Switzerland

«Machen wir uns nichts vor: Eine 95-Prozent-Ökonomie ist ein riesiges Problem»

Der einflussreiche Ökonom Clemens Fuest empfiehlt Massnahmen für die zweite Welle, die Dinge ermöglichen statt verbieten. Dazu gehören Schnelltests und Masken. Einen flächendeckenden Lockdown – ob «mini» oder nicht – lehnt er dezidiert ab.

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, sagt, trotz einer zweiten Welle dürfe man den Ausstieg aus den Hilfen nicht aus den Augen verlieren.

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, sagt, trotz einer zweiten Welle dürfe man den Ausstieg aus den Hilfen nicht aus den Augen verlieren.

Inga Kjer / Imago

Herr Fuest, Sie sind ebenfalls im Home-Office. Arbeiten alle Ihre 200 Mitarbeiter von zu Hause aus?

Nein, wir haben die ganze Zeit hindurch offen gehabt. Derzeit sind rund zwei Drittel der Leute am Institut.

Sie und Ihr Institut haben bisher alles gut überstanden?

Einzelne Mitarbeiter waren im Frühling von Ansteckungen betroffen. Uns belastet zudem, dass Konferenzen, Seminare und Aufenthalte von Gastforschern eingeschränkt sind.

Gibt es einen Zielkonflikt zwischen Gesundheitsschutz und Wirtschaft?

Diesen Konflikt sehe ich nicht. Wenn sich ein Virus ausbreitet, wird die Wirtschaft nicht florieren. Die Vorstellung, man könne von staatlichen Einschränkungen absehen und dies hülfe der Wirtschaft, ist eine Illusion. Evidenz von der Spanischen Grippe vor hundert Jahren zeigt, dass dort, wo früh und entschlossen Massnahmen eingeleitet wurden, am Ende der wirtschaftliche Schaden am geringsten war.

Aber Schweden, das vielen als Vorbild gilt, war doch gerade zurückhaltend.

Das stimmt, aber in Schweden und Dänemark wird die Wirtschaft im Vergleich mit den anderen skandinavischen Ländern dieses Jahr wohl am meisten schrumpfen. Dänemark verzeichnet aber wesentlich weniger Todesfälle als Schweden. Mit anderen Worten: Schweden hat sich mehr gesundheitliche Schäden aufgeladen, hat aber wirtschaftlich davon nicht profitiert. Schweden ist kein Vorbild.

Geschätzter Politikberater

cei. Clemens Fuest liegt im Ökonomen-Ranking von «FAZ», NZZ und der «Presse» in Deutschland auf dem zweiten Platz – knapp hinter Ernst Fehr von der Uni Zürich. Sein Rat ist bei Politikern gefragt – noch mehr, seit er im Jahr 2016 die Leitung des renommierten Ifo-Instituts in München übernommen hat. Zuvor war er an der Oxford University Forschungsdirektor des Zentrums für Unternehmensbesteuerung gewesen. Mit einem französischen Kollegen hat er unlängst für eine stärkere Rolle der EU bei der Bereitstellung öffentlicher Gütern in den Bereichen Cyber-Sicherheit, Klimawandel und Migration plädiert. Den «Green Deal» der EU-Kommission kritisiert er allerdings als dirigistisch. Fuest ist Mitglied des Kronberger Kreises, der sich für die Weiterentwicklung einer freiheitlichen Ordnung einsetzt. Er hat am Donnerstag einen Vortrag am Schweizerischen Institut für Auslandforschung gehalten – wie in diesen Zeiten üblich per Videokonferenz.

Im Sommer hat es in der Schweiz und in Deutschland sehr gut ausgesehen. Haben wir uns zu sehr auf die Eigenverantwortung verlassen?

Mein Eindruck ist, dass wir weder genau wissen, weshalb die Ansteckungen über den Sommer so gering waren, noch, weshalb sie jetzt so stark gestiegen sind. In der Pandemie schadet man nicht nur sich selbst, wenn man Risiken eingeht, sondern gefährdet auch andere. Deshalb genügt es nicht, nur auf Eigenverantwortung zu setzen.

Angesichts der hohen Zahlen: Ist dieses Stop-and-go, also bremsen und wieder beschleunigen, der neue Modus, an den wir uns gewöhnen müssen?

Ja, wir müssen lernen, trotz der Präsenz dieses Virus weiterzuleben, zu wirtschaften und das gesellschaftliche Leben weiterzuführen.

Was heisst ein solches Stop-and-go für die Wirtschaft?

Wir müssen mit einer 90%- oder vielleicht 95%-Wirtschaft rechnen, also einer Wirtschaft, in der ein Teil einfach nicht funktioniert. Für Firmen in der Gastronomie, im Tourismus, aus Sport und Freizeit ist das hart. Aber man kann diese Belastung nicht aus der Welt schaffen.

Nun sind das Branchen, deren Wertschöpfung nicht so hoch ist.

Machen wir uns nichts vor: Eine 95%-Ökonomie ist ein riesiges Problem. Dazu kommt, dass Menschen ganz unterschiedlich betroffen sind: Viele arbeiten voll, andere haben nichts zu tun. Wenn ein Teil der Menschen ihre Existenz verliert, kann man das nicht auf die leichte Schulter nehmen, selbst wenn man sagt, dass das Ganze gesamtwirtschaftlich tragbar sei. Die jetzige Krise stellt die Finanzkrise eindeutig in den Schatten.

Es gibt Kurzarbeitergeld, und es wurden Liquiditätskredite vergeben. Müssen wir da nachlegen?

Es ist wichtig, dass wir den Ausstieg aus den Hilfen nicht aus den Augen verlieren. Kurzfristig waren die Hilfen richtig, weil es darum ging, eine neuerliche Finanzkrise und eine Abwärtsspirale zu verhindern. Die Gefahr ist erst einmal gebannt. Wir sehen nun klarer die Kosten und die Fehlsteuerungen.

Was meinen Sie damit?

Ein gutes Beispiel ist das Kurzarbeitergeld, das Menschen dafür bezahlt, dass sie nicht arbeiten. Das ist schlecht. So braucht es zum Beispiel in der Gesundheitsbranche oder bei Auslieferdiensten mehr Personal. Es wäre somit wichtig, dass man Wechsel zwischen Branchen ermutigt. Deshalb halte ich die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes in Deutschland für einen Fehler.

Und wie sehen Sie das für die Kredithilfen?

Da ist es ähnlich. Zu Beginn der Krise haben die Kapitalmärkte nicht gut funktioniert. Aber jetzt haben sie sich gefangen. Es sind die privaten Kapitalgeber, die Konzessionen machen müssen, wenn eine Firma in Schwierigkeiten gerät, nicht der Staat.

Noch etwas konkreter: Sollte die Schweiz angesichts der zweiten Welle erneut Covid-19-Kredite an Firmen vergeben?

Man muss sorgsam beobachten, wie sich die privaten Kreditmärkte entwickeln. Wenn wir wieder in eine Stresssituation kommen wie beim Ausbruch der Krise, dann sollte man das Programm wiederbeleben. Aber ich halte es für vernünftig, derzeit erst einmal keine neuen staatlich garantierten Kredite zu vergeben.

Wir versuchen, die Ansteckungen tief zu halten. Sollte man nicht doch Richtung Herdenimmunität gehen, bei gleichzeitig hohem Schutz der Risikogruppen?

Die Unsicherheit darüber, wie sich eine Lockerung der Massnahmen auf die Ansteckungszahlen auswirkt, ist enorm – das zeigt gerade auch die jüngste Entwicklung. Es wird dann auch schwierig, die Risikogruppen zu schützen.

Also müssen wir durchhalten, bis eine Impfung kommt.

Von medizinischen Kollegen höre ich, dass wir in puncto Impfung wohl zu optimistisch sind. Das Risiko, sich mit einem mangelhaft erprobten Medikament zu impfen, steht in keinem Verhältnis zum geringen Risiko für junge Menschen, aus einer Corona-Krankheit schwere Schäden davonzutragen. Wenn dem so ist, dann gibt es zwar keinen anderen Weg als die Herdenimmunität. Aber trotzdem sollten wir grossen Abstand zur Kapazitätsgrenze bei den Spitälern wahren. Wir haben auch gelernt, die Krankheit besser zu behandeln.

Wenn die Kurve so rasch steigt wie in der Schweiz: Was sollte man tun, damit die Wirtschaft nicht gleich abgewürgt wird?

Das sind vor allem Massnahmen, die Dinge ermöglichen, und nicht solche, die Dinge verbieten. Zu ersteren gehören Masken, aber auch der Einsatz von Schnelltests. Mit günstigen Schnelltests könnten viele Veranstaltungen stattfinden.

Ist es nötig, Tausende von Menschen, die mit Angesteckten in Kontakt waren oder aus Risikogebieten einreisen, bis zu zehn Tage in Quarantäne zu schicken?

Wirtschaftlich scheint mir das ein sehr ineffizienter Weg zu sein. Man raubt den Menschen ihre Freiheit und den Unternehmen ihre Mitarbeiter. Wer negativ getestet ist, sollte die Quarantäne verlassen dürfen.

Gewisse Kantone haben ein Verbot von Grossanlässen mit mehr als 1000 Personen verfügt.

Wir sind leider nicht so weit, dass wir das medizinische und ökonomische Kosten-Nutzen-Verhältnis von Grossveranstaltungen gut abschätzen können. Man kann sich aber fragen: Wie gravierend sind bestimmte Einschränkungen für die Menschen? Da denke ich, dass ein Verbot von sportlichen Grossanlässen eher zu ertragen ist als eine Schulschliessung.

Was würden Sie als Letztes schliessen?

Kindergärten und Schulen, weil wir wissen, dass dies Eltern stark belastet und gerade auch Kinder aus bildungsfernen Milieus sehr weit zurückwirft.

Derzeit ist viel von einem Mini-Lockdown als «Circuit-Breaker» die Rede. Ist er so harmlos, wie er klingt?

Ich bin sehr misstrauisch, was flächendeckende Lockdowns angeht. Man muss das regional differenziert machen, ganz unabhängig davon, ob für zwei oder sechs Wochen. Deshalb ist auch das Testen so wichtig: Nur wo wir viel testen, können wir auch Ausbrüche rasch erkennen.

Eine der ersten Massnahmen war die neuerliche Empfehlung zum Home-Office. Was weiss man über dessen Auswirkungen?

Wenn Home-Office das Resultat von kooperativen Gesprächen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist, kann das laut Studien die Produktivität steigern. Das sind allerdings Erfahrungen von vor der Pandemie. Kurzfristig ist Home-Office unproblematisch. Aber in der Wissenschaft leidet längerfristig die Innovation. Spontane Interaktionen sind hierfür wichtig, und die finden derzeit viel weniger statt.

Die EU kennt ein Ampelsystem, auf dem ein Land seine Massnahmen basieren kann. Kann eine Corona-Ampel der Wirtschaft mehr Planungssicherheit geben?

Ich verstehe das als Kommunikationsinstrument, um die breite Bevölkerung zu erreichen, und dafür finde ich es gar nicht schlecht. Viele Menschen verstehen nämlich nicht, was etwa der Reproduktionswert aussagt. Sicherheit und Transparenz gibt es damit indes nicht, auch weil die Ampeln in den Ländern ganz unterschiedlichen Kriterien folgen.

Die Politik hat in der Pandemie das Thema Renationalisierung der Wirtschaft entdeckt. Nützt das der Versorgungssicherheit?

Man darf Versorgungssicherheit nicht verwechseln mit lokaler Produktion. Versorgungssicherheit bedeutet, dass man bei kritischen Gütern nicht von einer Quelle abhängig ist. Viele Firmen werden die Lieferketten neu bewerten. Das Ergebnis wird sein, dass man seine Quellen diversifiziert. Das führt aber zu mehr Globalisierung, nicht weniger. Und optimistisch stimmt, dass die Wertschöpfungsketten erstaunlich schnell repariert waren.

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