Switzerland

Kommentar zur «Grossmutter»-Schlagzeile: Über hundert Botschafter in Genf machen sich lächerlich

Eine Schweizer Zeitung hat die neue WTO-Chefin als «Grossmutter» abqualifiziert. Dagegen protestieren Diplomaten aus der ganzen Welt – und offenbaren ein höchst problematisches Demokratieverständnis.

Ngozi Okonjo-Iweala, neue Chefin der Welthandelsorganisation (WTO), am Montag in Genf mit zwei ihrer vier Stellvertreter, Alan Wolff (l.) und Karl Brauner.

Ngozi Okonjo-Iweala, neue Chefin der Welthandelsorganisation (WTO), am Montag in Genf mit zwei ihrer vier Stellvertreter, Alan Wolff (l.) und Karl Brauner.

Foto: Fabrice Coffrini (Keystone)

So viel internationales Echo hat eine Schweizer Zeitung noch selten ausgelöst. 124 Diplomaten aus über hundert Ländern haben ein Protestschreiben nach Aarau geschickt, an die Zentralredaktion der CH-Media-Zeitungen. Die Unterzeichnenden, fast alle mit Botschaftertitel, sind in Genf bei der UNO und ihren Nebenorganisationen stationiert (lesen Sie hier mehr darüber).

Grund für diese geballte Intervention der Weltdiplomatie sind sieben Wörter, die die CH-Media-Redaktion publiziert hat. «Diese Grossmutter wird neue Chefin der Welthandelsorganisation», lautete am 9. Februar die Schlagzeile, die unter anderem in der «Aargauer Zeitung», der «Luzerner Zeitung» und dem «St. Galler Tagblatt» erschien. Sie stand über einem Porträt der Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala, der neuen Chefin der Welthandelsorganisation (WTO).

Zweifellos: Die Wortwahl war sehr verunglückt. Sie zeigt, wie gewisse Stereotype kaum auszurotten sind. Ein Mann würde aus gleichem Anlass nie als «Grossvater» beschrieben werden. Okonjo-Iweala hat eine beeindruckende Karriere vorzuweisen: Sie hat in Harvard studiert, war Ökonomin bei der Weltbank und mehrfache Ministerin von Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Staat Afrikas. Der Shitstorm, den CH Media für ihre Headline geerntet hat, war deshalb verdient.

Doch die Redaktion hat sich längst für ihren Fehlgriff entschuldigt. Darum kann man sich schon fragen, ob all die Diplomaten in Genf wirklich keine grösseren Probleme zu lösen haben, als mit drei Wochen Verzögerung auch noch ihre Empörung kundzutun.

Doch das ist ein Detail am Rande. Wirklich fragwürdig wird das Protestschreiben, wenn man sich die Liste der Unterzeichnenden anschaut. Dort finden sich auch die Vertreter des Sudan, Ägyptens, des Tschad, von Marokko, Niger, Mali, Mauretanien und weiteren Ländern, die im globalen Geschlechtergleichstellungs-Ranking des Weltwirtschaftsforums auf den hintersten Plätzen rangieren.

Als «Grossmutter» bezeichnet zu werden, ist in diesen Ländern ungefähr das kleinste Problem, das einer Frau widerfahren kann. Vielerorts sind Genitalverstümmelung und Kinderheiraten von Mädchen weit verbreitet, ebenso krasse Grundrechtsverletzungen. Den Vertretern solcher Staaten möchte man eine alte Fussballerweisheit ans Herz legen: Ball besser flach halten!

Doch nicht viel besser sind die vielen westlichen Diplomaten, die das Protestschreiben unterschrieben haben, allen voran die Initiantin, Österreichs UNO-Botschafterin Elisabeth Tichy-Fisslberger. Sie und ihre Mitunterzeichnenden werfen der CH-Media-Redaktion allen Ernstes vor, die offizielle Schweizer Gaststaatpolitik zu gefährden. Dabei schrecken sie selbst vor einer subtilen Drohung nicht zurück: Man könne «unter Bedachtnahme auf den Sitz zahlreicher internationaler Organisationen in der Schweiz nur empfehlen, über vergleichbare Vorgänge in Zukunft etwas sachlicher, ausgewogener und – wo erforderlich – auch mit mehr Fingerspitzengefühl zu berichten».

Die Auffassung, die Schweizer Presse müsse brav die Politik des Bundesrats mittragen, offenbart ein sehr seltsames Verständnis von Medienfreiheit.

Von der Diplomatensprache in normales Deutsch übersetzt: Passt auf, ihr Schweizer Journalisten, sonst ziehen die internationalen Organisationen aus Genf ab!

Die Auffassung, die Schweizer Presse müsse brav die Politik des Bundesrats mittragen, offenbart ein sehr seltsames Verständnis von Medienfreiheit und anderen Grundrechten bei der hohen Diplomatie in Genf. Das ist besorgniserregender als die verunglückte «Grossmutter»-Schlagzeile aus Aarau.

Football news:

UEFA-Präsident: Schauen Sie sich die Bayern an: Sie haben keine Schulden und sie haben die Champions League gewonnen. Rummenigge, Watzke und Al-Khelaifi haben mir sehr geholfen
Die Fans von Manchester United eine Protestaktion gegen die Глейзеров blockieren Eingänge auf der Basis des Clubs: Wir entscheiden, wenn Sie spielen
Perez und Agnelli sind sich sicher: 90 Minuten sind viel für Spiele. Vor drei Jahren wollte man offiziell eine Stunde spielen, aber mit Zeitstopp wurde die Idee vom heutigen RFS-Stadtrat für die Schiedsrichter erklärt. Die Superliga ist schnell abgestürzt, aber Florentino Perez hat noch ein kontroverses Thema: Wenn junge Leute sagen, dass Fußballspiele zu lang sind, dann ist das Spiel uninteressant, oder wir müssen einfach die Zeit reduzieren
Ceferin über die Super League: Barcelona enttäuschte am wenigsten. Laporte ist ein schlauer Verhandler und fand eine Ausstiegsstrategie
Perez über Ramos' Vertrag: Ich liebe Sergio als Sohn, aber wir haben noch keine Einigung erzielt. Mit Modric hat sich Real-Präsident Florentino Pérez längst auf die Verträge von Verteidiger Sergio Ramos und Innenverteidiger Luka Modric geeinigt
Fernandinho: Keiner von denen, die das Spiel lieben, hat die Super League unterstützt. Fußball - Bundesligist Manchester City hat Fernandinho seine Haltung zur Aussetzung des Europa-Super-League-Projekts zum Ausdruck gebracht
Als Reaktion auf die Bedrohung durch die Super League vor 30 Jahren wurde die Champions League gegründet. Die Reformer wählten das kleinere Übel-so entstanden die Superklubs in den 80er-Jahren