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Klinik Hirslanden: Der Prügelknabe der Zürcher Politik hat sich fast unbemerkt gewandelt

Viele Privatpatienten, hohe Gewinne und trotzdem Staatsbeiträge: Die Zürcher Klinik Hirslanden ist Linken seit Jahren ein Dorn im Auge. Doch nun sind selbst einstige Kritiker «positiv überrascht».

Die Klinik Hirslanden hat sich in den letzten Jahren neu ausgerichtet.

Die Klinik Hirslanden hat sich in den letzten Jahren neu ausgerichtet.

Selina Haberland / NZZ

Die Zürcher Privatklinik Hirslanden war jahrelang der Prügelknabe der kantonalen Politik. Nicht nur von links, sondern auch aus der politischen Mitte schlug ihr ein eisiger Wind entgegen. Schon die Aufnahme auf die kantonale Spitalliste im Jahr 2012 wurde scharf kritisiert. Mit ihrem hohen Anteil an Privatpatienten habe sie kein Anrecht auf Staatsbeiträge, lautete der Tenor der Gegner. Als in den folgenden Jahren die Gewinne der Klinik steil anstiegen, kochte auch die Wut immer stärker hoch. Ihren Höhepunkt erreichte sie 2017. Hirslanden hatte im Jahr zuvor über 40 Millionen Franken Gewinn erwirtschaftet, während das Stadtspital Triemli fast 30 Millionen Verlust gemacht hatte.

SP-Kantonsrat Markus Späth brachte die damalige Befindlichkeit der Linken in einer Fraktionserklärung mit dem Titel «Gnueg Heu dunne» auf den Punkt. Hirslanden betreibe eine Politik der Rosinenpickerei, weil sich die Klinik vornehmlich auf die lukrative Behandlung von Privatpatienten konzentriere. Die Staatsbeiträge flössen indessen «praktisch direkt» in die Tasche südafrikanischer Grossaktionäre, polterte er im Parlament. 

Derweil schreckte man auch bei Hirslanden nicht vor Provokationen zurück. So bot der damalige CEO Ole Wiesinger der Stadt Zürich im März 2017 medienwirksam an, die Führung des finanziell angeschlagenen Triemlispitals zu übernehmen. Hirslanden wolle dazu beitragen, dass Zürich nicht jedes Jahr gewaltige Steuermittel in seine Spitäler stecken müsse, zitierte ihn die «NZZ am Sonntag».

Kein Wunder, wurden bei dieser Gemengelage Forderungen laut, Hirslanden an die Kandare zu nehmen oder gar ganz von der kantonalen Spitalliste zu streichen. Zwei Massnahmen stachen besonders heraus. Die erste stammte aus der Feder vom Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (fdp.). Der Regierungsrat wollte eine Abgabe auf die Behandlung von Privatpatienten einführen, die praktisch eigens auf das Privatspital zugeschnitten war. Diese «Lex Hirslanden» scheiterte dann jedoch am bürgerlichen Widerstand im Rat.

Bis heute noch hängig sind indes zwei parlamentarische Initiativen, die eine Mindestquote von Grundversicherten fordern, welche die Spitäler behandeln müssen. Wer die Quote nicht erfüllt, soll von der Spitalliste fliegen und damit auch keine Staatsbeiträge mehr erhalten. Im Vorstoss von Lorenz Schmid (cvp., Männedorf) waren es mindestens 51 Prozent, in der Version von Kathy Steiner (gp., Zürich) waren es gar 60 Prozent Grundversicherte. Als die beiden Vorstösse 2017 vom Parlament vorläufig unterstützt wurden, war Hirslanden mit einem Grundversichertenanteil von einem guten Viertel weit entfernt von diesen Quoten. Noch im vergangenen Mai fragte sich Schmid in einer Parlamentsdebatte, warum ein Spital mit einem solchen Geschäftsmodell überhaupt auf der Spitalliste toleriert werde.

Die verblüffenden Zahlen

Was bei der ganzen politischen Aufregung fast unbemerkt geblieben ist: Hirslanden hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Von der rasanten Veränderung zeugen die Geschäftszahlen, die im neusten Gesundheitsversorgungsbericht des Kantons zu finden sind. Im Jahr 2018 hat das Spital im stationären Bereich gegenüber dem Vorjahr fast 800 Patienten verloren, was einem Minus von über 4 Prozent entspricht. Zwar mussten auch andere Krankenhäuser Federn lassen, so hart traf es unter den grossen aber niemanden. Zugleich kürzte die Klinik auch beim Personal, 130 Vollzeitstellen verschwanden gegenüber 2017, was einem Minus von 9,4 Prozent entspricht. Ein starker Einschnitt auch im Vergleich mit anderen Spitälern. Selbst beim Zürcher Stadtspital Waid, das seit Jahren rote Zahlen schreibt und bei dem selbst die Stadt einräumt, dass der Personalbestand zu hoch ist, wurden nur gut 3 Prozent der Vollzeitstellen gestrichen.

Die politisch brisanteste Zahl ist aber eine andere. Die Klinik, die einst fast ausschliesslich Privatpatienten behandelte, hatte 2018 noch einen Anteil von 65 Prozent an Privatversicherten. Die Zahlen für das letzte Jahr liegen noch nicht vor, doch auf Anfrage sagt man bei Hirslanden, dass sich der Trend in einem ähnlichen Rahmen fortsetze. Das Spital nähert sich also von selbst der politisch geforderten Quote an.

Die Zürcher Klinik Hirslanden behandelt immer weniger Privatpatienten

Anteil an Privatpatienten in Prozent

Durchschnitt der kantonalen Listenspitäler

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Was ist eigentlich los bei Hirslanden? Einer der wichtigsten Treiber für die Veränderungen sind die neuen Auflagen des Kantons. Seit 2018 dürfen 16 Eingriffe – darunter die Entfernung von Krampfadern oder Mandeln – grundsätzlich nur noch ambulant durchgeführt werden. Den Rückgang bei den stationären Patienten erklärt Hirslanden denn auch in erster Linie mit dieser Verlagerung in den ambulanten Bereich.

Das stellt Hirslanden allerdings vor ein Problem. Stationäre Eingriffe – insbesondere bei Privatpatienten – sind lukrativ, im ambulanten Bereich sieht es ganz anders aus. Der Verband der Zürcher Krankenhäuser hat errechnet, dass die ambulanten Behandlungen für die Spitäler nur zu 80 Prozent kostendeckend sind – sprich, sie bezahlen bei jeder Behandlung drauf.

Auf diese Entwicklung hat Hirslanden reagiert, indem es kräftig in den ambulanten Bereich investiert. Das mag auf den ersten Blick widersinnig erscheinen, hat aber seine Logik. Der Trend in Richtung ambulant ist Tatsache, dem kann sich kein Krankenhaus widersetzen. Entscheidend ist, dass man den ambulanten Bereich vom stationären trennt und auf maximale Effizienz trimmt. Hirslanden versucht dies mit seinen zwei neuen ambulanten Operationszentren im Kanton. Zudem hat das Unternehmen mit Daniela Centazzo eine Pionierin für ambulantes Operieren an Bord geholt. Der COO Stephan Pahls ist deshalb durchaus optimistisch: «Wenn man genug hohe Fallzahlen hat, dann kann man auch mit den heutigen Tarifen kostendeckend arbeiten oder sogar eine kleine Marge machen.» Die derzeitigen Tarife hält er gleichwohl für zu tief, da mit ihnen die Weiterbildung von jungen Ärzten nicht finanziert werden könne.

Den Wegfall bei den stationären Patienten versucht Hirslanden mit einer immer stärkeren Spezialisierung zu kompensieren, «wir konzentrieren uns auf die schweren Fälle», sagt Pahls. Damit sinkt aber automatisch auch die Zahl der Privatversicherten und gleicht sich allmählich dem Wert anderer Spitäler an. Solange diese Entwicklung kontinuierlich verlaufe, sei dies finanziell kein Problem, sagt Pahls. Nach dem Taucher im Jahr 2018 sei man 2019 wieder gut unterwegs gewesen. Zahlen kann er allerdings heute noch keine nennen.

Quote soll trotzdem kommen

Die grüne Kantonsrätin Kathy Steiner war stets eine der härtesten Kritikerinnen der Hirslanden-Klinik. Heute sagt sie: «Ich bin positiv überrascht von der Entwicklung.» Die Führung bemühe sich, auf der Spitalliste zu bleiben. Das sei klar erkennbar. Die Veränderungen führt Steiner auch auf den politischen Druck zurück. «Nun zeigt sich, dass unsere Forderungen nach einer höheren Quote von Allgemeinversicherten gar nicht so utopisch waren, wie Kritiker damals meinten.»

Steiner ist vergangene Woche aus dem Kantonsrat zurückgetreten, ihre Nachfolger würden aber an der Quotenregelung festhalten. Dabei ist ihr der genaue Wert weniger wichtig als das Prinzip: «Wer Staatsbeiträge bekommt, sollte auch einen Dienst für die Allgemeinheit erbringen.» Wenn Hirslanden die Vorgaben aber erfülle, gebe es auch keinen Grund, die Klinik von der Spitalliste zu streichen, «medizinisch wird dort ja gute Arbeit geleistet».

Für die Klinik ist es auch ganz klar das Ziel, weiterhin Leistungsaufträge vom Kanton zu erhalten. «Es ist richtig, dass wir auf der Spitalliste sind, wir sind versorgungsrelevant», sagt Pahls. Ohne die Hirslanden-Klinik bestünde im Kanton ein Engpass unter anderem in der Herzmedizin und der Neurochirurgie. «Wir haben uns in den vergangenen Jahren immer stärker als Zentrumsspital positioniert.» Das sei ja auch ihr Auftrag als Listenspital.

Spezielle Versicherungsprodukte für Privatpatienten

Dass sich Hirslanden strategisch neu ausrichtet, davon zeugt auch die Zusammenarbeit mit der Medbase-Gruppe. Die Migros-Tochter betreibt rund 50 Praxiszentren in der Schweiz. In dieser Kooperation sollen beide Seiten vom Know-how und von gegenseitigen Zuweisungen profitieren. Gemeinsam will man aber auch die Qualität verbessern. In sogenannten Indikationsboards sollen mehrere Ärzte gemeinsam darüber befinden, welche Behandlung die sinnvollste ist. «Wir wollen damit auch dem Vorwurf der Mengenausweitung und Überbehandlung begegnen.» Von der Zusammenarbeit profitiere der Patient auch deshalb, weil er alles aus einer Hand erhalte und Doppeluntersuchungen entfielen.

Gemeinsam mit Versicherungen arbeitet Hirslanden zudem an der Entwicklung neuer Versicherungsprodukte, um Privatpatienten auch im ambulanten Bereich etwas Besonderes bieten zu können. Bei einem ambulanten Eingriff werden Privatpatienten heute nämlich gleich behandelt wie Allgemeinversicherte. Sie haben also nichts von ihren höheren Prämien. Die neuen Produkte könnten dem Patienten nun zum Beispiel die freie Arztwahl ermöglichen.

Das Geschäft mit den Privatpatienten will man sich bei Hirslanden also trotz dem Trend zur ambulanten Medizin nicht ganz durch die Lappen gehen lassen.