Switzerland

Mission «Srebrenica» gescheitert

Die niederländischen Friedenssoldaten des «Dutchbat» konnten den Genozid an 8000 muslimischen Männern nicht verhindern. Das Versagen des verantwortlichen Kommandanten zeigt die Zaghaftigkeit der internationalen Gemeinschaft exemplarisch. Eine Lagebeurteilung aus Sicht von Oberstleutnant Thom Karremans.

General Ratko Mladic (l.) beschuldigt Oberstleutnant Thom Karremans (M.), die bosnjakischen Kräfte in Srebrenica unterstützt zu haben.

General Ratko Mladic (l.) beschuldigt Oberstleutnant Thom Karremans (M.), die bosnjakischen Kräfte in Srebrenica unterstützt zu haben.

Screenshot Video ICTY

Die Videokamera lief mit, als der bosnisch-serbische General Ratko Mladic den niederländischen Bataillonskommandanten Thom Karremans verbal in die Knie zwang: «Nato-Flugzeuge haben unsere Positionen auf dein Begehren angegriffen.» – «Was für Flugzeuge waren es, holländische?» – «Hast du heute befohlen, das Feuer auf meine Leute zu eröffnen?» Mladic bohrt nach, immer wieder. Karremans weicht aus, verstrickt sich in der Nato-Befehlskette – und entschuldigt sich schliesslich sogar. Er, Karremans, sei doch bloss der Klavierspieler. Das Stück habe jemand anderes geschrieben.

In diesem Moment, ungefähr um 20 Uhr 30 am 11. Juli 1995, war Srebrenica bereits in den Händen der bosnisch-serbischen Armee. Das «Dutchbat», das niederländische Bataillon der Uno-Friedenstruppe Unprofor, hatte seine Kräfte nördlich der Stadt zusammengezogen. Die Uno-Schutzzone Srebrenica war gefallen. Doch noch hätte Oberstleutnant Karremans dem Genozid entgegentreten können.

Auftrag nur minimal umsetzbar

Er traf sich mit Mladic im Hotel Fontana, um das weitere Vorgehen abzusprechen. Die Bevölkerung Srebrenicas – vor allem Frauen und Kinder, aber auch Männer – war auf das Gelände des niederländischen Hauptquartiers fünf Kilometer nördlich der Stadt geflüchtet. Sie erhofften sich den Schutz des «Dutchbat». Mladic setzt Karremans maximal unter Druck. Er will die «Kriegsverbrecher» herausfiltern, die bosnisch-muslimischen Kämpfer, die unter dem Befehl von Naser Oric die Stadt verteidigt und immer wieder serbische Dörfer in der Umgebung von Srebrenica überfallen haben.

Karremans schienen die Optionen ausgegangen zu sein. Er befand sich mit dem Rücken zur Wand, offensichtlich todmüde, gedemütigt von Ratko Mladic. Wie soll er jetzt entscheiden? Was für Optionen bleiben? Die Beurteilung der Lage liess Oberstleutnant Karremans und seinem Stab die Wahl zwischen Überleben in Schande oder Sterben in Ehre.

Schon die Analyse des Auftrags zeigt das Dilemma des «Dutchbat»: Karremans sollte der Bevölkerung «Schutz und Sicherheit bieten», «die Feindseligkeiten beenden», «die Lebensbedingungen verbessern», «Verwundete evakuieren» und «den entmilitarisierten Status der Sicherheitszone verbessern». Insbesondere der letzte Punkt des Auftrags war schwammig formuliert – und Karremans’ Schwachpunkt: Bis zuletzt blieben Truppen der bosnisch-muslimischen Armee in der Stadt. Von Demilitarisierung konnte keine Rede sein. Der Auftrag war nur minimal umsetzbar.

Das «Drina-Korps» in der Übermacht

Erschwerend kamen die Einsatzregeln der Uno dazu, die «rules of engagement», die den Soldaten nur wenig Spielraum für den Einsatz ihrer Waffen gaben. Es durfte keine Kollateralschäden geben. Feuern war nur so lange erlaubt, bis der Aggressor mit Schiessen aufhört. Ausserdem durfte nur «das Minimum an Kraft» verwendet werden. Einem Aggressor den Zutritt zur Stadt zu verwehren oder die Sicherheitszone gar zu halten, stand nicht im Auftrag des «Dutchbat».

Die Umweltanalyse hätte dafür einige Vorteile ergeben: Die Stadt Srebrenica hat bloss zwei echte Zugänge. Das Gelände der Schutzzone, etwa so gross wie der Kanton Appenzell Innerrhoden, ist coupiert und teilweise bewaldet. Effektive Sperren wären vor allem im Süden möglich gewesen, waren aber zunächst nicht erwünscht. Faktisch konnte Karremans die Schutzzone mit seinen Beobachtungsposten bloss überwachen.

Lagebild vom 6. Juli 1995 unmittelbar vor der Auslösung der Operation «Krivaja ’95»: rot Kräfte des bosnisch-serbischen «Drina-Korps», schwarz die Truppen der bosnisch-muslimischen Armee, grün die Elemente des «Dutchbat».

Lagebild vom 6. Juli 1995 unmittelbar vor der Auslösung der Operation «Krivaja ’95»: rot Kräfte des bosnisch-serbischen «Drina-Korps», schwarz die Truppen der bosnisch-muslimischen Armee, grün die Elemente des «Dutchbat».

Quelle: HKA, VBS

Die niederländischen Soldaten dürften die Möglichkeiten der bosnisch-serbischen Armee deshalb genau gekannt haben: Srebrenica war umgeben von drei Brigaden des «Drina-Korps», ausgerüstet mit Panzern, Artillerie und Mörsern. Die Truppen verfügten über ein funktionierendes Führungs- und Nachrichtensystem. Sie waren logistisch gut versorgt und bestens trainiert. Nach Angaben in den Akten des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag standen Mladic für die Operation «Krivaja ’95» 15 000 Soldaten zur Verfügung.

Schlüsselfaktor Zeit

Dieser Streitmacht stand das «Dutchbat III» gegenüber – ein kleines Infanteriebataillon, das zu Beginn des Einsatzes im Januar 1995 über rund 600 Soldaten verfügte. Zum Zeitpunkt des Angriffs am 6. Juli war die Mannschaftsstärke bereits reduziert, weil die bosnisch-serbischen Truppen den Logistikelementen den Wiedereintritt in die Schutzzone verwehrten, wenn sie für Nachschub sorgen wollten. Karremans und seine Truppe verfügten deshalb auch über wenig Verpflegung und Treibstoff.

Auch bei der Bewaffnung war das «Dutchbat» dem «Drina-Korps» unterlegen: Die Soldaten verfügten über ihre persönliche Waffe, also Sturmgewehre und Pistolen, dazu standen Schützenpanzer mit Maschinengewehren, einzelne Panzerabwehrwaffen und kleinere Minenwerfer zur Verfügung. Ohne eigenes Artillerie- oder Mörserfeuer war Karremans ganz auf die Luftunterstützung der Nato angewiesen, um dem mechanisierten Stoss der bosnisch-serbischen Armee etwas entgegensetzen zu können.

Die komplizierten Befehlsstrukturen zwischen der Uno und der Nato machten aber einen effektiven Einsatz der Feuerunterstützung aus der Luft unmöglich. Bis ein Feuerbegehren tatsächlich genehmigt war, verging wertvolle Zeit. Ausserdem waren die Piloten angehalten, zuerst mit eingeschaltetem Nachbrenner die gegnerischen Positionen zu überfliegen, bevor sie den Bodentruppen sogenannten «close air support» leisten konnten.

Im Kampf um die Uno-Schutzzone Srebrenica erkannten die Vorgesetzten von Karremans zu spät, dass Warnungen und Verhandlungen nicht mehr möglich waren. Das «Dutchbat» erhielt zwei Tage nach Beginn des bosnisch-serbischen Angriffs den Auftrag, die Stadt Srebrenica mit allen militärischen Mitteln zu verteidigen. Das «Drina-Korps» war bereits vier Kilometer in die Schutzzone vorgestossen. Karremans’ Stab konnte den Vorteil des Geländes nicht mehr nutzen und musste die Sperre am südlichen Ende der Stadt errichten. Dazu kam der Regimewechsel mitten im Kampf. Die Lagebeurteilung musste laufend angepasst werden.

«Dutchbat» mitverantwortlich

Tatsächlich erhielten die niederländischen Infanteristen am frühen Nachmittag des 11. Juli schliesslich etwas Feuerunterstützung. Aus militärischer Sicht waren die Luftangriffe aber wohl vor allem symbolischer Natur. Gleich anschliessend meldete sich die bosnisch-serbische Seite am Funk mit der Warnung: Sofortiger Stopp der Luftangriffe, sonst Artillerieangriffe auf das Hauptquartier und Erschiessung der niederländischen Kriegsgefangenen. Die bosnisch-serbische Armee hielt zu diesem Zeitpunkt 55 Angehörige des «Dutchbat» als Geiseln.

Karremans’ Stabschef befahl den Rückzug der Bravo-Kompanie aus Srebrenica und zog die niederländischen Truppen im Hauptquartier bei Potocari zusammen. Mit den niederländischen Soldaten flüchtete auch die Bevölkerung aus der Stadt und suchte Schutz auf dem Gelände des «Dutchbat». Rund 20 000 Bosnjaken befanden sich unter katastrophalen Umständen in Potocari. Unterdessen drang die bosnisch-serbische Armee auch im Norden in die Uno-Schutzzone vor. Das niederländische Hauptquartier war praktisch umstellt, als sich Oberstleutnant Karremans mit General Mladic im Hotel Fontana traf.

Unter Druck und Drohungen erzwang die bosnisch-serbische Seite die ethnische Säuberung von Srebrenica. Frauen, Kinder und ältere Menschen wurden am 12. und 13. Juli mit Bussen abtransportiert. Die niederländischen Soldaten versuchten diese zu eskortieren. Die Männer wurden ausgesondert. Mladic versprach, ebenfalls vor laufender Kamera, es geschehe ihnen nichts. Die Fernsehbilder zeigen die Angehörigen des «Dutchbat» praktisch als Helfer der Aktion.

Karremans hätte Mladic zurückweisen können. Er hätte seinen Soldaten befehlen können, sich schützend vor die Flüchtlinge zu stellen, zu kämpfen und – nach den Erfahrungen der letzten Monate – den Tod in Kauf zu nehmen. Hätte er dies tun müssen? Das Oberste Gericht der Niederlande anerkannte 2013 eine Mitverantwortung des Staats für den Tod von 350 Menschen in Srebrenica. Es habe genügend Anzeichen für die bevorstehenden Massenerschiessungen gegeben, Karremans hätte die Männer, die auf das Gelände des Hauptquartiers geflüchtet waren, nicht ausliefern dürfen. Das Urteil wurde 2017 weitgehend bestätigt.

Bis heute liegt die gescheiterte Mission in Srebrenica als Schatten der Geschichte über den Niederlanden und den Veteranen des «Dutchbat».

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