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Lasst Teller sprechen! Warum literarische Mahlzeiten mehr sind als Buchstabensuppe

Der Geist ist alles andere als ein Kostverächter. Ein schönes Rezeptbuch lässt einem den Mund wässern, und welcher Leser setzt sich nicht gerne hie und da mit literarischen Figuren zu Tisch? So vielfältig wie die Aromen ist auch das Bedeutungsspektrum der Kulinarik.

Niemand hat die Gaumenlust schöner ins Bild gesetzt als die niederländischen Maler. Kulinarische Lektüren brauchen etwas mehr Vorstellungsvermögen, aber ihre Vielfalt ist unendlich. Das Stillleben mit Käse malte Floris Claesz van Dyck.

Niemand hat die Gaumenlust schöner ins Bild gesetzt als die niederländischen Maler. Kulinarische Lektüren brauchen etwas mehr Vorstellungsvermögen, aber ihre Vielfalt ist unendlich. Das Stillleben mit Käse malte Floris Claesz van Dyck.

Heritage Images / Hulton Fine Art Collection

Entrecôte mit saurem Rahm für 3 Personen: 1 Franken 36. Eingerechnet sind auch der halbe Esslöffel Mehl zu 1 Rappen sowie Salz und Pfeffer zum selben Betrag. Wahrhaft haushälterisch ist es, das 1910 erschienene «Grosse Schweizerische Kochbuch» der Anna Bosshard, das zu jedem Gericht die Kosten anführt und dessen grober Leineneinband auch nach gut hundert Jahren noch taugt.

Solch solide Nüchternheit hat auf den Regalen, wo die heutigen Kochbibeln prangen, nicht mehr viel zu suchen. Mit exquisiten Rezepten bestückt, mit Bildern gespickt, die das Auge laben und den Gaumen kitzeln, manchmal ergänzt durch kultur- und ländergeschichtliche Exkurse, sind Kochbücher längst zur salonfähigen Lektüre geworden.

Sogar im nüchternen Umfeld von Tageszeitungen kann sich das Schreiben über Speis und Trank zur hedonistischen Kür entwickeln. Wer den Gastrokritiker, die Weinexpertin aber voreilig als die seligen Schlaraffen in der Presselandschaft abtun will oder ihre sprachlichen Ornamente mit puritanischem Stirnrunzeln betrachtet, sollte zuerst einmal mit dem eigenen Gaumen zu Rate gehen.

Wie ist es da nur schon ums Differenzierungsvermögen bestellt, nicht zu reden von der Fähigkeit, Aromen, Konsistenzen, das Zusammenspiel verschiedener Geschmacksnoten so ans Hirn zu übermitteln, dass sie in Sprache übersetzt werden können? Taugt das kulinarische Langzeitgedächtnis zum Vergleich, ob und weshalb dasselbe Gericht in einem anderen Lokal besser schmeckte? Und mal ehrlich: Hätten Sie die Phantasie und Courage, von einem Riesling zu sagen, dass er dank seinem «hier angenehm zart ausgeprägten Petrolton eine fast ätherische Note entwickelt»? Eben.

Wal-Pastete und Polenta

Wer beim Essen einen noch höheren Grad an literarischer Nobilitierung begehrt, kann sich gleich mit den Grossen der Zunft an den Herd stellen. Es gibt diverse Kochbücher nach Proust; auch Goethe, Schiller, Fontane oder dem esslustigen Adalbert Stifter darf man in die Töpfe schauen. «Dinner with Dickens» ist ebenso möglich wie das Entdecken der «Joyce of Cooking» in Dublin. Krimi-Fans werden in den Lieblingsgerichten von Donna Leons Commissario Brunetti oder Patricia Cornwells Meisterdetektivin Kay Scarpetta schwelgen, zu denen ebenfalls Rezepte vorliegen – und wem unsere Erde nicht genügt, der soll sich «Nanny Oggs Kochbuch» mit Rezepten aus Terry Pratchetts «Scheibenwelt» besorgen.

Unter den Schriftstellern selbst richtet wohl keiner mit grösserer Kelle an als Herman Melville, der in «Moby-Dick» nicht nur einzelne geniessbare Teile des Wals, sondern gleich auch den gesamten Meeressäuger in den Blick nimmt: «Tatsache ist, dass zumindest seine Jäger den Wal Mann für Mann als edlen Speisefisch ansehen würden, wenn es nur nicht so viel von ihm gäbe. Nimmt man aber vor einer Fleischpastete von fast einhundert Fuss Länge Platz, dann vergeht einem der Appetit.»

Wenig Worte für viel Futter; aber es geht auch umgekehrt. Joel Barlow, an Ruhm seinem Landsmann Melville nicht ganz gleich, hat 1796 mit dem Langgedicht «The Hasty-Pudding» die denkbar schlichteste Speise – bei uns heisst sie Polenta – auf den Parnass getragen: Auf nicht weniger als 370 Zeilen erkundet er die Erfindung ebenso wie die weltweite Verbreitung des Gerichts, verfolgt seine Entstehung von der Aussaat des Maises bis in den Kochtopf und weiss auch, welcher Löffel sich beim Verzehr am besten bewährt.

Speisen stiften Sinn

Von der Hochliteratur bis in die Unterwelt, von der Delikatesse bis zur Ekel-Orgie erstreckt sich das Reich der literarischen Kulinarik, und entsprechend vielfältig sind die Formen, in denen sie sich zeigt. Die erinnerungsträchtige Madeleine ist durch so viele unberufene Münder gegangen, dass echte Proust-Liebhaber das Wort wohl kaum mehr aussprechen mögen. Der Napf Haferbrei, über dem Oliver Twist und seine Leidensgefährten im Armenhaus darben, prägt sich dem Gedächtnis nicht minder ein als das währschafte Taufmahl, mittels dessen Gotthelf seine Leser ins Netz der «Schwarzen Spinne» lockt. Wer Lotte im «Werther» Brot schneiden sah, wessen Herz zuckte, als Kellers «Landvogt von Greifensee» der eigenwilligen Figura Leu einen Zweig voll roter Kirschen in den Schoss wirft, der weiss, dass der Eros der Speise auch in schlichterer Kost als Austern und Champagner lebt.

Die Aufforderung, einmal über den Tellerrand zu schauen, geht im Allgemeinen an selbstsatte Gemüter, die über dem eigenen Wohlsein die Welt vergessen. Aber mit gleichem Recht kann man die Blickrichtung um hundertachtzig Grad wenden und auf den Inhalt des Tellers spähen. Wie wenig es braucht, um einen Charakter anhand seiner Essgewohnheiten zu fassen, zeigt etwa Jane Austens Mr. Woodhouse; niemand wird den Namen von Emmas hypochondrischem Vater aussprechen können, ohne dabei den faden Geschmack von Haferschleim – dem einzigen Gericht, zu dem sich der alte Herr uneingeschränkt bekennen kann – auf der Zunge zu spüren.

Was und wie viel auf dem Teller liegt, mag von Geiz oder Grosszügigkeit erzählen, vielleicht auch von der sanften, unerbittlichen Gewalt, mit der überbordende Gastfreundschaft oder Mutterliebe den Körper des Essers usurpiert. Und was seitlich oder oberhalb des Tellers postiert ist, kann zum tückischen Instrumentarium sozialer Distinktion werden. Weh dem, der zum falschen Messer greift, nicht weiss, wozu eine Fingerschale gut ist, oder das diskrete Alphabet des Bestecks nicht beherrscht, mit dem man noch vorhandenen Appetit oder Genügen signalisiert.

Ach, Britannien!

Nicht nur Figuren oder gesellschaftliche Milieus, auch ganze Nationen werden – zu Recht oder zu Unrecht – an ihrer Esskultur gemessen. Englands diesbezüglich notorisch zweifelhaftes Renommee rief 1945 keinen Geringeren als George Orwell auf den Plan, der im Aufsatz «In Defence of English Cooking» eine Armada von Köstlichkeiten ins Feld führt, die jenseits des Ärmelkanals nirgends in befriedigender Qualität zu haben seien.

Tatsächlich hat man Grund zur Dankbarkeit, dass Shortbread, Bitterorangenmarmelade oder die englische Apfelsorte Cox Orange den Kontinent mittlerweile erreicht haben. Anderseits mag unsereins sich wundern, dass noch im 21. Jahrhundert – 2009, um präzis zu sein – in Britannien ein Zwist um den Haggis entbrannte: Eine Historikerin wollte den Schotten die Erfindung dieses Gerichts streitig machen und sie den Engländern zuschreiben. Nun ist der mit Innereien, Zwiebeln und Hafermehl gefüllte Schafsmagen zumindest empfindlicheren Seelen wohl eher suspekt. Sein identitätsstiftender Stellenwert in Schottland aber ist gross – das lässt sich schon daran ermessen, dass der Nationaldichter Robert Burns sich für eine kunstfertig gereimte «Address to a Haggis» nicht zu schade war.

Wie immer man zur englischen Küche stehen mag: Ihr schlechter Ruf (und vielleicht ein Schuss gelebte Erfahrung) hat eine der irrwitzigsten kulinarischen Phantasien entfesselt, welche die Literatur zu bieten hat. Zu finden ist sie in Thomas Pynchons Roman «Die Enden der Parabel», angesiedelt in London während des Zweiten Weltkriegs; der US-Leutnant Tyrone Slothrop quält sich dort, höhnisch observiert von seiner Geliebten, durch einen Parcours aus angejahrten einheimischen Süsswaren.

Er hat schon «Marmeladesurprisen» gekostet, deren Glibberfüllung an Mayonnaise mit Orangenschalen gemahnt, dazu eine noch greulicher gestopfte Süssigkeit in Form einer Mini-Handgranate sowie andere Köstlichkeiten, als mit der Meggezone (einem real existierenden Hustenbonbon) die orale Geheimwaffe der Briten gezündet wird. Sie wirkt, «als ob einem eine Schweizer Alp gegen den Kopf gedonnert würde. Sofort beginnen mentholene Eiszapfen vom Dach der Slothropschen Mundhöhle zu wachsen, Eisbären krallen sich in die verharschten Alveolentrauben seiner polaren Lungen» – eine Darstellung übrigens, die der englische Schriftsteller Geoff Nicholson durchaus realitätsnah nennt.

Essen müssen alle

Egal, in welcher Kultur ein Roman spielt, wie viel oder wenig Bildung, Liebe, Wohlstand den Figuren zuteil wird, wie abenteuerlich oder fad sich ihr Leben gestaltet: Essen müssen sie alle. Natürlich kann dieser kleinste gemeinsame Nenner des Daseins als selbstverständlich vorausgesetzt und im Text völlig übergangen werden; doch kommt ein Autor, eine Autorin erst einmal auf den Geschmack, dann bewährt sich die Kulinarik als vielseitig verwendbares und unmittelbar zugängliches Motiv. Grund genug, einige dieser literarischen Mahlzeiten auf den folgenden Seiten genauer in den Blick zu nehmen.

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