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Literarische Mahlzeiten: Wir Tiere müssen töten, um zu leben

Erst verzichtet sie auf Fleisch, dann will sie jede Form von Gewalt vermeiden: Die Vegetarierin, von der Han Kang in ihrem Roman erzählt, geht einen radikalen Weg. Er kann nur tragisch enden.

Am Ende möchte Han Kangs Vegetarierin am liebsten selbst zur Pflanze werden.

Am Ende möchte Han Kangs Vegetarierin am liebsten selbst zur Pflanze werden.

Simon Tanner / NZZ

Wäre es schön, nicht mehr essen zu müssen? Wer diese Frage mit entsetztem Augenrollen beantwortet, hat mein volles Verständnis. Ob süss oder salzig, das Essen gibt dem Leben Würze; es bringt Menschen zusammen und Gespräche in Gang. Aber einige Vorzüge hätte das speisefreie Dasein wohl doch zu bieten: Man könnte sich das Einkaufen und damit einiges Geld sparen, das Gemüserüsten nach anstrengenden Arbeitstagen entfiele auf immer, und nie mehr müsste man fürchten, von einem unglücklich zwischen den Zähnen steckenden Salatblatt lächerlich gemacht zu werden.

Recht bedacht, würde man aber nicht nur ein paar läppische Sorgen verlieren, wenn man nicht mehr essen müsste, sondern dazu auch etwas Gewaltiges gewinnen: ein Gefühl von reiner Unschuld. Wer sich selber ernährt, löscht unweigerlich anderes Leben aus. Pflanzen sind in der Lage, Energie aus Sonnenlicht zu gewinnen, alle tierischen Existenzen aber müssen handgreiflich werden oder Zähne und Klauen einsetzen, um sich den Grundstoff anzueignen.

Keiner hat dieses Faktum so eindringlich beschrieben wie Elias Canetti, der das Essen in «Masse und Macht» mit Formen gewaltsamer Herrschaft verglich: «Etwas Fremdes wird ergriffen, zerkleinert, einverleibt und einem selber von innen her angeglichen; durch diesen Vorgang allein lebt man.» Im Kot sodann, meinte Canetti, erkenne der Essende seine «Blutschuld» – und eben deshalb entledige sich der Mensch dieses zum Himmel stinkenden Zeichens verschämt im Verborgenen.

Abschied vom Schweinebauch

Die Passage, in der Canetti unser Essverhalten seziert hat, ist kurz, kaum zehn Seiten lang, aber wer sie einmal gelesen hat, wird sie nicht mehr vergessen. Ich fragte mich oft, ob auch Han Kang diese Stellen kennt. Denn zumindest in meiner Lesart ist der Roman der Südkoreanerin das perfekt gelungene literarische Pendant zu Canettis analytischer Betrachtung: «Die Vegetarierin», 2016 mit dem Booker Prize ausgezeichnet, umkreist in drei zusammenhängenden Kurzgeschichten die unauflösliche Verflechtung zwischen Essen und Macht, Gewalt und Schuld.

Das klingt nach einer gehörigen Portion Moral, aber alles andere ist der Fall. Nüchterner als Han Kang kann man schwerlich schreiben, und eben die unprätentiöse Kargheit verleiht der «Vegetarierin» ihre Stärke. Die Frau, um die sich die drei Geschichten drehen, pflegte einst allerlei Köstlichkeiten zu kochen; besonders ihr frittierter Schweinebauch an Ingwermarinade war ein Gedicht, wie ihr Ehemann berichtet. Doch eines Nachts muss er beobachten, wie seine Frau alle tierischen Speisen aus dem Kühlschrank wirft: Aal, Tintenfisch, Rinderfilets – von diesen Esswaren will die Frau plötzlich nichts mehr wissen.

Was im Innern der Vegetarierin geschieht, kann niemand recht begreifen. Sie erzählt von Träumen, in denen sie mitten unter blutenden Tieren steht, und offenbar möchte sie fortan jede Form von Gewalt vermeiden, um wieder in Ruhe schlafen zu können. Ihr Mann murrt, ihr Vater zürnt ob dieser Entscheidung: Auf einer Familienfeier versucht er der Tochter das Fleisch wortwörtlich in den Mund zu prügeln. Sie aber verletzt sich lieber selber mit einem Messer, als dass sie von dem toten Tier isst. Das Fest endet im Eklat, die Frau zuletzt in der psychiatrischen Klinik.

Eine verstörende Frage

Dort, wo man sie zur Vernunft bringen will, treibt die Vegetarierin ihre eigene Logik auf die Spitze. Fleisch rührt sie weiterhin nicht an, und allmählich weist sie auch jede andere Nahrung zurück. Die Frau möchte zur Pflanze werden, von Sonne und Wasser leben und die menschliche Existenz überwinden: «Ich bin kein Tier mehr», sagt sie ihrer Schwester, und in ihren Träumen sieht sie sich jetzt Wurzeln schlagen und mit der Erde verschmelzen.

Die gewaltlose Beziehung zur äusseren Natur ist freilich nur um den Preis einer brutalen Verstümmelung des eigenen Körpers zu haben. Völlig ausgemergelt liegt die Frau in ihrem Klinikbett – Han Kangs schonungslose Beschreibung des Verfalls geht im wahrsten Sinne unter die Haut. Nur durch den Prozess des Einverleibens lebe man, sagte Canetti, und setze dieser Vorgang aus, fügte er an, «so ist man selber bald am Ende». Die Vegetarierin ist bei klarem Verstand und weiss das wohl. In letzter Konsequenz stellt sie deshalb diese eine verstörende Frage: «Ja und? Ist es denn verboten zu sterben?»

Sicher, man würde irrsinnig, erhöbe man jeden einzelnen Bissen zur Frage von Leben und Tod. Aber auch in gesättigten Gesellschaften bleibt das Essen mit Themen verbunden, die an den Kern des menschlichen Daseins rühren – das wurde mir selten so deutlich wie in den Stunden, in denen ich die fabelhafte «Vegetarierin» verschlang.

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