Switzerland

Mehr Wachstum dank Austerität. Mit dieser These hat Alberto Alesina provoziert: Nachruf auf einen unbequemen Mahner

Hochverschuldete Staaten sollen sparen – dieses Rezept verfocht Alberto Alesina zeitlebens. In der Corona-Krise plädierte er zwar für eine Ausnahme – aber nur vorübergehend. Der vielseitige Harvard-Ökonom ist am Samstag im Alter von 63 Jahren gestorben.

Der italienische Wirtschaftswissenschafter Alberto Alesina starb am Samstag auf einer Wanderung.

Der italienische Wirtschaftswissenschafter Alberto Alesina starb am Samstag auf einer Wanderung.

Robert Michael / Imago

Er müsse damit rechnen, geteert und gefedert zu werden: So kommentierte der renommierte amerikanische Ökonom Kenneth Rogoff vor gut einem Jahr das jüngste Buch von Alberto Alesina. Sein Titel ist so kurz wie provokativ: «Austerität». Der sein Leben lang in Harvard lehrende Alesina hat darin 200 Austeritätsprogramme von 16 Industrieländern analysiert.

Die Evidenz sei klar und laut, schrieb Alesina: Wenn ein Staat seine Verschuldung auf ein erträgliches Mass senken wolle, sei es falsch, dafür die Steuern zu erhöhen. Stattdessen sollte die Sanierung des Staatshaushaltes ganz auf der Ausgabenseite ansetzen. Wer Defizite mit Steuererhöhungen stopfe, müsse mit langen und tiefen Rezessionen rechnen. Ausgabenkürzungen seien dagegen – falls überhaupt – nur mit kurzen Rückgängen der Wirtschaftsleistung verbunden.

Bei Covid-19 ist vieles anders

Entscheidend ist, dass sich durch Ausgabenkürzungen die Stimmung bei den Firmen verbessert. Dagegen sind höhere Steuern Gift, wenn man das Investitionsklima verbessern will. Oft werden Ausgabenkürzungen zudem begleitet von Deregulierungen und einer Liberalisierung auf dem Arbeitsmarkt, was die positive Wirkung noch verstärkt – man denke an die Hartz-Reformen in Deutschland.

Es ist unschwer zu erraten, dass solche Ansichten bei Regierungen und vielen keynesianisch inspirierten Ökonomen auf wenig Gegenliebe stiessen. Trotzdem fand Alesina durchaus Gehör. Der frühere deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte für ein G-7-Treffen Ökonomen, darunter diverse Nobelpreisträger, eingeladen, um über Europa zu sprechen. Die meisten hätten jeweils sieben Minuten Redezeit gehabt, erzählt Larry Summers in einem Nachruf. Doch es war Alesina, der die Lunch-Rede halten durfte.

Der Italiener war wie viele seiner Landsleute ein Verfechter der europäischen Einigung. Als Voraussetzung dafür sah er nicht nur eine Übereinstimmung bei grundlegenden Werten wie der Meinungs- und Religionsfreiheit. Vielmehr hielt er auch die Bereitschaft für eine gewisse Umverteilung zwischen EU-Ländern für nötig, falls ein Staat unverschuldet in Not gerät.

Das Virus habe die Länder nicht getroffen, weil sie etwas falsch gemacht hätten, sagte er kürzlich in einem Interview. Jetzt sei deshalb nicht der richtige Zeitpunkt, lange darüber nachzudenken, wie hoch die Defizite in der Vergangenheit gewesen seien. Ohne gemeinsame Antwort der EU-Staaten befürchtete er den Zusammenbruch von Volkswirtschaften und damit das Ende des europäischen Projekts. Alesina schwebten dabei grosszügige Kredite aus dem Europäischen Stabilitätsmechanismus vor.

Während er europäische Anleihen für vertretbar hielt, betonte er zugleich, dass die Länder für die nächste Krise sparen müssten, wenn die jetzige vorbei sei. Es steht allerdings zu befürchten, dass die Regierungen den zweiten Teil seines Ratschlags wie in früheren Zeiten ignorieren werden – und stattdessen betonen, dass zuletzt selbst der Austeritätsspezialist für gemeinschaftliche Schulden gewesen sei.

Niedrigere Steuern für Frauen

Alesina liess sich nicht in ein Schema pressen. Er war ein origineller Kopf, der nicht nur mit seiner Forschung über Austerität für hitzige Diskussionen sorgte. Er plädierte auch dafür, dass Löhne von Frauen deutlich weniger besteuert werden als diejenigen von Männern – maximal zu 80% der Männer-Sätze. Sein Argument fusst auf der Theorie der optimalen Besteuerung: Frauen dehnen ihr Arbeitsangebot viel stärker aus als Männer, wenn die Steuern gesenkt werden. Die meisten Männer arbeiten dagegen Vollzeit, fast unabhängig von der Besteuerung. Im Gegenzug forderte er aber auch, Subventionen für Kinderkrippen oder Gutscheine für die Betreuung von Älteren abzuschaffen.

Alesina wehrte sich gegen Stereotype in der Einwanderungsdebatte. So wies er für sechs Länder – darunter die USA, Deutschland, Frankreich und Italien – nach, dass deren Bürger die Zahl der Immigranten stark überschätzen und zudem davon überzeugt sind, dass diese ärmer und öfter von Sozialhilfe abhängig sind, als es in der Realität der Fall ist. Gewiss könne man sich in guten Treuen über die richtige Migrationspolitik streiten, aber diese Diskussionen sollten wenigstens auf akkuraten Fakten basieren, sagte er.

Der Wissenschafter hatte ein Gespür für unkonventionelle Themen, die Ökonomen gerne ausblenden. So entwickelte er einen Ansatz, um die Zahl und Grösse von Ländern zu erklären. Seit Mitte der 1980er Jahre sind über 30 neue Staaten entstanden. Faktoren dafür sind laut Alesina Demokratisierungen und offenere Märkte.

Die EU hat zwischen den Ländern Handelsbeschränkungen ausgeräumt und so den gemeinsamen Binnenmarkt geschaffen. Die Bedeutung eines grossen Heimmarktes einzelner Nationalstaaten hat damit abgenommen. Entsprechend sinkt die Notwendigkeit, zu einem grösseren Staat zu gehören. Prototypisch beobachtet man diese Entwicklung in Katalonien, das sich von Spanien lossagen möchte. Ob die Corona-Krise diese Bewegungen schwächt, weil Nationalstaaten zeitweilig die wichtigsten Akteure waren?

Alesina war aber nicht einfach ein verbissener Forscher, sondern liebte laut Summers die Kletterei und das Skifahren. Gestresst habe er ebenfalls nie gewirkt, sagt sein ehemaliger Harvard-Kollege, obwohl sich sein Leben zwischen den USA und seiner Heimat Italien abspielte. Am Samstag war er mit seiner Frau Susan auf einer Wanderung, als sein Herz aufhörte zu schlagen. Alesina wurde 63 Jahre alt.

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