Switzerland

Lieferengpässe wegen Coronavirus hin oder her – Pharmafabriken rechnen sich in Europa immer weniger

Der französische Hersteller Sanofi will sich in Europa aus der Wirkstoffproduktion zurückziehen. Damit stellt sich auch die Frage, was Novartis mit den verbliebenen Fabriken in sechs Ländern vorhat.

 Paul Hudson ist der neue CEO des französischen Pharmakonzerns Sanofi

Paul Hudson ist der neue CEO des französischen Pharmakonzerns Sanofi

Christophe Morin / Imago

China gilt als Supermarkt für Einkäufer von Pharmawirkstoffen. Nirgendwo sonst werden mehr dieser für die Medikamentenherstellung essenziellen Halbfabrikate produziert als im Reich der Mitte. Laut Branchenstatistiken ist China inzwischen mit Indien für 60% der globalen Pharmawirkstoff-Fertigung verantwortlich. Dies illustriert, wie stark sich auch westliche Absatzmärkte in die Abhängigkeit des Fernen Ostens begeben haben. Angesichts der Coronavirus-Epidemie, die China seit Wochen im Griff hat, ist es auch nicht erstaunlich, dass die Sorge um Engpässe bei der Medikamentenversorgung vielerorts steigt.

In diesem Umfeld hat der französische Pharmakonzern Sanofi geschickt die Botschaft platziert, dass er einen Beitrag zur Minderung der Abhängigkeit von Wirkstofflieferungen aus Asien leisten wolle. Hintergrund der Meldung ist die Absicht des Unternehmens, bis 2022 via einen Börsengang sein Geschäft im Bereich der europäischen Herstellung von Pharmawirkstoffen zu verselbständigen und verstärkt für Drittkunden zu öffnen.

Hauptantrieb für diesen Schritt dürfte indes die Notwendigkeit einer Kostenreduktion sein. Der Konzern, der mit starkem Preisdruck in seinem einst einträglichen Geschäft mit Insulinpräparaten kämpft, strebt konzernweit jährliche Einsparungen von 2 Mrd. € an. Der Betrieb von Pharmafabriken verschlingt hohe Kosten, vor allem wenn sie wie die Werke von Sanofi meist 30 oder 40 Jahre alt sind und in europäischen Hochlohnländern stehen. Roche hat schon früher eine Reihe von europäischen Produktionsstätten abgestossen. Übrig geblieben sind bei der Firma in Europa nur zwei Hauptstandorte (Basel und Penzberg). Roche bezieht mittlerweile viele Wirkstoffe von spezialisierten Herstellern wie Lonza.

Im Gegensatz dazu betreibt Lokalrivale Novartis noch immer Fabriken für Pharmawirkstoffe in sechs verschiedenen europäischen Ländern. «Aus Konkurrenzgründen» will sich das Unternehmen nicht zur Strategie in diesem Bereich äussern. So oder so dürfte man bei Novartis aber sehr genau verfolgen, ob Sanofi die Ausgliederung glücken wird – nicht zuletzt auch deshalb, weil der neue Sanofi-Chef Paul Hudson bis zu seinem Wechsel die Pharmasparte von Novartis geleitet hat.