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Mythos Männergrippe: Warum kranke Männer anders leiden als Frauen

Männer sind nicht wehleidig, das muss mal gesagt sein. Generell sind Frauen schmerzempfindlicher, das haben verschiedene Studien bewiesen. Männer können sich einen gebrochenen Arm mit einem alten T-Shirt selbst schienen, spielen mit gerissenem Kreuzband den Fussballmatch zu Ende oder fahren sich blutüberströmt selbst ins Spital. Alles kein Problem.

Heldenhafte Verletzungen stecken Männer gut weg

Das mit der männlichen Tapferkeit scheint aber nur zu gelten, so lange es sich um selbst verschuldete, heldenhafte Verletzungen handelt. Verletzungen, die im besten Fall eine Narbe und im zweitbesten eine tolle Geschichte zurücklassen.

Ganz anders sieht die Schmerzempfindlichkeit aus, wenn winzige, hinterhältige Viren den Mann von innen angreifen. Mit einem abgehackten Daumen kann ein Mann notfalls noch die Welt retten, mit einer verstopften Nase schafft er es nicht mehr vom Sofa ins Bett.

Sexistische Werbung mit dem leidenden Mann

Soviel zum sexistischen und vor allem von Frauen gern belächelten Klischee des armen kranken Mannes, der bei 38 Grad Fieber die letzte Salbung verlangt. Der Begriff «Man flu» findet sich sogar in den Wörterbüchern von Oxford und Cambridge. Darin wird die Männergrippe wie folgt definiert:

Auch die Werbung bestärkt die Stereotypen des wehleidigen Mannes und der umsorgenden Frau. Nasivin, ein Produkt der St.Galler Iromedica AG, wirbt auch im Jahr 2020 ziemlich unverfroren mit dem Spruch «Männerschnupfen? Verkürzen Sie das Drama».

Man stelle sich diese Kampagne mit umgekehrten Geschlechterrollen vor. Der Sexismusvorwurf würde nicht lange auf sich warten lassen.

Witzig oder schon sexistisch? Aktuelle Nasenspray-Werbung.

Nun bekommen die verschnupften Männer Schützenhilfe von der Wissenschaft. «Männliche Patienten kämpfen bei viralen Infekten häufiger mit Komplikationen, müssen bei einer Grippe schneller ins Krankenhaus und sterben sogar eher daran als Frauen», schreibt der kanadische Forscher Kyle Sue vom Health Sciences Centre in Neufundland in seinem Report. Im Rahmen einer Meta-Studie wollte er herausfinden, ob Männer die Symptome einer Grippe tatsächlich stärker erleben und ob dies einen evolutionären Grund haben könnte.

Männer sterben eher an Grippe als Frauen

Er wurde fündig, sogar mehrfach. Denn die Sache mit der Immunabwehr ist komplex. Sie beginnt dort, wo sich Männlein und Weiblein elementar voneinander unterscheiden – bei den Chromosomen. Frauen haben einen Vorteil, da sie über zwei X-Chromosomen verfügen. Auf diesen liegen besonders viele Gene, die für die Abwehr zuständig sind. Frauen sind also genetisch schon besser gerüstet, um fiese Grippeviren zu kontern.

Damit aber nicht genug, auch die Hormone spielen auf der Seite der Frauen. Das weibliche Sexualhormon Östrogen regt die Vermehrung der spezifischen Abwehrzellen an.

Testosteron ist schlecht für die Immunabwehr

Das männliche Geschlechtshormon Testosteron wirkt sich gegenteilig aus. Es ist gut für den Bartwuchs und den Sexualtrieb, aber es vernachlässigt die Immunabwehr. Deshalb reagiert das spezifische Immunsystem von Frauen schneller und aggressiver gegen Krankheitserreger als das von Männern. Das männliche Immunsystem erkennt Erreger zwar sofort, bekämpft sie jedoch nicht sehr effektiv. Und es kommt noch schlimmer: Je höher der Testosteronspiegel eines Mannes, desto träger wird die Abwehr. Da sich die Erreger so besser ausbreiten können, dauert eine Erkältung oder eine Grippe bei Männern oft länger.

Die effektivere Immunabwehr haben Frauen dem Umstand zu verdanken, dass sie Kinder auf die Welt bringen. Eine langsame und lahme Virenabwehr kann für einen Fötus schnell lebensbedrohlich werden. Amerikanische Forscher konnten beweisen, dass sich die Immunabwehr der männlichen Seepferde, welche die befruchteten Eier in ihrer Bauchtasche tragen, während ihrer Schwangerschaft deutlich verbessert.

Soviel zu den körperlichen Nachteilen, welche Männer länger und öfter aufs Krankenlager zwingen können. Es gibt aber auch einige Verhaltensmuster, die dazu führen, dass Mann häufiger an der Grippe leidet.

Frauen waschen sich öfter die Hände

Frauen waschen sich zum Beispiel dreimal so oft die Hände wie Männer – ein gutes Mittel gegen Infektionen. Auch essen Männer oftmals weniger frisches Obst und Gemüse, klagen häufiger über Stress im Job, lassen sich seltener impfen. Alles nicht gerade gesundheitsfördernde Massnahmen. Und, auch das sei erwähnt, Männer gehen oft zu spät zum Arzt, aller Endzeitschmerzen bei 38 Grad Fieber zum Trotz. Studien zufolge können Männer Körpersignale schlechter deuten als Frauen. Deshalb schonen sie sich zu spät und sind umso überraschter, wenn eine Erkältung oder Grippe zuschlägt.

Die Männergrippe ist also kein Vorurteil fieser Ehefrauen, sondern wissenschaftlich erwiesen. Darum liebe Frauen, wenn ihr Mann das nächste Mal krank ist, nicht sexistisch werden und ihn auslachen, sondern ihn ein bisschen umsorgen.