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Kommentar zu den Provokationen: Erdogan ist ein kühl kalkulierender Wüterich

Der türkische Präsident facht immer neue Konflikte an. Das hat viel mit innenpolitischen Gründen zu tun, aber eben nicht nur. Umso wichtiger wäre es, ihm endlich einmal die Grenzen aufzuzeigen.

Recep Tayyip Erdogan spricht nach dem Freitagsgebet in Istanbul zu den Medien.

Recep Tayyip Erdogan spricht nach dem Freitagsgebet in Istanbul zu den Medien.

Foto: AP Turkish Presidency/Keystone

Man muss Recep Tayyip Erdogan nicht für den herausragenden Staatsmann halten, den zahlreiche Türken bis heute in ihm sehen. Unbestreitbar aber ist der türkische Präsident ein überaus zielsicherer Populist. Dies zeigt der rüde Umgang mit seinem französischen Kollegen Emmanuel Macron. Der Türke hat dem Franzosen wegen seiner angeblichen «Islamophobie» einen Besuch beim Irrenarzt nahegelegt. Selbstverständlich sind solche Beleidigungen im Umgang zwischen Staatsoberhäuptern mehr als unangemessen. Aber in der Türkei und der Islamischen Welt hat Erdogan dennoch – oder gerade deswegen? – wieder einmal gepunktet.

Die Verunglimpfung oder auch nur die Verulkung des Propheten Mohammed durch Karikaturisten und das abgedroschene Narrativ von der bis heute anhaltenden Gängelung der Muslime durch die früheren europäischen Kolonialmächte löst in der islamischen Welt immer die eine, sehr absehbare Reaktion aus: Wut und Solidarisierung. Nicht ohne Grund hat die Islamische Republik Iran sofort den französischen Botschafter einbestellt, um ihm eine Predigt zu halten über die angebliche «Hasskultur», die Europäer gegenüber den Muslimen pflegten. Die iranische Führung will sich von Erdogan offenbar nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.

Der Mann in Ankara hat also ein Händchen für Themen, die sich aufladen lassen. Und er hat nicht die geringsten Skrupel, dabei übelsten Streit vom Zaun zu brechen. Seine Politik des Rempelns, Keilens und gegebenenfalls mit der Faust Zuschlagens ist aber nie Selbstzweck. Erdogan braucht den täglichen Krawall inzwischen: Er ist innenpolitisch geschwächt. Die türkische Währung und damit die Wirtschaft des Landes befinden sich auf Talfahrt, Besserung ist nicht in Sicht. Eine Wiederwahl des seit fast 20 Jahren regierenden starken Mannes ist zumindest derzeit keinesfalls gesichert, sie stösst zudem auf verfassungsrechtliche Probleme.

Deswegen füttert Erdogan die Türken mit seinen Aufregerthemen: der Gasstreit mit den Griechen und dem Rest der EU im Mittelmeer, die Flottenmanöver und Exkursionen der Forschungsschiffe. Die väterliche Hand, die der Staatschef über die palästinensische Hamas und über die in der islamischen Welt verstreuten Muslimbrüder hält. Die Solidarität mit Aserbaidschan – und massive Aufrüstung – im jüngsten Krieg im Kaukasus. Die Schutzzone für die syrischen Islamistenrebellen in Nordsyrien. Der Krieg in Libyen, im Nordirak. Die Zypern-Politik, bei der der Schutz der türkischen Minderheit zunehmend als Vorwand genommen wird, die friedliche Wiedervereinigung der Insel zu hintertreiben.

Wie ein echter Grosstürke und ein beinharter Islamist dazu

Die Liste ist lang und Erdogan wird wissen, wie er sie fortschreibt. Denn nur die Vielzahl solch mutwillig angeheizter Konflikte erlaubt es ihm, bei Widerstand auf dem einen Feld unauffällig einen Rückzieher zu machen, ohne dass dies als Dämpfer oder Niederlage wahrgenommen werden kann: Der Präsident hat längst ein neues Feld besetzt, das nächste Reizwort gesetzt.

Diese Politik ist aber nicht allein der Innenpolitik geschuldet. Immer mehr wirkt der Präsident wie ein echter Grosstürke und ein beinharter Islamist dazu. Wahrscheinlich lassen sich Attitüde und Haltung nicht mehr trennen: Erdogan kann schlecht den Schutzherrn aller Muslimbrüder spielen, ohne sich mit deren Ideologie zu identifizieren. Umso wichtiger wäre es, dem türkischen Staatschef bei seinen Provokationen endlich einmal Grenzen aufzuzeigen.

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