Switzerland

Nach Messerattacke: Szene und Clubs wollen Zeichen setzen

Samstagabend, kurz nach 23 Uhr. Vor dem Club Hive ist die Schlange eine Viertelstunde nach Türöffnung schon mehr als 50 Meter lang. Die Stimmung pendelt irgendwo zwischen ungeduldig und vorfreudig. Boyahkasha heisst die Partyreihe, für die sich diese Nachtschwärmer in die Reihe stellen. Sie gehört seit vielen Jahren zum Fixpunkt des schwulen Zürcher Nachtlebens und lockt jeweils Hunderte an.

Doch etwas ist anders an diesem Wochenende. Man konnte es tagsüber schon an den grossen Lettern am Club Hive erkennen, die von den ein- und ausfahrenden Zügen aus zu lesen sind: «Stop Homophobia». Die Stimmung in der schwul-lesbischen Szene schwankt zwischen den Extremen.

Denn da war nicht nur das für die LGBTQI-Gemeinde wichtige, überraschend deutliche Abstimmungsergebnis zugunsten der Ausweitung der Anti-Rassismus-Strafnorm von Anfang Februar. Wenige Stunden vor Bekanntgabe des Ergebnisses am Abstimmungssonntag wurden beim Zürcher Club Heaven drei Menschen durch eine Messerattacke verletzt. Der Vorfall reihte sich ein in eine Anhäufung von Hate Crimes im vergangenen Jahr in der Stadt Zürich wie auch in der Schweiz oder im nahen Ausland.

Die Stimmung in der schwul-lesbischen Szene schwankt zwischen den Extremen. 

«Ich nehme in meinem Umfeld derzeit eine Verunsicherung war», sagt Marco Uhlig. Er ist Organisator der Boyahkasha-Partyreihe und Besitzer des Zürcher Clubs Heaven. Auf der anderen Seite sehe er auch einen erstarkten Zusammenhalt in der Community. Die fast hundert Meter lange Schlange, die sich nach Mitternacht vor dem Hive bildete, deutet er als Ausdruck davon. Ebenso die positiven Reaktionen, die er auf Social Media erfahre. «Diese Woche war eine Achterbahnfahrt», sagt Uhlig.

Für ihn hiess das auch: viel Arbeit. Mit einigen in der Szene aktiven Leuten hielt er Sitzungen ab. Dabei definierte das Gremium, wie es auf die aktuellsten Gewaltvorfälle auf Zürichs Strassen reagieren könnte.

Als Sofortmassnahme hat er an diesem Wochenende in der Strasse vor dem Heaven zum ersten Mal Leute aus seinem neu geschaffenen Awareness-Team eingesetzt. Ein Mitarbeiter patrouillierte in der Freitagnacht vom Eingang des Clubs an der Spitalgasse zum Hirschen- und wieder hoch zum Zähringerplatz. Sein Job: aggressiv auftretende Männer per Funk dem Sicherheitspersonal melden. Eine ähnliche Art von Selbstorganisation prüfen derzeit auch Clubs in Berlin, wo die Zahl der Hate Crimes im letzten Jahr ebenfalls in die Höhe geschnellt ist. Uhlig steht mit ihnen in Kontakt.

Uhlig ist zufrieden mit dem ersten Einsatz seines Awareness-Verantwortlichen. «Die Freitagnacht verlief ohne weitere Zwischenfälle», sagt er. Die Gäste seien zahlreich aufgekreuzt und hätten sich sicher gefühlt. Das sei auch der Präsenz der Stadtpolizei zu verdanken, die nach den Attacken vom letzten Wochenende angekündigt hatte, ein Augenmerk auf die Szenerie im Niederdorf zu richten.

Grobe Attacken häufen sich

Im Hive ist die Party gegen Mitternacht in vollem Gange. Die Gäste wippen zu den House-Beats, die aus den Boxen dringen. Unter den Tanzenden ist auch Bastian Baumann. Der Mittdreissiger ist Journalist beim queeren Magazin «Mannschaft» und ehemaliger Geschäftsleiter von Pink Cross, der grössten, privat organisierten Schweizer Bürgerrechts- und Selbsthilfeorganisation für die Schweizer LGBTQI-Gemeinschaft.

Auch für ihn sei die Woche aussergewöhnlich gewesen, sagt er. Der aktuellen Diskussion rund um das Thema gewinnt er etwas Positives ab. «Die ansonsten sehr diverse Gemeinschaft wächst zusammen und kriegt Aufmerksamkeit», sagt er. Viele aus der Community fühlten sich zudem ermutigt, negative Erlebnisse, die sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung erlebten, bei der Hotline von Pink Cross zu melden.

«Verbale Attacken aber kommen jedes Wochenende vor. Ich muss einschätzen, wie gefährlich das ist.»Ramon Herzog, ist im Awareness-Team des Heaven

Roman Heggli, Geschäftsleiter von Pink Cross, bestätigt, dass sich die Anzahl Meldungen seit der Messerattacke in Zürich in der Silvesternacht, bei der eine Person schwer verletzt wurde, deutlich erhöht habe. Doch habe das nicht nur mit der gesunkenen Hemmschwelle für die Betroffenen zu tun. Heggli beobachtet auch eine Häufung von «groben Angriffen» in jüngster Zeit. Zehn Meldungen zu schwerwiegenden Vorfällen seien alleine im Januar bei Pink Cross eingegangen. Um kurzfristige Massnahmen gegen eine in der Szene auftretende Verunsicherung zu definieren, hat Pink Cross auf Ende Februar eine Tagung einberufen.

Vor dem Club Heaven ist in der Nacht auf Sonntag nichts von besagter Verunsicherung zu spüren. Die Schlange reicht nachts um halb eins weit auf die Spitalgasse hinaus. Die Gäste lachen und plaudern. Nur manchmal rauscht ein «Pssst» durch die Gasse. Es kommt von Ramon Herzog, der seinen ersten Abend im Awareness-Team des Heaven bestreitet. Mit oranger Leuchtweste über der Jacke und Funkgerät im Ohr patrouilliert er durch die Strassen – und sorgt sich dabei auch um die Nachtruhe.

Der 22-jährige Herzog arbeitet seit vielen Jahren im Heaven. «Ich kenne viele Leute und sehe, ob jemand zur Community gehört oder nicht», sagt er. Bisher sei der Abend ruhig verlaufen. Auf dem Hirschenplatz habe er vor einer Stunde zwar eine Gruppe junger Männer beobachtet, die ausfällig geworden sei. «Verbale Attacken aber kommen jedes Wochenende vor. Ich muss einschätzen, wie gefährlich das ist.»

Vorsichtig nach Angriffen

Nach 2 Uhr ist die Strasse vor dem Heaven wie leer gefegt. Der Club dagegen ist voll. Die Luft vibriert, an die 200 Gäste sind gekommen. Es riecht nach Redbull und Schweiss, die Gäste tanzen zu den Pophits, die aus den Lautsprechern schallen. «Im Club fühlen sich die Leute sicher», sagt der Besitzer Uhlig.

Dass das nicht für die ganze Stadt gelte, sei seinen Gästen bewusst. Gegenden wie jene rund ums Lochergut, wo sich vergangenen Sommer ein Angriff auf Aktivisten ereignete, oder am HB liessen viele Schwule vorsichtig werden. Sie schauten auch in dieser Samstagnacht auf dem Nachhauseweg zweimal hin, wenn ihnen auf der Strasse jemand entgegenkam.

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