie zum Überleben ein Wirtsvolk brauchten. Das jüdische Ungeziefer, schrieb «Der Stürmer», wolle das arische Volk vernichten. Juden wurden zu raffenden Mitgliedern des Hochkapitals erklärt und ihnen ein verschlagener, gieriger Charakter unterstellt. Parasiten müssen ausgemerzt werden: Mit dieser Analogie bereiteten die Nazis den Holocaust vor.

Die Bedrohung des Menschen findet in der unsichtbaren Präsenz der Ratte eine Bestätigung. Aus der Angst vor dem Konkreten wird eine Furcht vor dem Unheimlichen. Die wuselnde, sich überall ausbreitende, unsichtbare, omnipräsente Population dieser Tiere verkörpert das Grauen des Unbewussten.

Städte wie New York und London, in denen besonders grosse Ratten leben, führen regelmässig Entgiftungsaktionen durch, die aber immer weniger Wirkung zeigen. Entweder entwickeln die Ratten eine Immunität. Oder sie sind zu intelligent, um die Köder zu fressen. Und wir bekommen noch mehr Angst.