Switzerland

Me, myself & I: So war es, ganz allein Geburtstag zu feiern

Life

Wie ist es eigentlich, Geburtstag zu haben, während alle auf Abstand bleiben müssen? Autorin Vanessa Vodermayer hat für uns Tagebuch geschrieben.

Anfang März bin ich für ein Praktikum bei einem Online-Magazin von Zürich nach Berlin gezogen – also eigentlich genau zu der Zeit, als sich immer deutlicher abzeichnete, dass ein neuartiges Virus namens Corona unseren Alltag auf den Kopf stellen wird.

Von Beginn an habe ich in meinem neuen Job Artikel über die Auswirkungen der Pandemie verfasst. Und ahnte dabei noch nicht, dass der Ausnahmezustand auch meinen 23. Geburtstag überdauern wird.

Erst als ich ein paar Tage später von Freunden – meistens humorvoll, aber mit bemitleidendem Unterton – gefragt wurde, wie ich denn gedenke, meinen Geburtstag zu feiern, stellte ich fest: offenbar alleine. Was mich irgendwie amüsierte, weil es der Absurdität meines momentanen Lebens noch ein Krönchen aufsetzt.

Ich wohne gerade in einer fremden Stadt, die sich durch die Auswirkungen der Corona-Krise selbst immer fremder wird. Ich treffe keine Freunde – die ich hier, abseits des Jobs, ohnehin noch nicht kennengelernt habe. Und ich benutze im Homeoffice meine Waschmaschine als Arbeitsfläche, weil in meiner Berliner Altbauwohnung mit hübschem Holzboden und hoher Decke leider der Schreibtisch fehlt.

What a time to be alive. Sollte ich mal Enkelkinder haben, werde ich mit einer Tasse Ingwer-Zitronen-Tee im Sessel versinken und garantiert diese Anekdote aus meinen Zwanzigern auspacken.

Mein Geburtstag war übrigens ziemlich toll – und das, obwohl ich den ganzen Tag alleine war. Physisch zumindest.

Mein Papa beglückwünscht mich wie jedes Jahr als einer der ersten. Nach seiner SMS kurz nach Mitternacht, folgt am Morgen zuverlässig der Anruf an die Tochter. Das Gespräch versuche ich kurz zu halten, in wenigen Minuten beginnt das Video-Redaktions-Meeting.

Kaum eingeloggt, gibts von meinem neuen Team sofort ein Geburtstagsständchen – ein Moment, den ich jedes Jahr aufs Neue schmeichelnd und gleichzeitig superpeinlich finde. Als Dank ziehe ich einen gegoogelten Kuchen in den Team-Chat und fordere meine Kolleginnen und Kollegen auf, sich zu bedienen.

IMG 1164
zvg

Der heutige Arbeitstag bringt mir eine Schülerin, die kurz vor dem Abitur steht. Im Telefongespräch erklärt mir die 18-Jährige, weshalb sie dafür ist, dass die Abiprüfungen aufgrund der Corona-Krise verschoben werden.

Ich platziere ich meinen Laptop auf einen Stapel Magazine, die ich auf die Waschmaschine gelegt habe. Stehpult!

B6503396 3 F23 4469 8 B68 54 CC5 A13 AF24 2
zvg

Nach dem Mittag gönne ich mir aus aktuellem Anlass einen Flat White inklusive Schoko-Baumnuss-Muffin. Die Verpflegung darf ich zwar nicht im nahegelegenen Café geniessen, aber immerhin abholen.

IMG 0957
zvg

Beim Abtippen meines Interviews lässt mich die Wlan-Verbindung im Stich, was ich erst bemerke, nachdem auf dem Bildschirm eine Nachricht meiner Chefin aufpoppt: Ich solle sie dringend anrufen. Das war vor 40 Minuten. Ich verfluche die Internetverbindung und wünsche mir zum Geburtstag ein funktionierendes Netz.

Ich schiebe mir den Rest meines Muffins in den Mund und telefoniere mit meiner Chefin, die sich nach dem Artikel erkundigt und mich auf eine Eilmeldung bezüglich der Abiprüfungen hinweist: Das deutsche Kultusministerium habe gerade verkündet, dass die Prüfungen definitiv stattfinden werden.

Also wähle ich für ein zweites Interview nochmals die Nummer der Abiturientin, texte meine Einleitung um, strukturiere den Artikel neu und frage mich, ob mein Geburtstag ohne Arbeit vielleicht zu viel Raum für Einsamkeit und Selbstmitleid gelassen hätte.

Zwischen 16 und 21 Uhr: So viel Liebe!

Meine Liebsten hätten mich aber so oder so nicht hängen lassen, dafür sind sie zu gut. Neben Anrufen und Nachrichten beglücken mich Freunde und Verwandte mit Postkarten, Sprachmemos und digitalen Collagen.

Eine Freundin lässt mir sogar zwei Ben&Jerry’s-Kübel per Delivery-Service zukommen – mit Vorwarnung.

IMG 1187
zvg

Später klingelt es ein weiteres Mal. Beim Entgegennehmen des Pakets vergesse ich vor Aufregung den Mindestabstand von 1.50 Meter. In der grossen Schachtel liegt ein in Seidenpapier gewickeltes Tulpenbouquet von meiner ehemaligen Mitbewohnerin.

EBFA1 C2 B 3 A55 46 EC 89 D0 EA829 EE6797 D
zvg

Die beiliegende Prosecco-Flasche erinnert mich an all die lauen Sommerabende auf unserem Dach im Zürcher Kreis 5. Von dort aus haben wir immer wieder so lange in den Himmel gestarrt, bis die Sonne komplett verschwunden war.

0 B2 AD879 A2 BD 4487 8 F8 B 31 DD5 B4 E8 DCF
zvg

Wegen meines Faibles für kitschige Naturphänomene mache ich mir zum Geburtstag eine Freude und spaziere kurze Zeit später im Sonnenuntergang über das Tempelhofer Feld. Begleitet werde ich von Rejje Snows Stimme, irgendwann von Mac Miller und schliesslich von Sound aus der Heimat, Hainan.

Ich laufe quer über den Platz bis ganz ans Ende und dann die gleiche Strecke zurück gegen den kalten Wind, bis ich durch die Drehtüre das Feld wieder verlasse.

IMG 0976
zvg

Zurück in der Wohnung melden sich zwei Freundinnen per Videocall bei mir. Ich hätte mich vor der Abreise ins 659,89 Kilometer entfernte Berlin gar nicht damit abfinden müssen, den Geburi ohne meine Züri-Leute zu verbringen, denke ich mir.

Geburtstag in einem anderen Land? Geburtstag trotz Social Distancing? Voll easy! Meine Freunde schalten sich einfach mit wenigen Klicks nach Berlin in meine Küche, wo sie mir jetzt gegenübersitzen.

Gerade haben sich die beiden letzten Gäste von meinem virtuellen Birthday-Bash verabschiedet. Ich haue den Rest meines Artikels in die Tasten. Dabei geht sogar mein Geburtstagswunsch in Erfüllung: Ich habe eine 1-A-Wlan-Verbindung.

Football news:

Es besteht eine Reale Chance, dass 50 bis 60 Vereine in Konkurs gehen. Der Besitzer von Huddersfield über die Auswirkungen der Pandemie
Valverde über das Spiel gegen Manchester City: wir Wollen so spielen, dass wir weiterkommen. Real ist bereit, alles dafür zu tun
Die große Auswahl von Roma: Cafu öffnet sich im Strafraum und wartet auf den Pass, aber stattdessen erzielen Totti und Batistuta Meisterwerke
Zabitzer hatte sich im April an einem Coronavirus erkrankt
In den 90er Jahren spielte der russische Klub in der finnischen Meisterschaft: die Spieler trugen Zigaretten, der Präsident ging auf das Feld. Es endete mit einem Ausfall
Flick über Holand: Er macht seine erste Saison, so früh ist er mit Lewandowski zu vergleichen
Felix hat sich im Training ein Bänderriss im Knie zugezogen. Es ist seine 3.Verletzung pro Saison bei Atlético