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Kühe für die Versöhnung in Rwanda

Kühe für die Versöhnung in Rwanda

26 Jahre nach dem Völkermord in Rwanda ist es für Täter und Überlebende schwer, nebeneinander zu leben. Christophe Mbonyingabo denkt, dass ihnen Kühe dabei helfen können.

Vor 26 Jahren ereignete sich in Rwanda ein brutaler Völkermord, dem vor allem die Minderheit der Tutsi zum Opfer fiel. In hundert Tagen ermordeten von der Regierungspartei aufgewiegelte Massen rund 10 Prozent der Bevölkerung. Menschen töteten ihre Nachbarn, Familienmitglieder, Arbeitskollegen. Unzählige verloren ihre Familien, wurden ausgeraubt oder vergewaltigt.

Wenn hier Versöhnung möglich ist, dann ist sie überall möglich, davon ist Christophe Mbonyingabo überzeugt. Und er glaubt, dass die Leute in seinem Land Versöhnung brauchen. Er gründete um die Jahrtausendwende einen Verein, der Leute wie Beata mit jenen zusammenbringt, die ihnen die schlimmsten Dinge angetan haben, die man sich vorstellen kann. Er organisiert Workshops mit Tätern und Opfern, ruft traumatische Erinnerungen wach und stellt den Teilnehmern Kühe zur Verfügung, die sie gemeinsam aufziehen sollen. Manchmal stellt er sein Projekt im Ausland vor, wie auf dem Versoehnt.ch-Kongress in Bern. Dort erzählt er der NZZ die Geschichte der Versöhnung von Beata und Etienne. Dieser Text stützt sich ausserdem auf Videomaterial der beiden, das Christophe Mbonyingabo zur Verfügung gestellt hat.

Etienne und Beata kennen sich seit ihrer Kindheit, er ist drei Jahre jünger als sie. Als Beata 19 war, drang ein Mob in ihr Haus ein und beraubte die Familie. Etienne war einer der Eindringlinge.

Etienne vergewaltigte Beata. Andere Eindringlinge brachten ihre Familie um. Nur Beata und eines ihrer Geschwister überlebten.

Ein Jahr später wurde Etienne wegen seiner Taten während des Völkermordes verurteilt: Vergewaltigung und zweifacher Mord. Trotzdem habe er sich nicht eingestanden, etwas falsch gemacht zu haben, sagt er. Er fühlte sich nie verantwortlich. «Ich habe geglaubt, dass Menschen, denen ich etwas angetan hatte, die Bösen sind», sagt er.

Die Suche nach Gerechtigkeit nach dem Völkermord

Die Aufarbeitung des Genozids war für das arme Land eine Überforderung. Die rwandischen Gerichte waren von der schieren Zahl der Verbrechen hoffnungslos überfordert. 1998 gab es 130 000 Häftlinge, weniger als 2000 von ihnen hatten einen richtigen Prozess erhalten.

Deshalb entwickelte die Regierung einen alternativen Weg: In den Jahren 2002 bis 2015 zogen die sogenannten Gacaca-Tribunale durchs Land. Sie lehnten sich an eine bestehende Tradition der Dorfgerichte an, bei denen Bewohner gemeinsam Verbrechen aufarbeiten sollten – zuerst gegen den Widerstand der Bevölkerung. Die offenen Besprechungen spülten Grauen und Schuld an die Oberfläche, die kollektiven Geheimnisse, die im Dorf lange unterdrückt geblieben waren. Für Überlebende war es die Chance, mehr über das Ende ihrer Lieben zu erfahren. Das gab manchen Frieden, auch wenn die Geschichten manchmal schwer zu ertragen waren. Leichen wurden aus schnell gescharrten Löchern geholt und neu beerdigt.

Aber nicht die ganze Wahrheit kam ans Licht. Es sei auch gelogen worden, zum gegenseitigen Schutz, auf Druck der Täter oder um von der eigenen Schuld abzulenken, sagt die Professorin Susanne Buckley-Zistel. Sie forscht an der Philipps-Universität Marburg zur Erinnerungskultur, unter anderem zum Genozid in Rwanda.

Schwere Verbrecher schickte man weiter an die normale Justiz. Bei weniger schweren Verbrechen konnten die Täter zu Hilfsarbeiten für die Überlebenden verurteilt werden.

Das Wiedersehen von Etienne und Beata

Etienne verbrachte zehn Jahre in Haft. Dann durfte er zurück in sein und Beatas Dorf. In Rwanda leben die Täter und Überlebende des Völkermords bis heute oft Seite an Seite.

Beata hatte inzwischen ein normales Leben begonnen. Sie hatte Mann und Kinder. Die Begegnungen mit ihrem Vergewaltiger belasteten sie.

Etienne plagten Albträume.

Eine Studie aus dem Jahr 2012 hat bei 46 Prozent der untersuchten Überlebenden und bei 14 Prozent der Täter eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt, 41 Prozent der Täter litten an Depressionen.

Etienne und Beata geht es heute besser. Sie haben am Workshop von Christophe Mbonyingabo teilgenommen und gemeinsam eine Kuh aufgezogen.

Wie Christophe Mbonyingabo vom Soldaten zum Versöhner wurde

Im Jahr 2002, als die ersten Gacaca-Gerichte abgehalten wurden, gründete Christophe Mbonyingabo seinen Verein Carsa. Der Name steht für Catholic Action for Reconciliation and Social Assistance, also «katholische Aktion für Versöhnung und soziale Unterstützung». Christophe Mbonyingabo war damals 28-jährig. Er war im heutigen Kongo-Kinshasa aufgewachsen, wohin seine Eltern, beide Tutsi, vor der Verfolgung im Heimatland Rwanda geflohen waren.

Christophe Mbonyingabo bei der unversöhnt.ch Konferenz in Bern.

Christophe Mbonyingabo bei der unversöhnt.ch Konferenz in Bern.

unversoehnt.ch

Christophe Mbonyingabo hatte sieben Monate nach Ende des Bürgerkriegs zum ersten Mal jenes Land betreten, das für ihn seine Heimat war. Er hatte sich darauf gefreut, zur Highschool zu gehen und sein Land wiederaufzubauen. Doch die Realität war grausam: «Auf den Strassen waren Ratten, noch nicht alle Leichen waren weggeräumt, viele Häuser standen leer, nachdem eine Million ermordet worden, zwei Millionen geflohen waren.»

An Versöhnung dachte er damals noch nicht. Zwar lernten Hutu und Tutsi gemeinsam in der Highschool, jene, die ihre Familien im Völkermord verloren hatten, und jene, deren Eltern getötet hatten. Jene, die gerne geflohen wären, die man aber an der Grenze zurückgehalten hatte. Und solche wie er, die zum ersten Mal in ihrem Land waren. Doch man sprach nicht darüber: «Es war alles noch so frisch. Man wusste nicht, wer zu welcher Gruppe gehörte. Wir waren misstrauisch.»

Mbonyingabo ging nach der Schule zur Armee, aus dem Gefühl heraus, das Land und die Tutsi im Nachbarland Kongo-Kinshasa, damals Zaire, verteidigen zu müssen – dessen Regierung hatte die Tutsi unter Androhung der Todesstrafe ausgewiesen. Dann erlebte auch er schwere Schicksalsschläge: Zwei Brüder, auch sie hatten sich als Soldaten gemeldet, starben im Krieg in Zaire. Auch sein Vater starb, nachdem er sich dort monatelang bei Freunden vor Verfolgern hatte verstecken müssen. 1999 verliess Mbonyingabo die Armee und fand eine Anstellung, um seine Mutter und die kleinen Geschwister zu unterstützen. «Ich begann, mich zu fragen, wie das alles weitergehen sollte. Das war der Moment, in dem ich Christ wurde. Ich war zwar mit dem katholischen Glauben aufgewachsen, aber erst jetzt fragte ich ernsthaft: Warum töten wir uns gegenseitig, wenn wir als Gleiche geschaffen wurden? Wie kann Gott das zulassen? Wie kann er das vergeben?»

Für Mbonyingabo ist der Glaube ein Weg, die eigene Verantwortung anzuerkennen, ohne daran zugrunde zu gehen. Im Christentum sei die Vergebung ein zentrales Konzept, man glaube, dass einem Gott schon vor der Geburt verziehen habe. «Ich glaube nicht, dass der Mensch intuitiv gut ist. Aber er kann über sich hinauswachsen. Das passiert, wenn wir vergeben.»

Kühe, die Versöhnung schaffen

Der Glaube spielt auch bei den Workshops des Vereins Carsa eine Rolle, wobei die Teilnehmer keine Christen sein müssen. Er hilft den Menschen, ihr Verhalten einzuordnen. So sagen Täter, sie seien vom Teufel besessen gewesen.

Seit 2002 hat der Verein rund 1500 Menschen in Kleingruppen zusammengebracht. Er beschäftigt inzwischen zehn Mitarbeiter und vierzehn Freiwillige. In Rwanda gibt es viele Versöhnungsprojekte. Der direkte Kontakt zwischen Überlebenden und jenen, die ihnen etwas angetan haben, ist seltener. Christophe Mbonyingabo hat diesen Weg gewählt, weil er glaubt, dass tatsächliche Versöhnung auch den individuellen Austausch braucht. «Auf der Ebene der Politik, der Strukturen, des Rechts sind wir weit», sagt er. Aber viele Menschen litten noch an den Folgen der schrecklichen Dinge, die sie erlebt hätten. Er habe gemerkt, dass vielen die Auseinandersetzung damit guttue.

In den meisten Dörfern, in die sein Verein kommt, wissen alle darüber Bescheid, wer wem etwas angetan hat. Opfer und Täter werden eingeladen, von ihren Erfahrungen zu erzählen, sich gegenseitig zuzuhören. Eine Woche lang treffen sie sich täglich. Das soll den Tätern eine Möglichkeit geben, zu gestehen, den Überlebenden, ihre schwere Last loszuwerden.

Christophe Mbonyingabo hat die Arbeit des Vereins vor Kurzem von Wissenschaftern der Howard University (Washington, DC) begleiten lassen. Sie erfuhren, dass viele Täter sich in der ersten Zeit nach den Treffen schlechter fühlten als zuvor. Für viele ist es das erste Mal, dass sie sich die Verantwortung für die Taten eingestehen. Dann könnten sie echte Reue zeigen, sagt Mbonyingabo. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Überlebende ihnen vergeben können.

Manchmal stehen Teilnehmer mitten im Treffen auf und gehen. Einige kommen nach ein paar Stunden wieder, andere nicht. Der Verein macht ihnen keinen Druck. Jene, die nach Ablauf der sieben Tage nur wenige Fortschritte gemacht haben, aber Interesse zeigen, weiterzumachen, bekommen am Ende eine Kuh – sofern der Verein genug Geld dafür hat. Mehr als 700 hat der Verein schon verteilt. Kühe sind in Rwanda ein Zeichen von Reichtum. Die Idee des Vereins ist, dass die beiden, die sich versöhnen wollen, die Kuh gemeinsam aufziehen. Die Kuh ist beim Überlebenden untergebracht. Der Täter kommt mehrmals am Tag vorbei, um die Kuh zu füttern.

Das gibt den beiden die Gelegenheit, sich anders und neu kennenzulernen. «Die geteilte Verantwortung verändert ihre gemeinsame Geschichte», sagt Mbonyingabo. Die gemeinsame Kuh sei auch eine Möglichkeit für die Familien, ins Gespräch zu finden. Viele Eltern erzählen ihren Kindern dann zum ersten Mal von ihrer Rolle im Genozid.

Auch die Versöhnung soll in Erinnerung bleiben

Auch Beata und Etienne haben es geschafft, sich über die gemeinsame Aufzucht der Kuh wieder zu vertrauen. Etienne half beim Füttern und kümmerte sich ums Melken, als die Kuh ein Kalb gebar. Das ist in Rwanda eine Männeraufgabe. Die Familien teilten die Milch, ein Zeichen des Vertrauens. Als das Kalb gross genug war, schenkte Beata es Etienne. Diese Geste der Grosszügigkeit und Vergebung schliesst den Prozess ab.

Etienne hatte vorher oft Albträume von der Vergangenheit. Nun fühlt er sich befreit. Und Beata hat keine Angst mehr vor ihrem Nachbarn. Inzwischen unterstützen sie sich gegenseitig.

Die Studie der Howard University zeigt, dass das Programm des Vereins die psychische Belastung der Beteiligten insgesamt verringert. Aber: Nicht alle schaffen es, sich zur gemeinsamen Arbeit zu überwinden, oder haben Lust darauf. Manche Kühe werden vernachlässigt und sterben. Manche verkaufen ihre Kuh und teilen das Geld. Das gefällt der Professorin Susanne Buckley-Zistel. Sie sieht jene Programme kritisch, die den Menschen unerwünschte Nähe aufzwingen. Ob es hilfreich sei, sich mit seinem ehemaligen Peiniger auseinanderzusetzen, sei von Mensch zu Mensch verschieden.

Christophe Mbonyingabo glaubt, mit seiner Arbeit vielen Menschen geholfen zu haben. Deren Geschichten will er nun weitertragen. Seit drei Jahren bringt der Verein deshalb Schüler zu Gedenkstätten und bringt sie mit versöhnten Überlebenden und Tätern zusammen, die den Kindern ihre eindrücklichen Geschichten erzählen und sich ihren Fragen stellen: «Warum hast du das getan? Wie konntest du vergeben? Wie lange hat es gedauert?»

Der Verein arbeitet auch an einem Versöhnungsmuseum, um diese positiven Zeugenberichte aufzubewahren. «Es ist richtig, sich an die Grausamkeiten zu erinnern», sagt Christophe Mbonyingabo, «doch wir sollten uns in hundert Jahren auch an jene erinnern, die es geschafft haben, zu vergeben und sich zu versöhnen.»

Quelle: Die Videoausschnitte stammen aus einem längeren dokumentarischen Film über die Arbeit von Carsa, der der NZZ von Christophe Mbonyingabo zur Verfügung gestellt wurde.

Der Genozid in Rwanda 1994

Den Konflikt in Rwanda hätte es ohne die Kolonisatoren wohl nie gegeben. Fast alle Bewohner sprechen dieselbe Sprache, Kinyarwanda, 85 Prozent sind Christen. Schon vor der Kolonisierung gab es Volksgruppen, die Mehrheit der Hutu, die Tutsi, die rund 15 Prozent ausmachten, und die kleine Minderheit der Twa. Sie waren eher soziale Klassen als Ethnien: Die Tutsi-Minderheit waren Kuhhirten und die regierende Oberschicht, die Hutu-Mehrheit bearbeitete vor allem das Land. Die deutschen und später belgischen Kolonialherren nutzten die Hierarchie für sich: Sie machten die Tutsi zu ihren Verwaltern und beschrieben sie als eine den Hutu überlegene Rasse. Wer welcher Gruppe angehört, wurde nun in Identitätskarten festgehalten: Diese Karten konnten während des Völkermords das Todesurteil besiegeln, denn allein am Aussehen erkennt man die Gruppen trotz Stereotypen nicht.

Gegen Ende der Kolonialherrschaft ergriffen 1959 die Hutu durch einen Aufstand die Macht. Viele Tutsi wurden getötet, Hunderttausende flohen in die Nachbarstaaten. Aus dem Exil heraus schlossen sich Tutsi und regimekritische Hutu zur Rwandischen Patriotischen Front (RPF) zusammen und begannen 1990 einen Bürgerkrieg in Rwanda. Derweil bereiteten die Machthaber Rwandas den Genozid vor. Sie liessen alle Tutsi auflisten. Das Radio verbreitete entmenschlichende Propaganda: Die Tutsi planten, alle Hutu zu töten, und müssten ausgelöscht werden. Warnungen von Uno-Friedenstruppen, hier werde ein Völkermord vorbereitet, wurden ignoriert.

Am 7. April dann der Auslöser: Das Flugzeug des rwandischen Präsidenten Juvenal Habyarimana wurde abgeschossen. Sofort beschuldigte man die RPF. In den folgenden drei Monaten ermordeten aufgewiegelte Hutu-Mobs zwischen 500 000 und einer Million Menschen, vor allem Tutsi, aber auch moderate Hutu, die als Verräter gesehen wurden.

Die internationale Staatengemeinschaft sah mehr oder weniger tatenlos zu. Erst der Sieg der Rebellen beendete den Völkermord. Hutu wurden in Rachemassakern ermordet, zwei Millionen flüchteten. Bis heute regiert in Rwanda die RPF. Paul Kagame, der die Rebellen im Bürgerkrieg anführte, ist Präsident. Es gibt keine Presse- und Meinungsfreiheit. Über den Genozid zu sprechen, ist heikel, wenn man von der offiziellen Lesart des Regimes abweicht und die Vertreibung und Ermordung von Hutu thematisiert.

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