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Mailand gegen Mailand: Sie nennen ihn das Herz des Teufels – nun soll er Milan zum Titel führen

Milans Sandro Tonali Sie nennen ihn das Herz des Teufels – nun soll er Milan zum Titel führen

Mailand ist zur Kapitale des Calcio geworden: Milan und Inter machen den Titel unter sich aus, diesmal mit Vorteilen für den «Diavolo». Und einer legt gerade seine Reifeprüfung ab: Sandro Tonali.

Erlösung in der Nachspielzeit: Milans Sandro Tonali nach dem 2:1 gegen Lazio Rom, vorbereitet von Zlatan Ibrahimovic (hinten).

Erlösung in der Nachspielzeit: Milans Sandro Tonali nach dem 2:1 gegen Lazio Rom, vorbereitet von Zlatan Ibrahimovic (hinten).

Foto: Alfredo Falcone (Keystone/APA)

Mailand neigt nicht zur Bescheidenheit, und das ist auch verständlich. Die Stadt ist auf fast allen Gebieten italienische Spitze, sie zieht das Land wirtschaftlich wie eine Lokomotive hinter sich her, in diesem Fall passt das ausgelatschte Bild ziemlich gut. Die Mode sitzt dort, die Börse, die Banken, die meisten Start-ups, die grossen Medien und die Werbefirmen. Nirgends in Italien verdienen die Menschen im Durchschnitt mehr als da, das zeigen auch die jüngsten Zahlen. Mailand ist der Zeit immer etwas voraus, wenigstens in Italien.

Nur im Fussball musste Mailand in jüngerer und nicht so junger Vergangenheit die Vormacht oft voller Schmach an das kleinere Turin und den dortigen Serienmeister Juventus abtreten. Rom und Neapel, muss dazu noch gesagt sein, spielen in diesem Duell des Calcio fast keine Rolle. Napoli war zuletzt Meister mit Diego Armando Maradona, die Roma mit einem jungen Francesco Totti. Nun aber ist Mailand zurück, und da die Associazione Calcio Milan und der FC Internazionale bereits zum zweiten Mal in Folge den Meistertitel unter sich ausmachen, in einem «Derby Scudetto», wie die Mailänder «Gazzetta dello Sport» es nennt, dämmert schon leise die Hoffnung auf eine längere Herrschaft.

Zwei Punkte trennen Tabellenführer Milan von Inter, zwei Spieltage bleiben noch. Eine Finalissima mit erhöhtem Herzschlag und Milan als klarem Favoriten. Die Zeitungen schreiben: 70 zu 30 Prozent. Stehen die Vereine am Ende nämlich punktgleich da, wäre der Diavolo, der rot-schwarze Teufel, italienischer Meister, dank der besseren Leistungen in den direkten Begegnungen. Milan hat das etwas schwierigere Restprogramm, es muss noch gegen Atalanta und bei Sassuolo antreten, während Inter mit Cagliari und Sampdoria eigentlich keine Probleme bekommen sollte – eigentlich: Die ganze laufende Meisterschaft liesse sich an diesem Wort rückabwickeln.

Die perfekte Saison für einen Underdog

Eigentlich hätte ja niemand für möglich gehalten, dass Juventus sich mal dermassen desolat aufführen würde, fast eine volle Saison lang, obschon die Agnellis ihren Meistertrainer Massimiliano Allegri zurückgeholt hatten, damit gerade das nicht passiert. Juve ist nur Vierter, am Mittwoch haben die Turiner auch noch den Cupfinal verloren – gegen Inter, 2:4 nach Verlängerung. Obschon die Coppa Italia nicht viel wert ist: Man hätte sich gern an ihr aufgerichtet. Eigentlich war auch nicht absehbar, dass Napoli zum Schluss so dramatisch einbricht, nachdem es nahe dran war, das umbenannte Stadion, das «Stadio Maradona», gebührend zu beehren. Eigentlich waren auch Milan und Inter selten an einem Stück so überzeugend, dass sie sich als Meister aufdrängten. Eigentlich war alles anders als sonst.

Es gibt dazu zwei Denkschulen, gewissermassen eine antikapitalistisch romantische und eine rational nüchterne. Die Romantiker sind Freunde der wilden Unterhaltung, sie finden: Was wollen wir schon mehr als eine völlig offene Meisterschaft, in der – gar nicht so verrückt – auch mal wieder ein Underdog hätte triumphieren können? Die Rationalisten dagegen sehen in der Ergebnisanarchie der vergangenen Monate einen weiteren Beleg dafür, dass der italienische Fussball in die Bedeutungslosigkeit abdriftet: Die Nationalmannschaft, immerhin Europameister, verpasst die Weltmeisterschaften in Katar, und wieder schaffte es kein italienischer Verein in die Viertelfinals der Champions League.

Das Lager der Romantiker ist gerade etwas grösser, zumal in Mailand. Seit die Stadien wieder voll sein dürfen, ist das Giuseppe Meazza im Stadtteil San Siro jedes Mal voll, das hatte man seit vielen Jahren nicht mehr erlebt. Natürlich rührt das auch daher, dass die Menschen nach all den Einschränkungen während der Pandemie Liveveranstaltungen in grosser Gesellschaft wie eine Epiphanie erleben, wie eine Erlösung. Die «Gazzetta» denkt sich jeden Tag neue Formate in aufwendiger Aufmachung aus, um der Aufregung einigermassen gerecht zu werden. Mal veranstaltet sie ein Quiz zum Wissen der Fans, mal stilisiert sie das Duell zum Boxkampf und dekliniert dafür alle Schläge, assortiert mit den passenden Spielern resp. Schlägern. Mal befragt das Blatt Fussballerlegenden nach ihren Prognosen, mal ehemalige Trainer beider Vereine, die natürlich die Fans eher nicht so gern mit Bodenständigkeit behelligen. Auch wenn sie zuweilen berechtigt wäre.

Inzaghi genügte ein Drittel von Contes Lohn

In der Stadt hielt man Inter – eigentlich! – für favorisiert. Als Meister mit Meistermentalität. Trotz der gewichtigen Abgänge von Romelu Lukaku (Chelsea) und Achraf Hakimi (PSG), trotz der finanziellen Nöte von Suning, dem chinesischen Konzern, dem der Verein gehört. Die waren so gross, dass Meistertrainer Antonio Conte fand, es lohne sich nicht, da weiterzumachen: ohne hohe Ambitionen, ohne Geld für passendes Personal. Suning nahm einen Kredit auf, befahl der Geschäftsführung eine totale Disziplin bei der Buchhaltung – und stellte Simone Inzaghi als Coach an, der sich mit einem Drittel von Contes Gehalt zufriedengab.

Und dieser Inzaghi, der kleine Bruder von Pippo und früher lange Jahre Trainer von Lazio Rom, machte ohne grosses Aufheben und ohne schrille Töne einen sehr passablen Job. Bis fast zuletzt. Dann aber verlor Inter zunächst das Mailänder Stadtderby der Rückrunde, ein moralischer Knick mit Nachwirkung, und später auch noch das Nachtragsspiel gegen Bologna. Der Schwung war weg, sogar das Schwanengeheul aus längst vergangen gewähnten Zeiten klang wieder an: «Pazza Inter», verrücktes Inter.

Macht einen guten Job und ist günstiger als Conte: Simone Inzaghi, seit Sommer Trainer bei Inter.

Macht einen guten Job und ist günstiger als Conte: Simone Inzaghi, seit Sommer Trainer bei Inter.

Foto: Riccardo Antimati (EPA/Keystone)

Milan dagegen wurde von Beginn an unterschätzt. Das Team erschien unausgewogen, ein fast zufällig zusammengewürfelter Haufen mit schier groteskem Altersgefälle. Der zuletzt oftmals unpässliche Veteran Zlatan Ibrahimovic, 40 Jahre alt, sitzt da auf der Bank mit Herrschaften, die seine Söhne sein könnten. Insgesamt aber ist Milan von allen Tabellenführern der fünf grössten Ligen Europas die jüngste Mannschaft. Trainer Stefano Pioli, ein ruhiger und rundum beliebter Mann, den sie in Italien gern mit Carlo Ancelotti vergleichen, hat diese besonders gepflegte Art, mit Menschen umzugehen, dass aus diesem Haufen ein leichtes und leicht variables Team wurde – kein überragendes, aber in diesem Jahr könnte das ausreichen.

Er trägt das Haar kürzer – wegen des Pirlo-Vergleichs

Das «Herz des Teufels», wie der Mailänder «Corriere della Sera» ihn nennt, ist der eben erst 22 Jahre alt gewordene Mittelfeldspieler Sandro Tonali, vielleicht der beste Spieler der Saison überhaupt, zumindest der überraschendste. Bei Milan nennen sie ihn noch immer «Sandrino», kleiner Sandro, als wäre er ein Junge. Er hat etwas von Andrea Pirlo, wenn er aus der Tiefe Regie führt, seine Hartnäckigkeit gegen den Ball erinnert eher an Gennaro Gattuso.

Meisterjubel? Stürmer Olivier Giroud herzt Tonali nach dem Sieg gegen Lazio.

Meisterjubel? Stürmer Olivier Giroud herzt Tonali nach dem Sieg gegen Lazio.

Foto: Massimo Insabato (Keystone)

Als Sandro Tonali aus Lodi bei Mailand klein war, absolvierte er einmal ein Probetraining bei Milan, seinem Lieblingsverein. Ohne Erfolg. Vor zwei Jahren, als er mit Brescia in die Serie B abstieg, meldete sich Inter, und Tonali war nahe dran, seine Farben zu betrügen und zuzusagen. Doch dann meldete sich auch Milan. Das erste Jahr war schwierig, der Sprung aus der Provinz auf die grosse Bühne – er gelingt auch den Prädestinierten nicht immer auf Anhieb. Tonali bat im Sommer 2021 um eine Gehaltsreduktion, von 1,8 Millionen Euro auf 1,2 Millionen, um auch ganz sicher zu sein, dass man ihn nicht wieder zurück in die Provinz schickt.

Tonali ist nun auffällig muskulöser als zuvor, das Haar trägt er kürzer, wahrscheinlich, weil er mit längerem Haar Pirlo auch äusserlich zu ähnlich sah und die ständigen Vergleiche satthatte. Vor allem aber beweist er, dass er dem Niveau gewachsen ist, dass er es immer öfter auch zu heben vermag. Im Sommer werden sie sein Gehalt sicher wieder erhöhen, deutlich, Tonali ist jetzt die Fahne des Vereins.

Oliver Meiler ist Italienkorrespondent. Er hat in Genf Politikwissenschaften studiert. Autor des Buches «Agromafia» (dtv, 2021).

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@OliverMeiler

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