Switzerland

Mundschutz vor 500 Jahren: Bizarr und unheimlich: Diese Masken prägten das Mittelalter

Der Schnabeldoktor ist zum Sinnbild des Schwarzen Todes geworden. Doch wie verbreitet war die Vogelmaske als Schutz vor der Seuche wirklich?

Aus heutiger Sicht bizarr, im MIttelalter so kommun wie in Corona-Zeiten die Atemmaske: Pestarztmaske.

Aus heutiger Sicht bizarr, im MIttelalter so kommun wie in Corona-Zeiten die Atemmaske: Pestarztmaske.

Foto: Deutsches Medizinhistorisches Museums Ingolstadt 

Glaubt man dem Schweizer Künstler Johann Melchior Füssli, lief 1720 in Marseille eine dubiose Gestalt mit einem vors Gesicht gespannten Lederschnabel umher, aus dessen Atemlöchern dunkelgraue Dämpfe emporstiegen. Sie trug einen starren Mantel aus Leder, zwischen den Fingern ein Holzstab, an den Füssen klobige Schuhe. Neben ihr lagen Kranke in bunten Gewändern, dahinter die Mauern der Stadt.

In Rom waren solche Figuren wohl bereits einige Jahrzehnte zuvor aufgetaucht: Maler bildeten sie in schwarzen bodenlangen Gewändern ab, mit einem ähnlichen Stab in der Hand und einem platten Hut auf dem Kopf – dazu trugen sie, natürlich, die ledernen Masken.

Fieberfantasien der Erkrankten? Totengötter?

Mitunter waren es sogar bis über die Schultern reichende Helme, die lediglich dank kristallener Gucklöcher ein Gesicht darunter erahnen liessen. Am auffälligsten war aber auch bei dieser Aufmachung der Schnabel, der aus den Kopfbedeckungen ragte. Dramatisch spitz lief er zu, war meist leicht gebogen und mit kleinen Atemlöchern versehen. Handelte es sich bei den vogelartigen Erscheinungen um Fieberfantasien der Erkrankten? Oder gar um Totengötter?

Tatsächlich waren es Ärzte. Schnabeldoktoren wurden sie genannt, die bizarre Garderobe sollte ihnen dabei helfen, die Pest zu bezwingen. Bereits mehrere Male hatte die Epidemie zahllose Opfer in Europa gefordert, bei Ursprung und Verbreitung der Krankheit aber blieben auch für Forscher und Mediziner viele Unklarheiten.

Was also rückblickend anmutet wie eine Mischung aus Sensenmann und Karnevalsverkleidung, entstand durch Wissenslücken und Handlungsbedarf – zeugte aber auch von beeindruckendem Einfallsreichtum. Die Vermutung der Experten damals: Durch Stoffe und Luft musste sich der Erreger übertragen. Also stellte man für Patientenbesuche die kuttenartige Schutzkleidung aus gepresstem Leinen, Leder oder Seide her. An einer glatten Oberfläche könne sich die Krankheit nicht festsetzen, so die Annahme.

Noch ausgeklügelter war die Konstruktion vor dem Gesicht, das Nasenfutteral. Vor dem Dunst der Pestkranken wollte man die Ärzte beim Krankenbesuch schützen, also wurden in Essig und Kräuter getränkte Säckchen oder Schwämme im geräumigen Schnabel untergebracht.

Vorher hatten sie die Beutel umhertragen müssen – nun konnte freihändig und mittels Stab untersucht werden. Wie wohltuend der Geruch dann aber wirkte, war wohl eher zweitrangig, solange sich die Ärzte nicht ansteckten.

Was aufwendig klingt, sah auch so aus – aber wahrscheinlich nur auf dem Papier, in Abbildungen von Künstlern und Medizinern. Ob die Pestärzte tatsächlich mit Ledermaske vor dem Gesicht und Duftpolster vor der Nase zu den Patienten gingen, lässt sich kaum belegen. Trotzdem haben die Schnabeldoktoren wie kaum eine andere Überlieferung die Historie der Pest geprägt, sie sind mittlerweile zum Sinnbild der Seuchenbekämpfung geworden – und werden in Zeiten von Atemschutzmasken aus Baumwolle gerade wieder oft zitiert.

Kolorierter Kupferstich eines Pestdoktors von Paul Fürst, «Der Doctor Schnabel von Rom», ca. 1656.

Kolorierter Kupferstich eines Pestdoktors von Paul Fürst, «Der Doctor Schnabel von Rom», ca. 1656.

Zum ersten Mal tauchten die Doktoren 1656 verhüllt und beschnabelt in einer Abbildung der Pest von Rom auf, kurz nach Beginn des 18. Jahrhunderts skizzierte dann Jean-Jacques Manget einen Doktor in Marseille in ähnlicher Aufmachung. Möglicherweise lehnte der Genfer Arzt seine Zeichnung an das frühere Bildnis aus Italien an, auf jeden Fall finden sich verblüffende Parallelen – und in der Bildunterschrift die charakteristischen «Augen aus Kristall, und eine lange Nase voller Duftstoffe».

Davor aber werden die Schnabeldoktoren weder in der Berichterstattung über den «Schwarzen Tod» im 14. Jahrhundert in Europa erwähnt noch dreihundert Jahre später, als die Pest während des Dreissigjährigen Krieges auf dem Kontinent wütete. Die seitdem entstandenen Beobachtungen konzentrieren sich lediglich auf Italien und Frankreich – für maskierte Ärzte im Rest von Europa gibt es keine Nachweise.

Trotzdem wurden die Darstellungen besonders auch dort eifrig verbreitet. Johann Melchior Füsslis dramatische Interpretation sollte zwar einen Arzt in Marseille zeigen, entstand aber nicht dort. Massenweise Flugblätter bedruckte man mit solchen Bildnissen, um über die Geschehen in Italien und Frankreich zu berichten – und abzuschrecken.

Zwar blieb zum Beispiel Deutschland zumindest von Beginn des 18. Jahrhundert an weitestgehend von der Pest verschont, einen Rückfall sollte es aber auch nicht geben. So wurden die Darstellungen zum teils mahnenden, teils voyeuristischen Fingerzeig auf das Grauen ausserhalb der eigenen Landesgrenzen.

Dafür eignete sich die bedrohlich daherkommende Vogelgestalt schliesslich ausgesprochen gut. Schon die Schnabelmaske mutet entmenschlichend an, verbirgt Gesichtszüge, behindert den Blickkontakt, dämpft die Stimme. Kommt die restliche Schutzkleidung hinzu, vermittelt der umhüllte Arzt eher Unheil als Heilung – sieht aber ausgesprochen originell aus. Kaum verwunderlich, dass die Pestärzte bis heute laufend abgebildet werden. Ihre Echtheit wird selbst von Experten nur selten infrage gestellt.

Johann Melchior Füsslis «Schnabeldoktor vom Maskentyp bei der Pest von Marseille», 1720.

Johann Melchior Füsslis «Schnabeldoktor vom Maskentyp bei der Pest von Marseille», 1720.

Dabei geben nicht nur die spärlichen Quellen Grund zum Zweifel, sondern auch neue Untersuchungen. Kürzlich liess das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt die beiden einzigen hierzulande überlieferten Modelle analysieren – eins aus dem eigenen Besitz, das andere Teil der Sammlung des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Beide Helme besitzen Schnabel und Gucklöcher, auf das 17. oder 18. Jahrhundert werden sie datiert. Tatsächlich zurückverfolgen lässt sich die Herkunft aber nur wenige Jahre, bis zur jeweiligen Ersteigerung Anfang des Jahrtausends.

Womöglich handelt es sich um Nachbauten oder um Fälschungen, vermutet die Ingolstädter Museumsdirektorin Marion Ruisinger. Eine der Masken wurde schliesslich aus unpraktischem Samt gefertigt, bei beiden sind die Öffnungen für die Augen zu weit auseinander platziert. Besonders fragwürdig: Bei einem der Schnäbel fehlen die Atemlöcher. Sollten die Ärzte diesen Aufzug damals tatsächlich getragen haben, ging ihnen womöglich schneller die Luft aus als den Patienten selbst.

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