Switzerland

Multidomain – ein neues Zauberwort für die Sicherheitspolitik

Krieg werde komplizierter, uneindeutiger, schwerer fassbar. Machtpolitische Gewaltakte könnten koordiniert als Cyberangriffe, mit Bodentruppen und über die sozialen Netzwerke erfolgen, oft ohne ersichtlichen Zusammenhang. In der Sicherheitspolitik müssten deshalb alle Aspekte gleichzeitig und vernetzt gedacht werden, schreibt Remo Reginold, Direktor des Swiss Institute for Global Affairs.

Im Zentrum steht die Deutungshoheit über den Konflikt. Deshalb wird der klassische Nachrichtendienst um die Werkzeuge des Informationskriegs ergänzt, damit das eigene Narrativ durchgesetzt werden kann.

Im Zentrum steht die Deutungshoheit über den Konflikt. Deshalb wird der klassische Nachrichtendienst um die Werkzeuge des Informationskriegs ergänzt, damit das eigene Narrativ durchgesetzt werden kann.

Christian Beutler / NZZ

Der Umgang mit dem Coronavirus hat eindrücklich gezeigt, wie fragil die globalisierte Welt ist und wie das weltpolitische Gefüge eigentlich schon lange zwischen ökonomischer Hyperkonnektivität und politischer Fragmentierung oszilliert. In solch konfusen Gemengelagen positionieren sich Staaten wie Russland und China neu. So zumindest steht es in der amerikanischen «National Defense Strategy» von 2018. Diese strategische Neuausrichtung sieht eine neue Ära machtpolitischer Rivalitäten voraus, bei der Situationen kurz vor einem Krieg («short of war») die viel grösseren Herausforderungen darstellen als der Kampf gegen den globalen Terror.

Zukünftig werden Grossmächte auf wesentlich mehr Formen von Druck und Aggression zurückgreifen als bis anhin, um einen Gegner strategisch in Schach zu halten. Sie sind darauf bedacht, immer nur so weit zu gehen, dass gerade noch kein offener und bewaffneter Konflikt entfacht wird. Die Militarisierung im Südchinesischen Meer oder Chinas Selbstdeklaration als «arktisnaher Staat» sind solche Beispiele. Die chinesische Führung etabliert sich als Akteur mit Machtanspruch im Pazifik und in der Arktis, vorerst aber ohne einen offenen Konflikt anzuzetteln.

Neue Möglichkeiten der Täuschung und der Sabotage

Dazu werden Finanz- und Währungspolitik, das internationale Recht, die Wirtschaft, Kulturprojekte, Bildsprachen, Forschung und Technologie, aber auch diplomatische Initiativen und Narrative zur Erreichung machtpolitischer Ziele eingesetzt. Es geht in diesen Szenarien nicht mehr ausschliesslich um kinetische Überlegenheit, also Kampfpanzer und Langstreckenraketen, sondern um einen komplexen Wettbewerb um die symbolische Deutungshoheit. Diese Formen des Konfliktes sind für demokratische Staaten mit ihren rechtsstaatlichen und langwierigen Prozessen schwierig zu handhaben.

Die Optionen für die Entscheidungsträger bewegen sich ständig zwischen den Polen Diplomatie und militärische Operation. Immer dann, wenn die Verantwortlichen sich für einen Weg und eine Strategie entschieden haben, entschlüpft diesen Entscheidungsträgern die Handlungsfreiheit, da der Effekt in einem anderen Kontext schon längstens Wirkung entfaltet hat. Der Cyberangriff «WannaCry» auf den National Health Service (NHS) 2017 war so gesehen nicht nur ein Angriff in einem virtuellen Raum, sondern hat vielmehr die Verletzlichkeit des britischen Gesundheitssystems dramatisch und schlagartig der breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt. Das Internet ermöglicht ganz neue Formen der Täuschung und der Sabotage.

Diese Komplexität und Vielschichtigkeit kann nicht mehr mit den Begriffen hybrid oder irregulär gefasst werden. Das Zauberwort und die militärstrategische Antwort heisst Multidomain.

Die Weiterentwicklung des Gefechts der verbundenen Waffen

Der Begriff Multidomain-Operationen (MDO) steckt konzeptionell in den Kinderschuhen. Es geht im Grundsatz darum, dass alle Teilstreitkräfte und Einheiten vernetzt über die klassischen militärischen Operationssphären hinweg im Verbund operieren. Der Konflikt wird gleichzeitig am Boden, im Cyberspace, in der Luft oder in den sozialen Netzwerken ausgetragen. Damit erweitert sich das Spektrum an Handlungsoptionen. Diese hochgradige Vernetzung der Systeme und Waffen soll zu einer strategischen Überlegenheit führen und zur Abschreckung im Wettbewerb um die symbolische Deutungshoheit dienen.

Der Begriff Multidomain entwickelte sich historisch aus dem Begriff «Gefecht der verbundenen Waffen», also dem Zusammenspiel militärischer Verbände mit unterschiedlichen Waffen und Fähigkeiten («joint forces»). Die Evolution des Joint-Gedankens kann in drei Generationen gegliedert werden:

Das Zauberwort Multidomain ist vorerst bloss eine Erweiterung von Joint 3.0. Die Herausforderungen der Zukunft verlangen aber noch mehr Integration des militärischen Denkens. Eine mögliche Evolution hin zu Joint 4.0 wäre ein fundamentaler Kulturwandel, der die operative Dimension stark mit einem strategischen und soziotechnologischen Grundverständnis verbände. Dabei arbeiten die einzelnen Teilstreitkräfte nicht mehr nur lose zusammen, sondern werden strategisch und dynamisch miteinander vereinigt.

Schweizer Milizsysteme als Chance

Im Zentrum steht die Deutungshoheit über den Konflikt. Deshalb wird der klassische Nachrichtendienst um die Werkzeuge des Informationskriegs ergänzt, damit das eigene Narrativ durchgesetzt werden kann. China geht bei dieser Entwicklung voran und vereinigt die Bereiche Information, Cyber, elektronische Kriegführung, Weltraum und Nachrichtendienst in einer Strategic Support Force. Ein solch dynamischer Verbund der Zukunft soll die Informationsüberlegenheit sicherstellen und einen Informationsschirm gegen gegnerische Narrative aufziehen.

Diese Multidomain-Kultur sollte in Anbetracht dieser Entwicklungen auch auf militärstrategischer Ebene der Schweiz Einzug halten. Sicherheit wird dabei als Verbundaufgabe unterschiedlichster Akteure gesehen. Die Vernetzung erfolgt nicht mehr nur innerhalb der Armee, sondern verknüpft diese mit klassischen Bereichen wie Industrie, Politik und Verwaltung, aber auch mit Startups, der kreativen Kulturszene oder der Bildung. Multidomain ist ein Denkmodell und eine Kultur – und nicht einfach eine Weiterentwicklung der militärischen Doktrin.

Wenn der Wettbewerb um die symbolische Deutungshoheit in Zukunft fundamental die geo- und sicherheitspolitischen Konflikte prägen wird, müsste sich auch die Schweizer Sicherheitspolitik auf einen entsprechenden Wettbewerb einstellen. Die Milizkultur der Schweiz und der Armee könnte dabei eine erfolgversprechende Grundlage für einen Schweizer Multidomain-Ansatz sein. Die Miliz und die dezentralen Strukturen können systematisch für Innovation, Vernetzung und den Community-Aufbau gewinnbringend eingesetzt werden.

Dieser Ökosystem-Gedanke in der Sicherheitspolitik entspricht einer ganzheitlichen Vernetzung und einem dynamischen Sicherheitsverständnis. China operiert bereits jetzt erfolgreich mit diesem Verständnis. Für MDO im Sinne von Joint 4.0 braucht es daher auch keine zusätzlichen Milliardenbudgets, sondern in erster Linie ein entsprechendes Mindset. Die Schweizer Armee mit ihrer vielfältigen Miliz kann hier ein interessantes Fallbeispiel sein, das von Joint 2.0 direkt auf Joint 4.0 springen kann.

Dr. Remo Reginold ist Politikberater mit Mandaten von Regierungen, der öffentlichen Verwaltung und öffentlich exponierten Unternehmen. Er berät unter anderem die Schweizer Armeeführung.

Sicherheitspolitischer Diskurs in der NZZ

geo. Die geopolitische Lage verschärft sich zusehends. Auch der Klimawandel und die Corona-Pandemie stellen die Welt vor epochale Herausforderungen. Was bedeuten diese Entwicklungen für die Sicherheitspolitik der Schweiz als eines kräftigen Kleinstaates im Kern Europas? Das hauchdünne Ja zu neuen Kampfflugzeugen belegt unter anderem, dass die Ansichten weit auseinandergehen. Die NZZ lanciert deshalb unter dem Schlagwort #Sicherheit einen Diskurs über Bedrohungen und mögliche Konzepte, diesen zu begegnen.

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