Switzerland

Michael Suter sass beim Raclette, als sein Team an die WM nachrückte – der Handball-Nationaltrainer sagt: «Wir sind mit jedem Problem lockerer geworden»

Seit Donnerstag weilt Michael Suter mit der Schweizer Handball-Nationalmannschaft an der WM in Ägypten. Er spricht über den Alltag in der WM-Bubble in Kairo und sagt, weshalb man ihn öfter lächeln sehe als in der Vergangenheit.

Für Michael Suter ist es eine Mission, dem Schweizer Handball den Amateurgedanken auszutreiben.

Für Michael Suter ist es eine Mission, dem Schweizer Handball den Amateurgedanken auszutreiben.

Urs Flüeler / Keystone

Michael Suter, sind Sie jetzt auch mental an der WM angekommen, 72 Stunden nach der Landung in Kairo?

Dass wir an dieser WM spielen, ist noch immer speziell, es ist so viel passiert in den letzten Tagen. In der Nacht auf Sonntag habe ich wieder einmal sechs Stunden am Stück geschlafen, davor hatte ich zu viel Stress. Ich glaube, dass ich erst hinterher realisieren werde, dass wir mit der Schweiz die erste WM seit 26 Jahren bestritten haben. Obwohl sich alles surreal anfühlt, spüren wir, dass wir an einem grossen Turnier spielen. Wir werden mit dem Bus zum Training abgeholt, hatten beim Transfer vom Flughafen eine Polizeieskorte und bestreiten jeden zweiten Tag ein Länderspiel, nur leider ohne Zuschauer.

Die Schweiz rückte kurzfristig nach, es blieb keine Zeit zur Vorbereitung, die Anreise erfolgte am Spieltag. Wie haben Sie diese verrückte Woche erlebt?

Am letzten Dienstag rechnete ich nicht mehr damit, dass wir an die WM fahren würden. Ich habe mit meiner Familie Raclette gegessen, dann kam die Meldung, dass die Tschechen abgesagt hätten. Da merkte ich, dass etwas ins Rollen kam. Die letzten drei Käsescheiben habe ich dann schnell gegessen und bin packen gegangen. Am späten Dienstagabend war klar, dass wir anstelle der USA an die WM reisen. Ich war erstaunlich gelassen, auch wenn viel auf einen einprasselte. Ich habe das Aufgebot zusammengestellt, dazwischen hat meine Frau immer wieder gesagt: «Super, ihr fahrt an die WM», und meine Kinder waren traurig, dass ich verreise.

Nach einer chaotischen Anreise, einer Verspätung wegen Schneefalls und dem direkten Transfer vom Flughafen zur Sporthalle hat Ihr Team gegen Österreich gewonnen. Was hat das ausgelöst?

Mit dem Sieg gegen Österreich, immerhin der Achte der letzten EM, haben wir gezeigt, dass wir zu Recht an dieser Weltmeisterschaft dabei sind. Ich bin stolz, dass mein Team unter diesen schwierigen Umständen überzeugt hat. Wir haben bewiesen, dass wir kein Nachrücker sind, der an der WM abgeschossen wird. Auch wenn wir in der stärksten Gruppe mit vier europäischen Mannschaften eingeteilt sind und obendrein gegen die Mitfavoriten Norwegen und Frankreich spielen.

Sie wirken lockerer als in der Vergangenheit, man sieht Sie an der WM oft lächeln. Was hat sich verändert?

Ich habe gemerkt, dass wir diese verrückte Situation nur mit Humor meistern können. Die Spieler und ich sind auf der Anreise mit jedem Problem lockerer geworden. Wir konnten weder am Schneefall in Zürich etwas ändern noch an den Corona-Tests auf dem Flughafen in Kairo. In der Garderobe habe ich dann einen Smiley auf die Taktiktafel gezeichnet und der Mannschaft gesagt, dass wir diese gute Laune behalten müssten. Wir wissen, dass wir in Ägypten etwas machen, was wir können und lieben, nämlich Handball spielen.

Atlanta 1996: eine Erinnerung fürs Leben

krp. Als Handballer war Michael Suter 1996 an den Olympischen Spielen in Atlanta dabei. Diese Erfahrung hat ihn geprägt, solche Erfolge will er auch in Zukunft erleben, als Trainer. In Atlanta hat Suter auch seine Ehefrau kennengelernt, eine Badmintonspielerin, mit ihr hat er drei Kinder. Nach der Karriere als Spieler arbeitete Suter zunächst erfolgreich im Schweizer Nachwuchs, noch heute leitet er die Suisse Handball Academy in Schaffhausen. Der 45 Jahre alte Suter ist seit 2016 der Trainer der A-Nationalmannschaft. Mit ihm haben sich die Schweizer für die EM 2020 qualifiziert und spielen nun an der WM in Ägypten. Erst am Dienstagabend wurde die Schweiz für die WM nachnominiert, weil die USA wegen Corona abgesagt hatten. Dank dem Sieg gegen Österreich stehen die Schweizer fast sicher in der Hauptrunde, auch wenn sie im zweiten Spiel gegen den WM-Zweiten Norwegen chancenlos blieben. Zum Abschluss der Vorrunde treffen sie am Montag um 18 Uhr auf Frankreich, den Rekordweltmeister. Die Hauptrunde startet am Mittwoch.

Sie wohnen im gleichen Hotel wie die Norweger und die Deutschen, welche die Schutzkonzepte jüngst kritisiert haben. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Es war gut, dass wir so knapp angereist sind. Die norwegische und die deutsche Delegation hatten ihre Kritik angebracht, woraufhin die lokalen Organisatoren die Abläufe verbesserten. Die Teams vermischen sich zum Beispiel beim Essen nicht mehr am Buffet, die Essenszeiten sind gestaffelt. Ausserdem werden wir neu jeden Tag auf das Virus getestet. Bevor wir nach dem Spiel am Samstagabend gegen Norwegen ins Hotel durften, mussten wir uns noch im Bus testen lassen. Und das ungeduscht, weil Duschen in der Halle verboten ist.

An der EM in Göteborg war für das Team ein Stadtbummel möglich. Jetzt spielt sich das Leben in der Halle und im Hotelzimmer ab. Wie verhindern Sie Lagerkoller?

Langweilig wird uns nicht. Die Tage sind strukturiert, Kraftraum, Essen, Training und jeden zweiten Tag ein Match. Ausserdem hat unser Hotel eine Gartenanlage mit Blick auf die Pyramiden, dort halten wir unsere Teamsitzungen ab. Leider kommt der Austausch mit Bekannten aus anderen Ländern zu kurz, ich habe kürzlich versucht, mit einem deutschen Kollegen über fünfzehn Meter Distanz ein Gespräch zu führen. Und Rituale wie ein Spaziergang vor dem Spiel liegen leider auch nicht drin.

Hätte man die WM verschieben müssen?

Ich verstehe die Kritiker. Aber eine WM kann man nicht verschieben, weil im Jahresrhythmus EM und WM abwechslungsweise stattfinden. Man hätte das Turnier also absagen müssen. Ich hoffe, dass wir ein bisschen Unterhaltung und Freude in die Stuben der Schweiz bringen können. Ich verfolge andere Sportarten intensiver als vor der Pandemie. Als Sportfan und Handballtrainer bin ich froh, wenn wenigstens einige Anlässe stattfinden.

Gegen Norwegen hat die Schweiz verloren. Vorwerfen kann man Ihrem Team wenig, die Norweger sind schlicht zu stark. Wie schwer fällt es, das zu akzeptieren?

Wir sind Sportler und wollen gewinnen, das habe ich auch der Mannschaft gesagt. Ich habe nach der Niederlage Enttäuschung zugelassen. Unsere Leistung war jedoch in Ordnung, und wir haben gekämpft. Wir müssen akzeptieren, dass Norwegen zuletzt zweimal WM-Silber gewonnen hat und als Titelaspirant gilt. Ich messe das Team nicht nur an Resultaten, sondern auch daran, ob es sein Potenzial ausgeschöpft hat.

Was fehlt der Schweiz im Vergleich zu Norwegen?

Die Norweger haben jüngst eine unglaubliche Entwicklung gemacht. Praktisch alle Spieler sind in einer Spitzenliga unter Vertrag. Sie trainieren und spielen jeden Tag auf höchstem Niveau. Diesen internationalen Zugang brauchen wir auch noch stärker, es wird nicht reichen, wenn wir im Alltag in der Schweizer Liga spielen.

Als Sie 2016 Nationaltrainer wurden, war die Qualifikation für Endrunden das Ziel. Das haben Sie nun geschafft. Was sind die nächsten Schritte in der Entwicklung?

Ich mache mir Gedanken darüber, wie das Team in vier oder sechs Jahren aussehen könnte. Wir wollen auch in Zukunft an grossen Turnieren dabei sein, das wird nie eine Selbstverständlichkeit sein. Das Ziel war es, dem Schweizer Handball den Amateurgedanken auszutreiben. Neben dem Sport zu studieren, finde ich sinnvoll. Aber 80 Prozent zu arbeiten und daneben Nationalspieler sein zu wollen, klappt nicht. Deshalb muss ich schon jetzt diejenigen Nachwuchsspieler aufspüren, die in Zukunft auf den Handball setzen wollen, und dieses Puzzle im A-Team zusammensetzen.

Ihr Vertrag läuft bis 2024, Sie denken aber darüber hinaus. Ist die Ära Suter ein längerfristiges Projekt?

Das entscheidet der Verband. Ich kann nicht anders, als längerfristig zu planen. Das habe ich schon gemacht, als ich die Schweizer Nachwuchsmannschaften betreut habe. Viele der ehemaligen Junioren spielen jetzt im A-Team. Ich will den Schweizer Handball entwickeln. Da kann ich nicht nur bis 2024 planen und sagen: «Nach mir die Sintflut.»

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