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Koks, Nutten, Suizidversuch: So tickt der verrückte Spektakel-Weltmeister Tyson Fury

Tyson Fury (31) ist der erste, der einem beipflichten würde: Tyson Fury hat mächtig einen an der Waffel.

In der sechsten Runde seines Rückkampfs gegen Deontay Wilder (34), der zur Demontage des WBC-Weltmeisters wird, leckt der Brite dessen Blut von der Haut seines Gegners.

Auf Fragen antwortet er lieber mit einem Witz, als ernsthafte Antworten zu liefern. Er habe «viel Pussy geleckt, um seinen Kiefer zu trainieren», dozierte der Brite vergangene Woche. Er «masturbiere sieben Mal am Tag, um den Testosteronspiegel hochzuhalten», erzählte er vor dem Rückkampf gegen Deontay Wilder. Nach dem Kampf in Las Vegas plane er, «mit Koks und Nutten zu feiern. Mit den billigen Nutten für 30 Dollar». Derb. Aber unterhaltsam.

Im Ring ist dann aber fertig lustig. Nachdem in der Nacht auf Sonntag Wilders Ecke in Runde 7 das Handtuch wirft, um den davor unbesiegten US-Amerikaner von den Prügeln zu erlösen, verkündet der frischgebackene WBC-Weltmeister Fury: «Der König ist zurück auf seinem Thron.»

Der König, der war er schon mal. Fast fünf Jahre ist es her, da besiegte er im November 2015 Wladimir Klitschko, damals unbestrittener Dominator im Schwergewicht. Es war eine Sensation, Furys Psychospielchen begeisterten die Boxwelt, die Raffinesse, mit der er «Dr. Steelhammer» austrickste, ebenfalls.

Der Absturz in die Depression

Doch dann kam das Loch. Es war dunkel und tief. Nach dem grössten Triumph seiner Karriere verfiel Fury dem Alkohol und dem Kokain. Es wurde bekannt, dass er durch eine Doping-Kontrolle gerasselt war. Er behauptete, die Nandrolonwerte liessen sich durch den Konsum von Keiler-Fleisch erklären, hetzte gegen Schwule, Frauen, Minderheiten.

Er war depressiv. «Ich war Weltmeister, ganz oben, man musste denken, ich sei glücklich. Aber es gab in der Zeit keinen Tag, an dem ich nicht aufgewacht wäre und dafür gebetet hätte, zu sterben.» Eines Tages im Jahr 2016 geht es nicht mehr: Fury ist mit seinem Sportwagen unterwegs, mit über 200 km/h rast er auf eine Brücke zu, 28-jährig, unbesiegter Schwergewichtsweltmeister, verzweifelt. «Ich war mir sicher, dass das meine letzten Sekunden sind.» Doch eine Stimme habe ihm gesagt: «Machs nicht. Denk an deine Kinder.» Fury fuhr an den Strassenrand, stieg aus, rief seinen Vater an, und sagte ihm: «Ich brauche Hilfe.»

Die Therapie half, Fury erholte sich. Mittlerweile spricht er offen über die dunkle Zeit. «Ich komme aus einer grossen, harten Familie, wo niemand kommuniziert und Schwäche zeigt», sagte er einst in der «Rich Eisen Show». «Wenn du Zweifel zeigst, giltst du bei uns als schwach. Ich wusste nicht, was ich tun soll. Also habe ich es niemandem erzählt. Bis es eines Tages explodiert ist.»

Fury der «König der Zigeuner»

Die Familie ist eines der grossen Themen in Furys Leben. Ehefrau Paris hält den Laden mit den fünf Kindern zusammen. Sie scheint der Gegenpol zu sein zu den rauen Fury-Kerlen. Vater John zum Beispiel sass im Knast, weil er einem Bekannten im Streit ein Auge ausgestochen hatte. Es soll um eine Flasche Bier gegangen sein. Boxen ist in der Familie allgegenwärtig, die «Irish Traveller», eine Art britische Roma-Kultur, haben eine grosse Kampfsport-Tradition. Als «Gypsy King» bezeichnet sich Fury darum auch, als «König der Zigeuner».

Der Zigeuner-König ist nun einer der ganz Grossen. «Er hat das Puzzle gelöst», sagt die britische Box-Legende Lennox Lewis nach dem dominanten Triumph über den mächtigen Puncher Wilder. «Das ist es, was die grossen Boxer machen. Er hat ihn dazu gebracht, rückwärts zu gehen, wo er nicht so explosiv ist. Er hat ihn überfahren.»

Fett und depressiv, das war einmal. Jetzt ist Fury wieder gross, schwer, schlau, stark und böse. Und pendelt irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn. Auch nach seinem Comeback bleibt er unberechenbar. Vergangenes Jahr wagte er einen Ausflug zum Wrestling, trat in Saudi-Arabien bei einer WWE-Veranstaltung auf. Gegen den Deutschen Tom Schwarz und den Schweden Otto Wallin zeigte er zuletzt eher entspannte Auftritte. Im Wissen, der deutlich bessere Boxer zu sein, ging er nicht einmal in die Nähe seiner Grenzen.

Gegen Wilder aber war er parat. Und tat danach, wofür ihn die Fans eben auch lieben: Er sang in der vollen Arena in Las Vegas «a capella» Don McLeans «American Pie». Grosse Show. Grosser Boxer.

Fury kann etwas verändern!

Emanuel Gisi

Es ist ein beliebtes Klischee: Ein Sportler liegt am Boden, rappelt sich auf und schafft es wieder ganz nach oben. Schöne Geschichte, wir wischen uns das Tränchen der Rührung aus dem Augenwinkel und freuen uns auf die nächste Story nach dieser Schablone.

Es wäre ein leichtes, den Triumph von Tyson Fury in der gleichen Kategorie abzuhandeln. Es wäre falsch.

Fury hat das Zeug, mehr als eine 08/15-Wohlfühlgeschichte zu werden. Er hat jetzt die Position, etwas zu verändern. Wie wenige Weltstars vor ihm spricht er offen über seine psychischen Probleme.

Er ist in einer Macho-Kultur grossgeworden, in der Schwäche und Unsicherheit zu zeigen ein absolutes Tabu sind. Fast wäre er daran zerbrochen. Ist er aber nicht, irgendwie hat er die Kurve gekriegt.

Jetzt redet er darüber, teilt seine Erfahrungen. Er tut das übrigens differenziert und klug. Wer ihm zuhört, merkt: Fury ist nicht nur der joviale Sprücheklopfer, als der er sich gerne gibt. «Ich mache es für die Depressiven und die Alkoholiker», hat er einst über sein Comeback gesagt. Die können wahrlich Hilfe gebrauchen. Vielleicht findet in Fury manch einer ein Vorbild, um sich aus dem Sumpf zu ziehen. Gerade, weil er kein typischer Box-Weltmeister ist.

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