Switzerland

Mal wieder die Juden: wenn sich Corona-Skeptiker zu Opfern stilisieren und damit die Nationalsozialisten verharmlosen

Teilnehmerinnen haben sich bei Protesten gegen die staatlichen Pandemie-Massnahmen mit Sophie Scholl und Anne Frank verglichen. Diese Verharmlosungen beobachtet Deutschlands Antisemitismus-Beauftragter mit Sorge.

Bei Protesten der «Querdenken»-Bewegung haben sich Demonstrantinnen mit Anne Frank und Sophie Scholl verglichen.

Bei Protesten der «Querdenken»-Bewegung haben sich Demonstrantinnen mit Anne Frank und Sophie Scholl verglichen.

Andreas Gebert / Getty

An diesem Dienstag äusserte sich Deutschlands Antisemitismus-Beauftragter, Felix Klein, zur wachsenden Gefahr von Antisemitismus in der Corona-Skeptiker-Szene. Er bezog sich dabei auch auf Vorfälle, zu denen es bei «Querdenken»-Demonstrationen gekommen war. Was man als einzelne verwirrte Stimmen abtun könnte, besorgt Klein.

Die Versuchung, bei Anti-Corona-Demonstrationen Aufmerksamkeit durch Skandalisierung zu erheischen, sei sehr gross, sagte er. Bei Vergleichen mit Vorgängen aus dem «Dritten Reich» erreiche man immer eine gewisse Resonanz. «Die antisemitischen Motive sind zu attraktiv, als dass sie nicht verwendet werden.»

Die gefühlte Sophie Scholl und die gefühlte Anne Frank

Am vergangenen Samstag hatte eine junge Frau auf einer «Querdenken»-Bühne in Hannover gesagt: «Ich fühle mich wie Sophie Scholl, da ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile und auch seit gestern Versammlungen anmelde.» Ein Ordner unterbrach daraufhin ihre Ansprache. «Für so einen Schwachsinn mache ich doch keinen Ordner mehr», sagte er und verliess wütend die Kundgebung. Sophie Scholl und ihr Bruder Hans gehörten zur Widerstandsgruppe Weisse Rose. Sie wurden 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet.

Eine Woche davor hatte sich eine Elfjährige auf einer Querdenken-Bühne in Karlsruhe mit Anne Frank verglichen, weil sie ihren Geburtstag nicht wie gewohnt feiern konnte. Anne Frank lebte jahrelang versteckt in einem Hinterhaus in Amsterdam, bevor sie im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet wurde.

Im Zuge der jüngsten Proteste stellten manche Demonstranten das Infektionsschutzgesetz mit dem Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten auf eine Stufe. Damit hatte die von Adolf Hitler geführte Regierung im März 1933 das Recht erlangt, Gesetze ohne Zustimmung des deutschen Reichstags zu erlassen. Bei einer Querdenken-Demonstration in Leipzig titulierte sich eine Teilnehmerin unlängst als «Covidjud».

Die Vorfälle häufen sich. Klein fragt sich in diesem Zusammenhang, ob es sich um eine Strategie oder um einen Mangel an Bildung und Wissen handle. Wer über Anne Frank und Sophie Scholl Bescheid wisse, würde kaum solch krude Verharmlosungen äussern, sagte er. Jedenfalls zeige die Welle von Kritik, die auf die Szenen in Hannover und Karlsruhe folgte, dass «der innere Kompass der demokratischen Mehrheit funktioniert».

Schon im Frühjahr trugen Demonstranten Davidsterne mit der Aufschrift «Ungeimpft» am Arm, um sich so als Opfer staatlicher Corona-Massnahmen mit den im Nationalsozialismus verfolgten Juden gleichzusetzen. Die Mär, Bill Gates habe etwas mit der Pandemie zu tun, erklingt seit den Anfangstagen der Corona-Krise; für viele Verschwörungstheoretiker ist er, auch aufgrund seiner Impfkampagnen, das Feindbild Nummer eins. Nun ist es historisch keine Einmaligkeit, dass eine gesundheitliche Krise dafür gebraucht wird, die Schuld bei den Juden zu suchen.

«Antisemitische Motive sind so eingeübt in unserer Geschichte, daher werden sie immer mehr genutzt», sagt Klein. Wer sich allerdings als Opfer geriere, gebe automatisch die Verantwortung ab und damit anderen die Macht. Momentan sei es vor allem die Verbindung der gesellschaftlichen Mitte mit den radikalisierten Rändern, die ihm Sorgen mache.

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