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Maradona hat die Krisenstadt Neapel stolz gemacht – sie ist ihm auf Dauer dankbar

Sie war seine zweite Heimat: die süditalienische Metropole Neapel. In ihr hat Diego Armando Maradona grosse Erfolge gefeiert und sie aus dem Schattendasein ins Bewusstsein der Welt geführt. Das Volk verehrt ihn deshalb wie einen Stadtheiligen.

Totenwache in der Gasse: Vor dem berühmten Maradona-Gemälde in den Quartieri Spagnoli trauert ein Fan dem verstorbenen Idol nach.

Totenwache in der Gasse: Vor dem berühmten Maradona-Gemälde in den Quartieri Spagnoli trauert ein Fan dem verstorbenen Idol nach.

Salvatore Laporta / AP

Wenn der Tod kommt, ist das in Neapel ein gesellschaftliches Ereignis. Der Leichnam ist eine Nacht lang im Haus aufgebahrt, die ganze Nachbarschaft erweist ihm die letzte Ehre, spendet der Familie Halt und bringt den «cuonsolo» vorbei, einen Trost in Form von Zucker und Kaffee – oder sogar von ganzen Mahlzeiten.

Privatsphäre ist selbst in diesen Momenten ein überschätzter Begriff in Neapel. Man hält zusammen.

In der Nacht auf Donnerstag haben die Neapolitanerinnen und Neapolitaner eine besondere Totenwache gehalten. Diego Armando Maradona ist zwar Tausende von Kilometern weit weg auf einem anderen Kontinent verstorben. Aber auch Napoli ist sein Zuhause, die Neapolitaner seinesgleichen.

«Maradona ist Napoli»

Zu Hunderten strömten sie in die Strasse, bevölkerten trotz Covid-19 die Kult-Orte ihrer Lichtgestalt. Seit den neunziger Jahren ist ein übergrosses Maradona-Gemälde in den berüchtigten Quartieri Spagnoli zu einem Pilgerort geworden. Im Arbeiterquartier San Giovanni a Teduccio sprayte in den vergangenen Jahren der Undercover-Künstler Jorit ein monumentales Konterfei Maradonas. Vor diesem Wahrzeichen haben sich Trauernde versammelt, sie zündeten Kerzen an und beteten bis in den Morgen – zuhauf auch vor dem Stadio San Paolo, diesem zweiten Vesuv, der sieben Jahre lang der Spielplatz für Maradonas wunderlichste Finten, Fallrückzieher und filigrane Pässchen war. Sie raubten den Neapolitanern die Sinne und den reichen Klubs des Nordens die Titel. «Er hat Freude geschenkt und uns träumen lassen», sagte der Bürgermeister Luigi de Magistris in einer Videobotschaft. «Maradona ist Napoli.» De Magistris hatte ihn 2017 zum Ehrenbürger gemacht. Nun will er ihm ein weiteres Denkmal setzen. Das San Paolo soll umbenannt werden: in Diego Armando Maradona.

Bis in den Morgen hinein gedenken die Napoli-Fans ihres Helden vor seiner Wirkungsstätte. Das Stadio San Paolo soll in «Diego Armando Maradona» umbenannt werden.

Bis in den Morgen hinein gedenken die Napoli-Fans ihres Helden vor seiner Wirkungsstätte. Das Stadio San Paolo soll in «Diego Armando Maradona» umbenannt werden.

Ciro Fusco / EPA

Die Verbindung Neapels zu Maradona ist eine Amour fou, seit jenem 5. Juli 1984. Als die SSC Napoli ihren Zuzug aus Barcelona präsentierte, rannten ihr 75 000 Personen die Tore ein. In Trainerhosen und Turnschuhen jonglierte Maradona ein paarmal mit dem Ball. Euphorie. Und drei Jahre später ein wochenlanges Delirium: Napoli gewann erstmals den Scudetto, ein Meistertitel wie eine geopolitische Revolution. Der arrogante, oft auch rassistische Norden war besiegt, eine Stadt und ein Volk voller Probleme und durch Vorurteile benachteiligt, strotzten vor Stolz. «Es ist, als wäre ein Angehöriger gestorben, als wäre mein Vater gegangen», sagte am Donnerstag ein Interviewter unter den Trauernden. Maradona ist Familie. Zwischen 1984 und 1991 wurden in der Stadt 515 Buben Diego getauft, 12 sogar Diego Armando. Ein Vater nahm es ganz genau. Sein Sohn heisst mit vollem Vornamen: Diego Armando Maradona.

Neapel und Maradona, das ist bis heute eine Symbiose. Auch international machte Neapel nicht mehr nur wegen der Camorra Schlagzeilen. Plötzlich war die Stadt am Golf auch schön, Uefa-Cup-Siegerin 1989 und ein Jahr später wieder die Heimat des Serie-A-Meisters. Die Neapolitaner verziehen ihm alles, so wie man einem Kunstwerk auch Anstössiges verzeiht. Die Nähe zur Kriminalität, das Nachtleben und die geschwänzten Trainings. Die Dirnen, die Drogen. Einen unehelichen Sohn mitten unter ihnen, den er jahrelang nicht anerkennen wollte. Die Stadt war Mitwisserin, vermutlich auch Mitschuldige in ihrer erdrückenden Art, ihm ihre Liebe zu beweisen. Ein Spaziergang an der Strandpromenade? Er hätte zu Tumulten geführt.

Neapel nahm 1991 seine Flucht zur Kenntnis, enttäuscht, aber auch mit einem gewissen Verständnis. Maradona stieg eines Nachts in einen Renault Richtung Römer Flughafen und entschwand dann nach Buenos Aires. Die letzten Worte gegenüber der lauernden Journaille vor der Villa im Nobelquartier Posillipo: «Sagt den Neapolitanern, dass ich sie geliebt habe.»

Wie San Gennaro

Und auch sie werden ihn weiter lieben, sie fühlen sich ihm verbunden. Maradona war als fünftes von acht Kindern in einen Slum hineingeboren worden, ohne fliessendes Wasser oder Elektrizität. Er hätte zur reichen Juventus nach Turin gehen können. Aber er, der König der Fussballer, entschied sich für die notorisch vernachlässigten Neapolitaner, als wären sie ein auserwähltes Volk. Das hat sie geehrt. Und diese tief katholische Stadt verehrt ihn mindestens so wie den Stadtheiligen San Gennaro. Sie hatten immer wieder verschiedene Herrscher: Griechen, Römer, Sarazenen, Franzosen, Spanier und Habsburger. Sie kamen, um zu nehmen. Maradona kam und gab.

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