Switzerland

Literarische Mahlzeiten: Wenn kein Essen mehr da ist, hilft nur noch eines: erzählen, aber in den schönsten Farben

Gottfried Keller schildert in seinem Buch «Martin Salander» ein zauberhaftes Festmahl aus nichts.

Die Gäste in Marie Salanders Garten putzen weg, was noch im Hause ist. Für die verarmte Frau und die Kinder bleibt nichts mehr übrig.

Die Gäste in Marie Salanders Garten putzen weg, was noch im Hause ist. Für die verarmte Frau und die Kinder bleibt nichts mehr übrig.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Nach sieben Jahren kehrt der Mann zu Frau und Kindern zurück. Sieben märchenhafte Jahre war er in Brasilien und hat dort, mit allerlei Handel und Gewerbe, jenes Vermögen wieder geschaffen, das ihm zuvor ein windiger Freund aus Jugendtagen mit Gaunereien abgeknöpft hatte. Wie es der Familie inzwischen ergangen ist, davon hat der Rückkehrer ganz offenkundig wenig Ahnung.

Als sei er ein Fremder, betätigt Martin Salander die Hausglocke, tritt erst dann ein und grüsst Frau und Kinder «mit bewegter, nicht lauter Stimme: ‹Guten Abend!›» Fast schüchtern fällt man sich in die Arme, «Ja, meine gute Marie!», sagt er, und danach: «Du gute Frau, wie liebe, hübsche Kinder hast du mir da herangezogen.» Dann aber geht’s gleich zur Sache: «Was hast du etwa zu essen und zu trinken für deinen Mann? Ich habe Hunger wie ein Wolf und seit heut’ morgen nicht viel genossen!»

Es folgen betretenes Schweigen und alsbald das Geständnis der guten Marie, dass er nicht allein sei mit seinem Hunger, denn sie alle hätten an diesem Tag «noch gar nichts gegessen». Die Frau schickt noch ein paar Erklärungen hinterher, was dem guten Mann nun wiederum für einen Augenblick die Sprache verschlägt und ihn innerlich seufzen lässt: «Das kommt immer besser!»

Die verluderten Sitten

Dass die Frau sich zu früh freut über das Wiedersehen und dass der Mann in kein Idyll zurückkehrt: Das freilich wissen die beiden nicht, als sie sich wiedersehen. Die Leser hingegen sind ihnen einen Schritt voraus und können darum den Seufzer Martin Salanders deuten: Denn kaum in die Heimatstadt zurückgekehrt und noch ehe er die Seinen in die Arme nahm, erfuhr er, dass wohl sein ganzes brasilianisches Vermögen zerronnen sei, wie er es gewonnen hatte. Mehr als das, was er auf sich trägt, bleibt ihm nicht.

Davon erzählt Keller auf den ersten Seiten des Romans, ebenso wie er die desolate Lage im Hause Salander schildert. Die Frau betreibt eine kleine Gastwirtschaft, aber hat kaum mehr das Geld, Speis und Trank einzukaufen für die wenigen Gäste, geschweige denn für die Kinder und sich selbst. Und just an jenem Tag hatte sie Kundschaft zu bewirten, die sich ein Vergnügen daraus machte, die verbliebenen Vorräte bis auf die letzte Krume und den letzten Tropfen wegzuputzen.

Keller lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, das Schauspiel in den grellsten Farben zu zeichnen. Das blasierte Bürgertum macht sich mit herablassender Jovialität über die wenigen Köstlichkeiten her und lässt am Ende die Rechnung dann auch in grösster Selbstverständlichkeit anschreiben, weil die Geldbörse entweder zu Hause geblieben oder gar verloren gegangen sei.

Maries Verzweiflung wächst von Minute zu Minute. Derweil hat sie die Kinder ins Haus gesperrt aus Furcht, den Gästen könnte der Anblick der nach Schinken oder Butterbrötchen lechzenden Kleinen lästig sein. Nun drücken sie Kopf an Kopf ihre Nasen gegen die Scheiben und schauen schweigend zu, wie draussen schamlos und restlos verdrückt wird, was auch für ihr Abendbrot noch hätte reichen sollen.

Wie sollen die Kinder nun bloss satt werden, fragt sich die arme Marie, als ein Gewitterregen die unselige Kundschaft endlich vertrieben hatte. Da aber sieht man, dass sie in sieben Jahren als alleinerziehende Mutter weder ihren Sinn für Poesie noch Schalk und Witz verloren hat.

Das Glück der Imagination

Auf der Stelle ersinnt sie das Märchen von den seltsamen Erdmännchen. Diese fänden sich am Fuss eines Regenbogens zu einem letzten frohen Fest ein, ehe sie in eine freundlichere Gegend auswanderten, «wenn das grosse Volk im Lande anfängt, auszuarten und dumm und schlecht zu werden». So erzählt es Marie ihren Kindern. Und gleich glaubt man im Hintergrund zu hören, wie der boshafte Keller über Maries Sottise gegen ihre verluderten Zeitgenossen kichert.

In den schönsten Farben und Ausschmückungen lässt sie nun vor den staunenden Augen der Kinder ein Bild erstehen von den Köstlichkeiten, die sich die Erdmännchen und Weiblein gegenseitig auftischen. Und auch wenn sich das alles nur auf wenigen Zeilen abspielt, so macht es doch den Eindruck, als würde es kein Ende nehmen mit den auserlesensten Speisen und Getränken.

Werden die Kinder satt davon? Natürlich nicht. Zum Glück kündet die Hausglocke auch bald die unverhoffte Rückkehr des Hausherrn an. Und alsbald führt er, kaum hat er sich vom ersten Schock erholt, die Familie ins nächste Gasthaus zu einem ganz realen Festmahl aus. Aber Maries in der Verzweiflung erfundenes Märchen erzählt noch eine ganz andere Geschichte: Darin bekräftigt Gottfried Keller, dieser grosse Skeptiker, sein unerschütterliches Bekenntnis zur Imagination. Es sind die Bilder unserer Einbildungskraft, mit der wir die Welt erschaffen, immer aufs Neue.

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