Switzerland

La Graciosa – das Küken der Kanaren

Sie ist die Jüngste und die Kleinste: La Graciosa wurde erst vor einem Jahr zur achten Kanarischen Insel erklärt. Damit dürften die Besucherzahlen zunehmen – ein zweischneidiges Schwert. 

G1C3BP Island of La Graciosa from Mirador del Rio, Lanzarote, Canary Islands, Spain

G1C3BP Island of La Graciosa from Mirador del Rio, Lanzarote, Canary Islands, Spain

Alamy

Ein Mann huscht barfuss über die Sandpiste, den kegelförmigen Palmblatthut tief ins Gesicht gezogen. Dann verschwindet er in der blauen Tür eines weiss gekalkten Hauses. Hier, auf der kleinsten Insel der Kanaren, gibt es nicht viel mehr als ein paar flache Häuser, Sand und viel Meer. Vielleicht noch eine Palme, ein, zwei Kakteen – alles bedeckt von einer feinen Staubschicht. Ein altes Holzboot liegt auf gestapelten Paletten am Wegesrand. Man ahnt, dass die Sahara nur etwa 130 Kilometer entfernt liegt. La Graciosa ist eine Wüsteninsel, Caleta del Sebo ihr Hauptort – und gleichzeitig das einzige Dorf auf dem kanarischen Eiland.

Leben unter Naturschutzbedingungen

Die bisher wenig bekannte Insel wurde im November 2018 als achte der Kanarischen Inseln anerkannt. Sie liegt rund einen Kilometer vor der Schwesterinsel Lanzarote im Atlantischen Ozean und ist Teil des Chinijo-Archipels. Dieser hat seit 1986 den Status eines Naturparks und gehört zum grössten Meeresschutzgebiet der Europäischen Union. Für die 700 Einwohner von La Graciosa heisst das, dass sie ein Leben unter Naturschutzbedingungen führen müssen – was sie zum Teil massiv in ihrem Alltag einschränkt. So gibt es Vorschriften bezüglich Landwirtschaftsflächen, Autofahren, des Verlassens von Fusswegen, Tauch- und Ankerplätzen oder des Sammelns von Muscheln und anderen Meeresfrüchten. «Wir waren lange Jahre eine kleine, geschlossene Gemeinschaft und konnten mehr oder weniger machen, was wir wollten», sagt Miguel Páez. Die Familie des 46-jährigen Isleño lebt seit fünf Generationen auf La Graciosa. «Dass wir uns nun einschränken müssen, schmerzt. Zum Beispiel dürfen heute nur noch Berufsfischer Schalentiere fangen, für alle anderen Bewohner ist es verboten. Das Sammeln von Meeresfrüchten war traditionell aber sehr wichtig für die Insulaner.»

Abgelegene Naturstrände, karge Wüstenlandschaften und fünf inaktive Vulkane machen den Charme der 29 Quadratkilometer grossen Insel aus. Asphaltierte Strassen gibt es hier nicht, fortbewegen kann man sich nur auf Sandpisten. Es finden sich auf La Graciosa auch keine natürlichen Süsswasserquellen, keine Bäume und keine Palmen am Strand. Ihr Trinkwasser beziehen die Insulaner über Pipelines von Lanzarote.

Noch im ersten Autonomiestatut der Kanarischen Inseln von 1982 wurde La Graciosa als «unbewohntes Inselchen» aufgeführt – obwohl hier seit 1881 Menschen leben. Daher hat Miguel Páez im Februar 2013 die Bürgerinitiative «La Graciosa, die achte Kanarische Insel» ins Leben gerufen. Mit seiner Online-Petition hat er für viel Aufsehen gesorgt. Dadurch ist ein Prozess in Gang gekommen, der schliesslich den langersehnten Inselstatus brachte. Am 6. November 2018 wurde La Graciosa offiziell zur achten Kanarischen Insel erklärt.

«Unsere Bürgerinitiative will aus dem Dorf Caleta del Sebo eine kleine eigenständige Gemeinde mit Bürgermeister und eigener Verwaltung machen», erklärt Páez. «Wir wollen ein eigenes Budget, und unsere Bürger sollen mit den nötigen öffentlichen Dienstleistungen versorgt werden.» Nach etwas mehr als einem Jahr hat Caleta del Sebo zwar noch keinen Bürgermeister und auch keine eigene Verwaltung, aber die Inselbewohner haben dennoch ein paar Dinge erreicht: So ist ein Ombudsmann des kanarischen Parlaments vor kurzem nach La Graciosa entsandt worden; er hat in Caleta del Sebo ein Büro eröffnet, um die Kommunikation mit den Insulanern zu verbessern. Und die spanische Regierung will einen Beamten der Guardia Civil auf die Insel schicken – bisher gab es dort nur einen Dorfpolizisten. Ausserdem bringt das kanarische Fernsehen jetzt auch eine Wettervorhersage für La Graciosa.

Viele bunte Fischerboote und ein paar weisse Segelschiffe liegen an langen Pontons im Hafen von Caleta del Sebo. Auf der kleinen Werft lässt ein blauer Kran ein Boot ins Wasser hinunter. Drei Einheimische hocken auf einer Bank vor dem Fährhaus, das hölzerne Vordach mit der Aufschrift «Bienvenidos» schützt sie vor der Sonne. Direkt neben ihnen steht ein Surfboard, auf dem eine Surfschule für ihre Kurse wirbt. Die alten Männer beobachten das Treiben auf dem Platz, ab und zu wechseln sie ein paar Worte. Gerade ist die Fähre aus Lanzarote angekommen, viele Tagesausflügler gehen von Bord. Das Café-Restaurant Mesón de la Tierra füllt sich langsam. Ein Tauchzentrum, ein Mountainbike-Verleih, ein Souvenirladen und auch einige Stände mit Kunsthandwerk haben jetzt geöffnet. 

Vorerst vom Massentourismus verschont

«Wir hatten es fast geschafft, und jetzt kommen diese Geier, diese Spekulanten ohne jede Moral. Sie wollen uns alles stehlen, sie haben nur das Ziel, ganz schnell reich zu werden. Sie verschandeln die Landschaft, zerstören die Dörfer», sagte César Manrique, Lanzarotes bekanntester Künstler, 1988 in einem «Spiegel»-Interview über seinen langen Kampf gegen den Massentourismus. Der Maler, Bildhauer und Architekt, der 1992 bei einem Autounfall ums Leben kam, schuf auf Lanzarote nicht nur aussergewöhnliche Bauwerke, mit denen er Natur und Kunst vereinen wollte, er gilt auch als Pionier des nachhaltigen Tourismus. Als in den 1960er Jahren mehr Besucher nach Lanzarote kamen, versuchte Manrique, die Entwicklung des Tourismus mit strengen Vorschriften in Grenzen zu halten: Häuser nicht höher als eine ausgewachsene Palme; traditioneller Baustil; keine Werbetafeln, Strassenlaternen und Ampeln. Viele seiner Vorstellungen konnte er verwirklichen, manches davon wurde allerdings später wieder rückgängig gemacht. Auf Lanzarote wurden in den 1980er Jahren einige Orte vom Massentourismus überrollt, auch auf La Graciosa sollten damals touristische Grossprojekte entstehen. César Manrique hat viel dazu beigetragen, dass La Graciosa 1986 zum Naturpark wurde und vorerst vom Massentourismus verschont blieb.

Mitte der 1980er Jahre war Caleta del Sebo noch ein Fischerdorf, die Insulaner lebten damals fast vollständig vom Fischfang. «Heute besteht die Wirtschaft auf La Graciosa zu 99 Prozent aus Tourismus», sagt Miguel Páez, dessen Vater noch Fischer von Beruf war. Auch Páez lebt inzwischen vor allem vom Tourismus. Der gelernte Schauspieler und Sozialarbeiter betreibt den kleinen Fahrradverleih Gracioserito gegenüber der Dorfkirche. «Für mich ist César Manrique ein Vorbild, da er die Auffassung vertrat, dass Tourismus weder die Natur noch die kulturellen Besonderheiten eines Ortes gefährden darf», erklärt Páez. Im Juli und im August sei der Besucherandrang besonders gross auf La Graciosa. «Wenn zu viele Touristen hierherkommen, fängt die Insel an zu leiden. Man sollte über eine Begrenzung der Besucherzahlen nachdenken. Nur so kann der Naturschutz funktionieren», sagt Páez. Er versucht, auf La Graciosa die Arbeit von César Manrique fortzusetzen. Die Gefahr des Massentourismus ist noch lange nicht gebannt.

Die Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt Lanzarote und vom Spanischen Fremdenverkehrsamt.

Gut zu wissen

Anreise: Die Fähren nach La Graciosa legen in Órzola im Nordosten von Lanzarote ab; die Überfahrt dauert rund 25 Minuten. www.lineasromero.com

Unterkunft: Auf Lanzarote gibt es zahlreiche Pensionen und Apartments. Ausserdem findet sich am Strand südlich des Dorfs der kostenlose Campingplatz El Salado. Damit man dort übernachten kann, ist eine Genehmigung der Naturparkverwaltung erforderlich. Der Aufenthalt ist beschränkt auf maximal sieben Tage. www.reservasparquesnacionales.es

Essen und Trinken: «La Caletilla»: Das mit Azulejos gekachelte Stammlokal der Fischer liegt in einer Seitengasse des Hafens. In rustikalem Ambiente wird frischer Fisch serviert. Avenida Virgen del Mar 131. – «Mesón de la Tierra»: Wer einen Platz in dem Café-Restaurant ergattert, kann stundenlang in entspannter Atmosphäre das Treiben im Hafen beobachten. Avenida Virgen del Mar 111

Aktivitäten: Gracioserito: Der Fahrradverleih von Miguel Páez liegt gegenüber der Dorfkirche. Calle García Escámez 18. www.gracioserito.com. – Buceo La Graciosa: Das Tauchzentrum im Fährgebäude bietet auch Kurse an. Im Meeresschutzgebiet des Archipels Chinijo sind die Tauchbedingungen ideal. Avenida Virgen del Mar 119B. www.buceolagraciosa.es

Weitere Informationen: Fremdenverkehrsamt Lanzarote, www.turismolanzarote.com, und Spanisches Fremdenverkehrsamt, www.spain.info