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Nach Rücktritt: Die Erklärung der Hertha-Spitze gerät zum Desaster für Jürgen Klinsmann

Am Mittwochabend hat der Hertha-Coach die Gründe für seine überraschende Demission erläutert. Die Ausführungen von Manager Preetz und Investor Lars Windhorst vom Donnerstag tönen ganz anders.

Jürgen Klinsmann wird nicht zur Hertha zurückkehren.

Jürgen Klinsmann wird nicht zur Hertha zurückkehren.

Annegret Hilse / Reuters

Kuriose Abgänge von Trainern haben im Berliner Fussball eine gewisse Tradition. Begründet wurde sie vor etwas mehr als zehn Jahren von Lucien Favre, als dieser sechs Wochen nach seinem Rauswurf bei der Berliner Hertha zu einer Pressekonferenz ins Hotel Adlon lud. Dort gab Favre seine Sicht der Dinge zum Besten, die sich ganz wesentlich von derjenigen der Klubverantwortlichen unterschied.

Nicht bekannt ist, ob Jürgen Klinsmann den denkwürdigen Auftritt des Kollegen aus der Schweiz im Sinn hatte, als er nach seiner überraschenden Demission am Dienstagmorgen für den Mittwochabend einen Chat via Facebook ankündigte. Dort erläuterte Klinsmann die Gründe für sein fluchtartiges Verlassen der Hertha – offenbar im Bemühen, dadurch die Kommunikationshoheit über die Ereignisse zu erlangen. In der Zwischenzeit hatte allerdings die Hertha eine Medienkonferenz für den Donnerstag anberaumt, auf der nicht nur der Präsident Werner Gegenbauer und der Manager Michael Preetz auftraten, sondern auch der Investor Lars Windhorst, der sich seinen Einstieg bei der Hertha BSC 225 Millionen Euro hatte kosten lassen.

«Glaubwürdigkeit verloren»

Die grossen Pläne, die er mit der Hertha habe, sehe er durch Klinsmanns Flucht nicht gefährdet, sagte Windhorst konziliant. Doch der ruhige Eindruck, den Windhorst vermittelte, täuschte gravierend. Sein Urteil über Klinsmann ist unerbittlich: «Jürgen Klinsmann hat viel an seiner Glaubwürdigkeit verloren. Das ist wirklich traurig, aber wir müssen damit leben.»

Was sich am Donnerstag zur Mittagszeit im Berliner Westend abspielte, war nicht mehr und nicht weniger als die vollständige Demontage des Trainers Jürgen Klinsmann. Vom selbsterklärten Macher blieb nichts mehr übrig, ebenso wenig vom Kommunikator, als der Klinsmann sich begreift. Klinsmanns Versuch, die Hoheit über die Deutung der Geschehnisse zu erlangen, darf als spektakulär gescheitert angesehen werden. Die Art und Weise des Rücktritts kommentierte Windhorst mit einem einprägsamen Vergleich: «Das kann man als Jugendlicher machen, aber nicht im Geschäftsleben unter Erwachsenen, wo man ernsthafte Vereinbarungen hat.»

Die Klubführung hatte die Reihen fest geschlossen. Da war kein Durchkommen. Klinsmanns Argumente vom Vortag klangen damit schal. Der Manager Preetz etwa will in den knapp elf Wochen der Zusammenarbeit mit Klinsmann nie etwas von einem Dissens gewusst haben und sah sich genötigt, dies zu erläutern. «Da haben wir uns aufgerieben in vielen, vielen Nebenkriegsschauplätzen», so hatte dagegen Klinsmann sich im Chat beklagt. Ihm sei «unglaublich aufgestossen», dass der Manager auf der Bank sitze und sich emotional engagiert zeige.

Auch die Frage nach den Kompetenzen beurteilte Preetz ein wenig anders als der Trainer, dem offenbar ein gegenteiliges Ideal vorschwebte: Er sei es aus der englischen Premier League gewohnt (dort spielte Klinsmann vor 25 Jahren für Tottenham Hotspur), dass der Trainer in den wesentlichen Entscheidungen das letzte Wort habe.

Nun fragt man sich, wie Klinsmann zu dieser Einschätzung kommt. Vor einem Jahrzehnt arbeitete er als Trainer für den FC Bayern München. In diesem Verein mit damals so starken Figuren wie Uli Hoeness und Karl-Heinz Rummenigge dürfte er nur schwerlich den Eindruck gewonnen haben, dass es der Trainer ist, der das letzte Wort hat. Aber vielleicht fühlt er sich auch als eine Art Generalbevollmächtigter für das Berliner Projekt des Investors Lars Windhorst: Ganz gross denken – darin trafen sich der Fussballfachmann und der Kapitalmarktexperte. Einen «Megaklub» für Berlin, das wollten sie. Dass Windhorst die grossen Ambitionen am Donnerstag bekräftigte und glaubte, es sei keine «rocket science», deren es bedürfe, um in die europäische Spitze vorzustossen, illustriert die gewaltigen Erwartungen des Investors.

Keine Chance zum Einlenken

Dass er in Klinsmann allerdings keinen ebenbürtigen Komplizen gefunden hatte, wurde Windhorst spätestens am Dienstag gewahr. Da sei er am Morgen in einer Besprechung gewesen, die er nicht habe verlassen können, doch die Viertelstunde Verzögerung hatte gereicht: Klinsmann machte seinen Rücktritt via Facebook öffentlich – und stellte so die Hertha vor vollendete Tatsachen.

Folgen hat dies noch auf einer anderen Ebene: Klinsmanns Mandat im Aufsichtsrat hat sich mit seiner Art und Weise der Kommunikation erledigt: «Rein technisch ist Herr Klinsmann derzeit nicht Mitglied im Aufsichtsrat, weil sein Mandat ruht. Und er wird nicht mehr in den Aufsichtsrat berufen», sagte Windhorst. Kompetenzen wird Windhorst, dem die «Süddeutsche Zeitung» bescheinigt, er wisse vom Fussball so viel wie die «Berliner Karmelitinnen von den verruchten Motto-Abenden im Berliner Kit-Kat-Club», demzufolge anderswo einkaufen müssen.