Switzerland

Lange war er ein Forschungs-Aussenseiter: Wie Steve Pascolo in Zürich die Basis der Corona-Impfung legte

Die Geschichte wäre ­eigentlich schnell erzählt: Ende der 90er-Jahre entwickelt ein französischer Forscher die Grundidee für einen mRNA-Impfstoff. Er wird ans Univer­sitätsspital Zürich berufen, präsentiert seine Entdeckung und wird bejubelt.

Unterstützt mit ein paar Millionen des Bundes ver­feinert der junge Immuno­loge über Jahre seine Methode. Er stampft eine pharmazeutische Produktion aus dem Boden, die 20 Jahre später Millionen Menschen das Leben rettet – ein Joint Venture von Staat, Hochschulen und Wirtschaft. Kurz nach der ersten Corona-Welle im März 2020 laufen bereits Millionen Impfdosen vom Band.

Die Schweiz wäre heute, knapp ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie, komplett durchgeimpft. Als erste Nation der Welt. Eine Erfolgsstory made in Switzerland. Doch es kam anders.

Heute ist die Eidgenossenschaft in hohem Mass abhängig von ausländischen Pharmaunternehmen. Im globalen Impf­konzert geben die deutsche Biontech, die US-Firma ­Moderna und die britisch-schwedische Astrazeneca den Ton an.

Die Big Pharma in Basel hat sich vor Jahren aus diesem Geschäft zurückgezogen, Schweizer Hochschulen forschen mit angezogener Handbremse. Es fehlt das Geld.

Deshalb ziert heute nicht der Immunologe Steve Pascolo (50) von der Universität ­Zürich das Cover des «Times Magazine», sondern das deutsche Biontech-Paar Ugur Sahin (55) und Özlem Türeci (53). Sie haben als Erste eine mRNA-Impfung zur Marktreife gebracht.

Chance vertan

«Frust? Nein, ich bin nicht frustriert. Doch die Schweiz hat die Chance vertan, bei der Impfstoffentwicklung auf mRNA-Basis ganz vorne mitzuspielen», sagt Pascolo im Gespräch mit SonntagsBlick.

Und so ist das Leben dieses Ausnahmetalents die Geschichte eines Aussenseiters, der seit zwei Jahrzehnten um Anerkennung für seine Forschung kämpft.

Alles begann 1998 an der Universität Tübingen (D) – mit einem Paukenschlag. «Wir konnten nachweisen, dass mRNA-Moleküle stabil genug sind, um als Impfstoff eingesetzt zu werden. Das veränderte alles», sagt Pascolo. Die Gentherapie der Zukunft war geboren.

Die Methode: Ein Serum auf mRNA-Basis, das dem Patienten injiziert wird, gaukelt dem Körper vor, Erreger seien eingedrungen und setzt dadurch die Immunabwehr in Gang. Die infizierten Zellen werden bekämpft. Individuell, schnell und mit geringen Nebenwirkungen.

Was im Kampf gegen den Krebs begann, wird zum Grundstein für die Entwicklung eines Vakzins gegen das Coronavirus.

Im Jahr darauf gründet Pascolo mit Kollegen und ­finanzstarken Investoren die Firma Curevac, die sich fortan auf die Erforschung und Entwicklung von Arzneimitteln auf der Grundlage des Botenmoleküls mRNA spe­zialisiert. Bald wird er Manager, hat keine Zeit mehr für seine grösste Leidenschaft – die Forschung. Er steigt aus.

Wissenschaft war skeptisch

2006 kommt Pascolo als Postdoktorand ans Universitätsspital Zürich, Abteilung Onkologie. «Ich wollte weiter an mRNA-Impfstoffen forschen. Das Universitätsspital schien mir dafür der richtige Ort.» Doch Pascolos Forschungsfeld stösst auf wenig Begeisterung, die ­Finanzierung ist schwierig und die Wissenschaft skeptisch. «Klar habe ich die ­Leute damals genervt, aber ich war überzeugt von dem, was ich tue. Toujours!», sagt Pascolo – immer.

Etwa zur gleichen Zeit beauftragt die damalige SP-Nationalrätin Bea Heim (heute 74) in einer Motion den Bundesrat, «die Entwicklung neuer Impfstrategien, Impfprodu­ktionen und Forschung in der Schweiz zu fördern». Die Erinnerung an die globale Sars-Pandemie von 2002 ist noch frisch.

«Wir haben den Bundesrat damals regelrecht bekniet, die Impfstoffproduktion im Land sicherzustellen», sagt Heim heute. «Es war abzusehen, dass die Schweiz bei einer künftigen Pandemie komplett vom Ausland abhängig sein würde.»

Selbstversuch

2005 testet Steve Pascolo in einem Selbstversuch den von ihm im ­Labor entwickelten Impfstoff – und spritzt sich mRNA unter die Haut. «Es sind nur acht kleine Narben an der Wade übrig», sagt Pascolo und krempelt sein Hosenbein hoch. Sie sind bei Biopsien entstanden, der Entnahme von Gewebeproben. Im eigenen Fleisch konnte ­Pascolo nach der Injektion Eiweisse nachweisen: «Die mRNA funktionierte, das Experiment war gelungen!»

Couchepin hatte sich verschätzt

Der Bundesrat jedoch – der Gesundheitsminister hiess damals Pascal Couchepin (heute 78) – ist der Ansicht, «dass die nationale und internationale Industrie selber in der Lage ist, bei den Impfstoffen, für die ein Markt ­besteht, die Forschung, Herstellung und Entwicklung neuer Impfstrategien zu unterstützen und so die Bedürfnisse der Schweizer Bevölkerung abzudecken».

Das Anliegen versandet. Über zehn Jahre später steht fest: Der Bundesrat hatte die Gefahr unterschätzt.

Weder Politik noch etablierte Wissenschaft erkannten zu jener Zeit die enormen Möglichkeiten der mRNA-Technologie, die das Potenzial hat, Krebs, Corona und sogar Multiple Sklerose zu besiegen. Pascolo weibelt, schreibt unentwegt Mails, an die Leitung des Unispitals, das Bundesamt für Gesundheit, reicht Gesuch um Gesuch um Förderung ein, erörtert, argumentiert, beweist, dass mRNA die neue Benchmark ist. Er wird nicht gehört.

Pascolo, der Mann, der seine Liebe zur Forschung bereits als Teenager entdeckte, als er mit Pipetten und Fläschchen hantierte, die seine ältere Schwester aus dem Gymnasium mitgebracht hatte, lässt nicht locker. Und wagt Aussergewöhnliches.

Selbstversuch mit mRNA

In einem Selbstversuch testet er den von ihm im ­Labor entwickelten Impfstoff – und spritzt sich mRNA unter die Haut. «Es sind nur acht kleine Narben an der Wade übrig», sagt Pascolo und krempelt sein Hosenbein hoch. Sie sind bei Biopsien entstanden, der Entnahme von Gewebeproben. Im eigenen Fleisch konnte ­Pascolo nach der Injektion Eiweisse nachweisen: «Die mRNA funktionierte, das Experiment war gelungen!»

Eine bahnbrechende Erkenntnis, wie sich später herausstellen sollte.

Seine Ergebnisse publiziert er erstmals 2007, derweil sein Körpereinsatz unbelohnt bleibt: «Damals hat fast keine Organisation meine Forschung finanziell unterstützt», erzählt Pascolo. Selbst in der Onkologie habe man über sein Engagement die Nase gerümpft. Seine Forschung geriet mehr und mehr ins Stocken.

«Zwischen 2010 und 2012 erhielt ich nicht einmal mehr einen Lohn vom Unispital», sagt Pascolo. Heute werden Millionen Menschen rund um den Globus Impfdosen verabreicht, die auf seinem Verfahren beruhen.

In neueren wissenschaft­lichen Publikationen wird Pascolo als Vordenker nur selten zitiert. «Einige Leute, vornehmlich in den USA, versuchen die Geschichte umzuschreiben. Als sei alles ihre Idee gewesen. Doch bis 2010 hat kaum jemand an mRNA-Impfstoffen geforscht.»

Erst 2012 folgt ein Lichtblick. Das Geld fliesst, wenn auch nur spärlich. Vom Natio­nalfonds erhält er ein Stipendium zur Erforschung von RNA und 2013 ein weiteres Stipendium aus Brüssel. Ein paar Hunderttausend Franken nur. Aber immerhin. Pascolo ist zufrieden. Er darf wieder forschen.

Neue Player, potente Start-ups nehmen seine Forschung auf. Die Firmen heissen Biontech (gegründet 2008) und Moderna (2010). Mit Hunderten Millionen Dollar und Euro aus US-amerikanischen und deutschen Staatskassen treiben sie die mRNA-Forschung in horrendem Tempo voran.

US-Präsident Barack Obama (59) räumt 2010 der ­Bekämpfung von Pandemien in seiner Ansprache zur Lage der Nation oberste Priorität ein. Es ist ein Masterplan des mächtigsten Mannes der Welt. Nachfolger Donald Trump (74) wird später den Geldsäckel noch weiter aufmachen. Während die Mittel im Ausland zu sprudeln beginnen, knausert die Schweiz.

Pascolo handelt derweil einen neuen Vertrag mit dem Universitätsspital aus. Heute arbeitet der Immunologe Teilzeit an der Dermatologischen Klinik, als Oberassistent und Privatdozent.

Dann kommt die Pandemie und ändert alles. Im Sommer 2020 erhält er ­einen Zustupf des Nationalfonds, um seinen mRNA-Impfstoff gegen Corona, den er im März entwickelt hat, zu optimieren.

Pascolo hofft auf Umdenken

«Jetzt, wo die wissenschaftliche Community und die Behörden verstehen, dass mRNA-basierte Therapien funktionieren, hoffe ich, dass die Technologie endlich gebührend gefördert wird. Auch in der Schweiz», sagt Pascolo.

Eine Botschaft, die aufgrund der Krise auch beim Bund angekommen ist. So lanciert der Nationalfonds dieses Jahr zwei Forschungsprogramme zur Bekämpfung des Corona­virus.

«Wir haben 15 wertvolle Jahre verschenkt», sagt Immunologe Pascolo, spricht aber von Genug­tuung: «Die Krise zeigt, dass ich immer recht hatte.» Doch Pascolo wäre nicht Pascolo, wenn er nicht schon wieder einen Schritt weiter wäre: Er erinnert ­daran, dass auf Schweizer Boden lange Zeit das renommierte Pharmaunternehmen Berna Biotech Impf­stoffe gegen Pocken, Polio, ja sogar gegen die virale Lungenkrankheit Sars entwickelt hatte. Bis sie durch Missmanagement an die Wand gefahren wurde.

Der Bundesrat interessierte sich damals nicht für das Unternehmen, es wurde in die Niederlande verscherbelt.

Pascolo möchte der Idee eines Schweizer Impfstoff-Zentrums neues Leben einhauchen: «Wir brauchen dringend eine nationale mRNA-Impfstoff-­Fabrik», sagt er. «Getragen von Bund, Hochschulen und der Pharma. Besser, stabiler, schlagkräftiger.»

Denn die nächste Pandemie komme bestimmt.

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