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Switzerland

Lasst uns gotisch sein!

Sie steht noch da. Seit vier Monaten fährt einem, wenn man an der Pariser Notre-Dame vorbeikommt, dieser Satz mit seiner Mischung aus Ungläubigkeit, Entsetzen und Trost durch den Kopf. Es war der Satz, mit dem der Schriftsteller und Journalist Albert Londres am 29. September 1914 in der Zeitung Le Matin seine berühmte Reportage über die Kathedrale von Reims begann, nachdem diese durch die deutschen Truppen beschossen worden war. Kein Dach mehr über dem Gewölbe, Tageslicht, das durch die löchrige Decke dringt, und im Innern verrusstes Gemäuer mit den Spuren von herabgeronnenem Blei, schrieb der Autor damals.

Eines aber ist anders. Heute herrscht nicht mehr Krieg, und die Arbeiten an Notre-Dame sind schon nach vier Monaten weit vorangeschritten.

Vor den mit Stacheldraht geschützten Absperrungswänden knipsen die Touristen Selfies mit dem Doppelgesicht der Kirche als Hintergrund. Auf der Westfassade sieht sie praktisch so aus wie zuvor, abgesehen vom fehlenden Vierungsturm. Auf den drei anderen Seiten zeigt sie hingegen mit den Holzverschalungen, den abmontierten Glasfenstern, den weissen Planen statt eines Dachs und den in den Himmel ragenden Giebelstümpfen das Ausmass des Schadens.

So sieht Kathedrale derzeit aus. Foto: Chesnot/AFP

Die Räumung der verkohlten Dachbalken und heruntergefallenen Mauerstücke im Inneren neigt sich dem Abschluss entgegen. Dutzende Wissenschaftler, Denkmalexperten, Fahndungsbeamte, Ingenieure und Bauarbeiter waren bis vor Kurzem mit dem Sichten, Aussortieren und Beseitigen der Trümmer beschäftigt. Ende Juli musste die Arbeit wegen des zu hohen Bleigehalts am Boden und auf den Wänden ausgesetzt werden. In der nächsten Woche soll sie unter verschärften Schutzvorkehrungen weitergehen. Im Inneren der Kirche werden zwei ferngesteuerte Bagger eingesetzt, denn wegen des weiterhin drohenden Absturzes von Gewölbeteilen ist das Betreten des Hauptschiffs verboten.

Der Chefarchitekt für die Rettung von Notre-Dame, Philippe Villeneuve, ist aber halbwegs erleichtert in den Urlaub gefahren. Sämtliche 28 äusseren Strebepfeiler rund ums Kirchenschiff sind mit gigantischen Holzbögen abgestützt worden. Auch die Befürchtung des Architekten, die nach den Löscharbeiten auf Jahre gespeicherte Feuchtigkeit in den Mauern könnte nach der Hitzeschockwelle dieses Sommers die Fugen noch bröseliger machen, scheint sich einstweilen nicht zu bestätigen. Die Fugen zwischen den millimetergenau eingepassten Steinen seien so dünn, dass sich wenig Angriffsfläche biete, sagen die Spezialisten.

Im Inneren der Kirche werden zwei ferngesteuerte Bagger eingesetzt. Foto: Stephanie de Sakutin/Keystone

Thierry Zimmer, Kunsthistoriker und stellvertretender Direktor des Laboratoire de Recherche des Monuments Historiques (LRMH), der mit seinen Leuten seit April am Ort tätig ist, zeigt sich geradezu optimistisch. Der Kathedrale gehe es gut, sagt er, während er im Bistro «Quasimodo» seinen Schutzhelm auf den Nebenstuhl legt und zur Menükarte greift.

Zimmer hat schon ganz anderes gesehen. Das 1967 gegründete Labor LRMH wird quer durch Frankreich überall dort herbeigerufen, wo eine Kirche, ein Schloss, eine Brücke oder sonst ein denkmalgeschütztes Bauwerk Rettung braucht. Wie er am 15. April vom Brand in der Notre-Dame erfahren habe, wisse er schon gar nicht mehr genau, sagt er: «Im Fernsehen wahrscheinlich.» Bei aller staatstragenden Gravität: Notre-Dame ist für Zimmer mehr eine berufliche als eine emotionale Herausforderung.

Das Recherchelabor ist nach Materialkategorien eingeteilt: Stein, Holz, Metall, Glas, Textil, Beton, Mikrobiologie. Fast alle 23 Wissenschaftler sind für Notre-Dame im Einsatz. Manche von ihnen können ihre Euphorie nur schlecht verbergen. Normalerweise werde die Erlaubnis für Bohrproben zur Altersbestimmung der Balken in solchen Bauwerken nur spärlich vergeben, und nun liege das Material massenweise auf dem Boden herum, schwärmt die Molekularbiologin Martine Regert.

Ein Forscher macht ein Bild von kategorisierten Steinen aus der Kathedrale. Foto: Rafael Yaghobzadeh/AFP

Gewiss, durch den Brand ging manches verloren, dafür kann viel Wissen über die Kathedrale gewonnen werden. Konkrete Ergebnisse liegen noch nicht vor, die Erforschung des Materials hat kaum erst begonnen. Überraschend erscheint manchen Experten aber heute schon der unerwartet hohe Eisenanteil in den Trümmern, als wären die Kathedralenbauer des 13. Jahrhunderts mit diesem Material besser vertraut gewesen als bisher angenommen. Einige träumen auch schon von genaueren Kenntnissen darüber, in welchen mittelalterlichen Wäldern die Eichen für den 120 Meter langen Dachstuhl geschlagen wurden.

Ein echtes Problem ist hingegen das Blei. Mehr als zweihundert Tonnen wogen die fünf Millimeter dicken Dachplatten, für die der Bischof und Notre-Dame-Gründer Maurice de Sully testamentarisch in seinem Todesjahr 1196 noch fünftausend Livres gespendet hatte. Dazu kamen weitere 250 Tonnen von dem ganz in Blei gefassten Vierungsturm des Restaurationsarchitekten Eugène Viollet-le-Duc im 19. Jahrhundert.

Blei schmilzt bei 327 Grad und wird bei sehr hohen Temperaturen gasförmig. Beim Brand stieg die Hitze bis auf 900 Grad. Rund um Notre-Dame werden nun überdurchschnittlich hohe Bleiwerte gemessen. Auf manchen Plätzen und Schulhöfen in der Umgebung der Kathedrale hat in dieser Woche eine gründliche Reinigung begonnen.

Experten reinigen einen Schulhof von Blei. Foto: Martin Bureau/AFP

Die Laune der Forscher können solche Sorgen nicht trüben. Zimmer hält fest: Die Hauptsache sei gerettet. Noch während des Brandes sei alles Transportierbare in Sicherheit gebracht worden. Von den drei wegen ihres Formats hängen gebliebenen Bildern sei jenes im Chor unbeschädigt und die beiden im Querschiff zeigten, soweit man das durchs Fernrohr sehen könne, auch keine gravierenden Schäden.

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