Switzerland

Lohn der Moral

Nun müssen also grössere Arbeitgeber ihre Lohnsysteme nach Geschlechterdiskriminierung absuchen. Mit einer gerechten Gesellschaft hat das nichts zu tun. Für die Frauen ist es ein Rückschritt in die selbstgewählte Unmündigkeit.

Claudia Wirz ist freie Journalistin und Autorin.

Claudia Wirz ist freie Journalistin und Autorin.

Das Leben ist von Natur aus nicht gerecht. Alle technokratischen Versuche, eine gerechte Gesellschaft zu konstruieren, scheiterten. Manchmal endeten sie in grobem Unrecht, Verarmung, ja Tyrannei – aber nie in absoluter Gerechtigkeit. Eine gerechte Gesellschaft kann es nicht geben. Wo immer man eine Gerechtigkeitslücke zu schliessen glaubt, öffnet sich andernorts eine neue.

Gleichwohl lebt der Glaube an die Möglichkeit einer gerechten Gesellschaft fort. Das Streben nach dem ewig Guten und Edlen ist zu einem zeitgeistigen Fetisch geworden. Allerdings findet dieses Streben nicht primär innerhalb der privaten Sittlichkeit statt. Es könnte ja sein, dass der eigene Lebensstil nicht jeder moralischen Bonitätsprüfung standhält. Viel bequemer und spassiger ist es da, die moralische Weltrettung als gesellschaftliches Happening zu inszenieren und alle Bringschuld an abstrakte Dritte zu delegieren – an die Reichen, die Alten, das Patriarchat, die Autofahrer oder an die Konzerne.

Seit einigen Tagen ist die Schweiz in dieser Hinsicht um eine Randnotiz reicher. Seit dem 1. Juli ist das revidierte Gleichstellungsgesetz in Kraft, welches grössere Arbeitgeber dazu verpflichtet, ihre Lohnsysteme nach Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen abzusuchen. Dazu steht unter anderem ein Standardmodell des Bundes zur Verfügung.

Doch Lohndiskriminierung lässt sich nicht so einfach messen wie die Temperatur. Dass Lohngleichheitsanalysen steuerbar sind und das Potenzial haben, selektive Wahrheiten abzubilden, hat der Basler Arbeitsmarktökonom George Sheldon 2018 anschaulich dargelegt.

Wie auch immer – bis im Juni 2021 müssen nun erste Lohnanalysen durchgeführt werden. Sanktionen für säumige Unternehmen sind nicht vorgesehen, aber das braucht es auch nicht. Im Zeitalter des Moralismus reicht es, die Widerspenstigen anzuprangern. Alles andere erledigen die sozialen Netzwerke.

Wie gross der soziale Druck im Dampfkessel der Moral auf Unternehmen werden kann, hat der Fall Migros exemplarisch gezeigt. Die Gewerkschaft Travail Suisse hat sich schon in Position gebracht; sie hat angekündigt, eine schwarze Liste der Unbeugsamen zu führen, während die Fügsamen auf einer weissen Liste aufscheinen dürfen.

Mit Gerechtigkeit hat all das nichts zu tun. Hier geht es vielmehr darum, den Hypermoralismus als Ordnungsprinzip weiter zu verfestigen. Unternehmen werden zu Anstalten für angewandte Moral umfunktioniert, oder sie machen sich in vorauseilendem Gehorsam gleich selber dazu.

Ist staatliche Frauenförderung das Gegenteil von Emanzipation?

Ist staatliche Frauenförderung das Gegenteil von Emanzipation?

Stefan Boness/ imago

Für die Frauen ist die Lohnpolizei genauso wie jegliche Art von Frauenquoten ein Rückschritt in die Unmündigkeit. Das Gleichstellungsgesetz und sein bürokratisches Alter Ego, das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau, atmen zutiefst das Pathos des wohlfahrtsstaatlichen Paternalismus. Sie trauen den Frauen nicht zu, dass sie ihre Probleme selber lösen können, sehen die Frau als das ewig hilfsbedürftige Geschöpf.

Staatliche Frauenförderung ist deshalb das Gegenteil von Emanzipation. Frauen stellen die (knappe) Bevölkerungsmehrheit, sie haben den gleichen Zugang zu Bildung und die gleichen Rechte wie die Männer. Jeder weitere Eingriff zugunsten vermeintlicher Gerechtigkeit schafft neue Ungerechtigkeiten und baut die von unseren Vorfahren erkämpfte Freiheit Stück für Stück ab. Skepsis gegenüber all den wohlfeilen Gerechtigkeitsversprechungen und Lohnanalysen sei deshalb anempfohlen. Denn Skepsis, glaubt man Schopenhauer, ist wie die Opposition im Parlament. Sie ist ebenso wohltätig wie notwendig. Im Zeitalter des Hypermoralismus stimmt dies mehr denn je.

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