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Kolumne Fast verliebt: Warum Liebe auf den ersten Blick kein Zufall ist

Kolumne Fast verliebtWarum Liebe auf den ersten Blick kein Zufall ist

Acht Milliarden Menschen und nur einer ist der Richtige? Da kann man aber lang warten.

Berichtet von der Liebesfront: Claudia Schumacher.

Berichtet von der Liebesfront: Claudia Schumacher.

Foto: Roman Raacke

Langsam bildet sich eine Traube um das schöne Paar an der Vernissage. «Ich weiss noch genau, wie mir im Hörsaal das Smartphone runterfiel. Wie ich mich bückte, und als ich wieder hochsah, trafen sich unsere Blicke zum ersten Mal», sagt die junge Kunsthistorikerin mit dem romantisch arrangierten Haar. An dieser Stelle hält sie inne, um ihren Mann anzusehen. Der steht im petrolfarbenen Hemd neben ihrer petrolfarbenen Handtasche und erzählt den wenig originellen Gründungsmythos ihrer Liebe fertig: «Es klingt total kitschig, aber in dem Moment wusste ich einfach: Das ist sie.» Die Richtige, wie er unnötigerweise ausführt: seine Seelenverwandte. 

Gebt mir eine Pause, denke ich: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es unter acht Milliarden Menschen da draussen jeweils nur zwei gibt, die zueinander gehören? Zwei von acht Milliarden, die dann auch noch in derselben Uni landen, in derselben Fakultät, im selben Hörsaal, und die von Amors Pfeil oder durch ein herunterfallendes Smartphone zusammengeführt werden?

Trotzdem steht auf jeder Party, auf jeder Hochzeit und in jedem Festivalmatsch mindestens ein Paar herum, das mehr oder weniger dieselbe Geschichte erzählt: von der Liebe auf den ersten Blick. Das hat fast etwas Zwanghaftes. Als gäbe es nur diese eine Form des Kennenlernens. Entweder ist es Schicksal, unausweichliche Fügung und der Blitz spaltet dir den Kopf, oder die Person an deiner Seite ist halt doch nicht so «richtig» für dich — sorry. 

Aber was zeichnet ihn überhaupt aus, den Moment, in dem man «es weiss»? Ich zitiere selten aus der Bibel, aber den Satz «Und sie erkannten sich» fand ich immer ganz schön. Als lustige Umschreibung für Sexhaben, aber auch als Metapher für den Moment, der Liebe ermöglicht: wenn sich zwei unverhüllt ansehen. Wenn sie sich nackig machen voreinander. Mit ihren Schwächen, ihren Macken — und einander trotzdem wollen. Dann ist es Liebe. 

Liebe hat mehr mit Bereitschaft zu tun als mit Zufall. Damit, sich verletzlich zu machen, etwas zu riskieren.

Auf den ersten Blick zu sehen, dass deine petrolfarbene Handtasche gut zu meinem petrolfarbenen Hemd passt, ist wohl weniger matchentscheidend. Es sei denn, du bist vielleicht Kunsthistoriker. Aber natürlich sind wir irgendwie alle Disney-durchseuchte Romantiker und tragen schwer an diesem Kreuz. 

«Es hat mich leider nicht so erwischt», sagt eine meiner Freundinnen praktisch immer, wenn sie einen Mann kennen gelernt hat. Ganz egal, wie gern sie in seiner Nähe ist, wie gut sie sich verstehen: Sie wartet da auf etwas. Ganz passiv. Ganz irrational. Als könne ein Mann, der einem nicht von einem fetten, fliegenden Engelchen per Pfeil vor die Füsse geschossen wird, partout nicht der Richtige sein. Als müsse einen die Liebe «erwischen» wie Corona.

Ich glaube ja, Liebe hat mehr mit Bereitschaft zu tun als mit Zufall. Damit, sich verletzlich zu machen, etwas zu riskieren und sich einzulassen. Wer das für einen tut, ist der Richtige. Wie schnell er es tut, ist nicht die richtige Frage. 

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