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Madonna: Das letzte Bad im Mainstream

Mit «Music» dominiert Madonna vor zwanzig Jahren den Pop. In den Jahren danach zerfliesst der Mainstream selbst – im Delta des Streamings. Was ist geschehen?

Im heutigen Pop fehlt das royale Faszinosum einer Madonna.

Im heutigen Pop fehlt das royale Faszinosum einer Madonna.

Markus Schreiber / AP

Es gab kein Entrinnen. Die DJ in der Disco und die Gatekeeper aller möglichen Radios waren sich einig: «Music» von Madonna, der Titelsong ihres achten Studioalbums, hatte das Zeug zum Jahrhunderthit. Unentwegt und pausenlos liessen sie das Stück laufen, so dass es einen bald überall ereilen konnte – an der Party oder in der Bar, aber auch im Kaufhaus, im Theater, im Stadion. Auf MTV lief in Heavy Rotation auch das entsprechende Video, der Pop-Star als keckes Cowgirl feiernd in einer Limousine.

Die Menschheit tanzte, die ganze Welt hörte zu, als vor zwanzig Jahren «Music», Madonnas Stossseufzer der Glückseligkeit, aus den Boxen drang. Getrieben von einer technoiden Rhythmik und getragen von elektrisierenden Sounds, bündelte sich ihre helle Stimme hier in einem fiebrigen Refrain: «Music, makes the people, come together, music, makes the bourgeoisie, and the rebel.»

Inklusion als Prinzip

Der Hit brachte Madonnas hedonistische Mission gleichsam auf den Punkt. Menschen zusammenzubringen, das war seit je ihr Ziel. Das Prinzip Inklusion bestimmte die Performance der Mainstream-Künstlerin, aus ideellen wie aus materiellen Gründen. Immer wieder hatte Madonna ihre hungrigen Arme gebreitet, um alle möglichen Szenen, Subkulturen und Minderheiten an ihrem Busen zu vereinen.

Auf ihrem neuen Album präsentierte sie in diesem Sinne ein stilistisch breites Repertoire, das von nüchternem Folk bis zu verspielter Elektronik reichte. An diesem Repertoire hatte offenbar auch die Pop-Kritik ihre Freude. Sie lobte die frischen Beats, den transparenten Sound, das abwechslungsreiche Menu des ganzen Albums. Und wenn Kritiker damals im Mainstream mitschwammen, wusste sie das Publikum auf ihrer Seite. Wer Madonna als Idol pries, dem waren Zuspruch und Zustimmung sicher. «Super Kritik hast du geschrieben», hiess es dann, «Madonna ist genial.»

Manchmal kam es allerdings vor, dass ein Kritiker von einem zornigen Avantgardisten oder Punk angefahren wurde, dessen Wut sogleich Wort wurde: «Ach ihr Schreiberlinge», höhnte es nun, «ihr schreibt doch alle über das Gleiche. Statt neue Musik zu entdecken und junge Begabungen vorzustellen, lobt ihr Madonna, als hätte die Pop-Tante euch überhaupt nötig.»

Wenn Kritiker kritisiert werden, stecken sie das nicht so leicht weg. So brüteten sie auch jetzt über Sinn und Zweck ihres Tuns. Tatsächlich mochte es weder sonderlich originell noch gewagt scheinen, ein Pop-Talent mit Lob zu überschütten, das bereits die Massen erobert hatte. Heroischer war es, aus den bebenden Tiefen des Undergrounds den Beat der Zukunft herauszuhören. Aber was sollte man tun? Das Publikumsinteresse stand in einem direkten Verhältnis zur Berühmtheit einer Musikerpersönlichkeit. Und ob junge Frau oder ältere Männer, ob weisse Heteros oder schwarze Homos – zu einer Madonna hatten alle eine Meinung, alle konnten etwas singen, alle konnten etwas sagen.

Das galt nicht zuletzt auch für Verächter. «Ach, Madonna», seufzten sie und unterstrichen ihre Abscheu mit einer wegwerfenden Geste. Einige machten der Diva Geschmacklosigkeit zum Vorwurf. Andere wiederum fanden, die Sängerin habe weder eine Stimme noch einen Stil, dritte behaupteten, die eiskalte Businessfrau stehle alles zusammen.

Halt, halt! - wehrten sich die Fans. Madonna sei so eigen und vielseitig wie niemand! Und cool! Und emanzipiert! Und trendbewusst! Und ausdauernd: Seit die achtziger Jahre den Mainstream-Pop definiert hatten, war Madonna ja in der Tat tonangebend geblieben (im Unterschied zu Kollegen wie Michael Jackson und Prince).

Kultur ist wie ein Dialog oder ein Spiel, das mit wachsender Teilnehmerzahl nicht unbedingt besser wird, aber an Attraktivität und gesellschaftlicher Relevanz gewinnt. Darin zeigt sich ein Vorteil des Mainstreams. Und deshalb einigten sich die alten Massen- oder Mainstream-Medien nur allzu gerne auf ein paar Lichtgestalten jener Zeit, als sie noch die Macht hatten, das Interesse und den Geschmack des Pop-Publikums zu dirigieren. Tatsächlich wurde der Mainstream-Pop nicht nur von seinen Produzenten und Stilisten geprägt, sondern durch die medialen Kanäle, durch die er floss.

Auch die Kritik spielte in diesem System eine Rolle, wie der Madonna-Kult zeigte. Die Kulturkritik hatte einst alle möglichen Einwände gegen Pop-Kultur oder gegen Mainstream erhoben. Ihr negatives Geschäft blieb dabei weitgehend wirkungslos, Massen und Märkte kürten ihre Queens und Kings, ohne auf die Skeptiker zu hören. Dank Stars wie Madonna und dem regen Interesse, das sie in der Öffentlichkeit erwirkten, erschlossen sich der Kritik vermehrt auch affirmative Aufgaben.

Kritiker-Mantras

Die Pop-Kritiker setzten sich in den Dienst des Publikums. Sie lasen Verkaufszahlen, um über die Bedeutung von Musik informiert zu sein. Und dann versuchten sie, die Euphorie der Fans sprachlich zu festigen, den Wust der Meinungen in fixen Formeln zu bündeln. Wie flatternde Banderolen des Madonna-Kultes nahmen sich ihre Mantras aus: «Madonna: die Künstlerin, die sich stets neu erfindet», «Madonna, die neoliberale Feministin», «Madonna, die hedonistische Emanze». Und immer wieder: «Madonna, die Botschafterin» – sie übersetzte die Errungenschaften der Pop-Avantgarde in die Mainstream-Kultur; gewissermassen in aufklärerischer Mission.

Madonna hatte ihren eingängigen Pop seit den achtziger Jahren stets mit drastischen und provokativen Bildern ausstaffiert – das galt für die explizite Erotik von «Like a Virgin» (1984) ebenso wie für das religiös aufgeladene Video zu «Like a Prayer» (1989). Und immer besser verstand sie es, sich multimedial zu inszenieren – von der Musik über die Fotografie bis hin zu Film und Musikfernsehen. Sie entwickelte dabei eine ästhetische und gesellschaftliche Definitionsmacht, die sie als Galionsfigur von Liberalismus, Emanzipation und sexueller Toleranz empfahl.

Mit den Alben «Ray Of Light» (1998), auf dem sie sich von einer besinnlichen, religiösen Seite gezeigt hatte, und «Music» krönte Madonna ihre Mainstream-Karriere. Bald aber sollte sich «Music» als Schwanengesang einer Ära erweisen, die noch nichts wusste von einstürzenden Towers und von einer Achse des Bösen. Die Spassgesellschaft mochte noch an die Unendlichkeit der Lust glauben. Aber das sollte sich rasch ändern.

Als im April 2003 das neunte Madonna-Album «American Life» erschien, lagen die vom Terror erschütterten USA im Krieg mit Irak. Dass sich Madonna im Video zum Titelsong (er war bereits vor Ausbruch des militärischen Konflikts gedreht worden) damals als schicke Soldatin im Military-Look in Szene setzte, verstanden viele als Zynismus. Dass es ihr um Pazifismus gehe, nahm man ihr fast so wenig ab wie die gesellschaftskritische Tendenz ihrer neuen Songs: Sie stellte nun die Täuschungen und den Materialismus des American Way of Life infrage, den sie doch selbst zelebriert hatte. Schliesslich schien sie auch musikalisch den Bogen zu überspannen, wenn sie ihren Pop mit Rap und mit Country durchzog.

Hatte 2000 im Falle von «Music» noch Konsens geherrscht im Mainstream, so gingen die Meinungen 2003 über «American Life» weit auseinander. Für ihre Karriere war das fatal. Die Ablehnung ging mit einem beträchtlichen Bedeutungsverlust einher. Sie mag seither weiterhin Alben herausbringen und Erfolge feiern. Aber man traut Madonna längst keine Oberhoheit im Pop mehr zu.

2009 war Michael Jackson gestorben, 2016 auch Prince. Das neue Jahrtausend brachte keine Stars mehr hervor, die eine vergleichbare Dominanz und Präsenz entfalten konnten. Auch Madonnas Thron wurde nur scheinbar von Sängerinnen wie Lady Gaga, Beyoncé oder Miley Cyrus usurpiert. Die Pop-Prinzessinnen setzten zwar Madonna-like abermals auf plakative Inszenierung und stilistische Flexibilität, auf erotische Souveränität und Skandälchen. Auch von ihnen hiess es, sie erfänden sich immer wieder neu. Aber keine vermochte sich über mehrere Jahre als Queen zu behaupten.

Streaming-Individualismus

Fast scheint es, als habe mit dem Verschwinden der Mainstream-Superstars der Mainstream selbst an Bedeutung verloren. Dass seine Strömung an Kraft eingebüsst, dass er sich quasi in ein grosses Delta ausgebreitet hat, ist weniger auf die Musikproduktion als auf die digitalen Umbrüche zurückzuführen. Die Aristokratie der Stars, die von den herkömmlichen Medien getragen wurde, wird nun durch die Vielstimmigkeit von Social Media und durch den Individualismus à la Spotify relativiert.

Hier dominiert eben weniger die glamouröse Macht von Künstlern und Künstlerinnen als die Logik von Algorithmen, die das musikalische Angebot Stream für Stream der Identität und dem Gusto eines einzelnen Kunden anpassen. Und so ist es in der zeitgenössischen Airpod-Kultur bald wie in der Gastronomie: Über den Geschmack muss man nicht streiten. Dafür fehlt im Pop nun das royale Faszinosum einer Madonna.

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