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Markanter Kurswechsel: Der Erdölriese BP soll zum Klima-Paulus werden

Der neue Chef Bernard Looney will BP zu weiten Teilen klimaneutral machen. Aber viele Investoren hängen an den hohen Renditen, die sie im Erdölsektor gewohnt sind.

Klimaaktivisten demonstrieren gegen BP im Britischen Museum in London. (8. Februar 2020)

Klimaaktivisten demonstrieren gegen BP im Britischen Museum in London. (8. Februar 2020)

Facundo Arrizabalaga / EPA

Wie man an einem neuen Arbeitsplatz mit einem Knall anfängt, hat Bernard Looney demonstriert. Der neue Chef von BP stellte am Mittwoch seine Strategie für den britischen Erdölriesen vor – genauer gesagt, seine «Vision, um BP zu einer Kraft des Guten in einer klimaneutralen Welt» zu machen. Mit einer Mischung aus Demut, Elan und Optimismus setzte Looney dabei auch Massstäbe, wie sich die Lenker von Erdöl- und Erdgaskonzernen auf dieser Seite des Atlantiks als Verbündete im Kampf gegen den Klimawandel zu präsentieren versuchen. «Viele halten uns für einen Teil des Problems. Lassen Sie mich deutlich sein: Ich habe verstanden», erklärte er bei einer Rede in London.

Das eigene Erdöl soll klimaneutral werden

Looney setzt ein Klimaziel, das zu den ambitioniertesten der Branche gehört. BP möchte erreichen, dass alle von dem Konzern geförderten Kohlenwasserstoffe spätestens bis zum Jahr 2050 nicht nur klimaneutral aus der Erde geholt und verarbeitet, sondern auch so verbraucht werden. Die Verbrennung in Autos, Flugzeugen oder Kraftwerken trägt den Löwenanteil zu den Emissionen bei. Die Klimaneutralität soll durch Effizienzgewinne, Speicherungen und Kompensationen gelingen. Bei zugekauften Produkten will BP den Emissionsausstoss noch um die Hälfte reduzieren. Ferner will der Konzern Investitionen in erneuerbare Energien forcieren und unter anderem die Transparenz verbessern.

Bernard Looney, Chef von BP.

Bernard Looney, Chef von BP.

Jason Alden / Bloomberg

Bei einem wichtigen Punkt enttäuschte der neue BP-Chef allerdings, der seit fast dreissig Jahren bei dem Konzern arbeitet und sein Amt vergangene Woche antrat: Er nannte keine Zwischenziele, wie die Reduktion bis 2050 gelingen soll. Looney versprach Abhilfe bei einem Investorentreffen, das im September stattfinden soll. Analytiker werden darauf ebenso gespannt warten wie auf Details zu dem ebenfalls angekündigten Konzernumbau. Traditionelle Sparten wie die Förderung (Upstream) und die Verarbeitung (Downstream) werden bei BP aufgehoben und zusammengeführt.

Einmal ging die Wende schief

Looneys Vorgänger, der zehn Jahre lang amtierende Bob Dudley, ging nicht so radikal zu Werke. Dudley musste BP nach der Umweltkatastrophe um die im Jahr 2010 gesunkene Bohrplattform «Deepwater Horizon» im Golf von Mexiko stabilisieren. Es gelang ihm, den Konzern in guter Verfassung an Looney zu übergeben. Der 49-jährige Ire muss nun darauf achten, dass sich nicht das Schicksal des ebenfalls visionären CEO John Browne wiederholt: Browne startete nach der Jahrhundertwende einen Vorstoss in erneuerbare Energien, der allerdings nur viel kostete und wenig einbrachte. Dudley sagte unlängst, Browne sei seiner Zeit einfach voraus gewesen.

Dudley zögerte länger als europäische Konkurrenten, das Klimathema als entscheidenden Faktor für die Zukunft von BP anzusehen. Das brachte ihm Kritik ein. Unter Looney präsentiert sich BP jetzt sogar ambitionierter als Royal Dutch Shell, Europas grösster Erdöl- und Erdgaskonzern. Shell hatte Ende 2018 das Ziel ausgegeben, den Emissionsausstoss nicht nur durch die Produktion, sondern auch durch den Verbrauch seiner Produkte bis 2050 um die Hälfte zu senken. Als Zwischenziel wurde eine Reduktion um 20% bis 2035 genannt.

Shell ist nicht mehr der Vorreiter

Shells Einbezug des Verbrauchs bei den Kunden in die eigene Emissionsrechnung galt als wegweisend. Doch anders als neu bei der eigenen Produktion von BP bedeutet Shells Reduktion noch keinen absoluten Abbau der Emissionsbilanz auf null. Auf der anderen Seite möchte Shell bis zum Jahr 2030 der weltgrösste Stromproduzent werden und kündigte unlängst an, in Australien sein erstes grosses Solarkraftwerk zu bauen. Vor der Neupositionierung von BP urteilten die Analytiker der UBS, Shell habe in der Branche die progressivste und am besten durchdachte Strategie zur Senkung von Emissionen. Dem Aktienkurs half das allerdings nicht: Shell hinkt an der Börse dem Konkurrenten BP seit einigen Jahren hinterher.

Am Öl hängt noch alles

Verlauf seit 13. 2. 2015, Veränderung in %

20162017201820192020–40–20020

Für die Mehrheit der Aktionäre von Erdölfirmen stehen weiterhin Rendite und Ertrag im Vordergrund, nicht die Klimaziele. Wie leicht sich die Anteilseigner verstimmen lassen, zeigte Shell vor wenigen Tagen bei der Vorstellung des Jahresergebnisses: Aufgrund des schwächeren Geschäftsverlaufs im vierten Quartal sieht sich Shell gezwungen, seine Ausgaben für das Aktienrückkaufprogramm zu reduzieren. Statt wie seit Mitte 2018 regelmässig 2,75 Mrd. $ pro Quartal dafür auszugeben, werden es von Januar bis März 2020 nur 1 Mrd. $ sein. Prompt gaben die Shell-Aktien um mehr als 4% nach und fielen auf den tiefsten Wert seit fast drei Jahren.

Der wegen globaler Konjunktursorgen tiefere Erdölpreis demonstriert, wie sehr die Konzerne noch von ihrem klassischen Kerngeschäft abhängig sind: Shells Gewinn reduzierte sich im vierten Quartal 2019 um fast die Hälfte gegenüber dem Vorjahreszeitraum und fiel mit 2,9 Mrd. $ auf den tiefsten Stand seit drei Jahren. Der freie Cashflow, aus dem Shell Dividenden und Aktienrückkäufe finanziert, brach gar um zwei Drittel ein. Derzeit arbeiteten alle wirtschaftlichen Kennzahlen gegen Shell, erklärte der Konzernchef Ben van Beurden. Für das Gesamtjahr resultierte ein Gewinnrückgang um 23% auf 16,5 Mrd. $.

Die Dividende entscheidet

Auch BP konnte sich dem Fall des Erdölpreises nicht entziehen. Dennoch war der Rückgang des Quartalsgewinns kleiner als erwartet. Und auch wenn der Gewinn im gesamten vergangenen Jahr von 10 Mrd. $ auf 3,5 Mrd. $ sank, blieb noch genug Geld in der Kasse, um die Dividende für das letzte Vierteljahr leicht zu erhöhen. Das trieb den Aktienkurs um über 4%. Für viele Anleger dürfte entscheidend bleiben, dass die Ertragskraft trotz der neuen Klimastrategie und Investitionen in tendenziell schlechter rentierende erneuerbare Energien erhalten bleibt. «Wir müssen das den Aktionären beweisen», sagte Bernard Looney am Mittwoch.

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