Switzerland

Kleinere Reisebüros leiden stark: «Es herrscht ein absolutes Chaos in der Branche»

Wer gen Himmel blickt und auch heute noch kaum einen Kondensstreifen erblickt, der ahnt, um die Reisebranche steht es schlecht. In Zeiten, in denen sich die Quarantäneliste des Bundes alle zwei Wochen ändert, wagt kaum ein Reisender den Sprung über die Grenze, geschweige denn ins Flugzeug. Zu spüren bekommen dies nicht nur Fluggesellschaften und Reiseveranstalter, sondern auch die kleinen Reisebüros.

«Es herrscht ein absolutes Chaos in der Reisebranche», sagt Pia Därendinger, Geschäftsführerin des Reisebüros Orion Business Travel in Bremgarten. «Es ist eine Veränderung, die niemand jemals erwartet hätte.»

Das Bremgarter Familienunternehmen besteht seit 35 Jahren. 1985 in der Altstadt eröffnet, befindet sich das Büro der umtriebigen Patronin seit 2002 im Erdgeschoss des Migros-Einkaufszentrums. Die Pandemie und deren Auswirkungen zwingen das Unternehmen nun erneut zu einem Umzug.

Über eine Million Franken an Reisen hat sie storniert

Ab 1. Februar vermietet Orion Reisen den unteren Stock des zweistöckigen Büros. Das Reisebüro zieht sich in die Mansarde des Geschäftslokals zurück. «Es ist eine notwendige Zwischenlösung», meint Pia Därendinger. Um weitere Kosten zu sparen, hat sie sich entschieden, die Aktiengesellschaft zu liquidieren. Sie sagt:

«Es war zermürbend», blickt die Geschäftsführerin auf das letzte Jahr zurück. Weit über eine Million Franken an gebuchten Reisen hat sie seit Beginn der Pandemie storniert. «Für einen kleinen Wiederverkäufer wie wir das sind, bedeutet dies unendliche Bemühungen im Sinne des Kunden, was mit einem enormen Zeitaufwand und oft erfolglosen Resultaten verbunden ist.»

Bis heute warten Kunden auf berechtigte Rückerstattungen. Das Problem ortet sie in einer Kette von Abhängigkeiten: «Mein Kunde ist von mir abhängig. Orion wiederum vom Reiseveranstalter und dieser von den Hotels und Fluggesellschaften.»

«Alles was wir 2019 erwirtschaftet haben, ist weg»

Gerade Letztere seien in der Krise schlicht nicht zu erreichen gewesen. Der Kunde war deshalb gut beraten, im Reisebüro zu buchen. Durch ihre vielen langjährigen Kontakte konnte Därendinger mittlerweile für rund 90 Prozent ihrer Kunden, das Geld zurückfordern.

«Am meisten bestraft wurden jene, die online gebucht haben.» Doch auch denen bot sie ihre Hilfe an. Unterstützung bekam Därendinger wenig. Zwar konnte sie ihre Mitarbeitenden in Kurzarbeit schicken, für den Erwerbsausfall erhielt sie als Geschäftsführerin jedoch lediglich 500 Franken. Und das nur bis Ende November.

«Wir wissen nicht, wann das Geschäft wieder zum Laufen kommt»: Pia Därendinger blickt in eine ungewisse Zukunft.

«Alles was wir 2019 erwirtschaftet haben, ist weg.» Im Dezember hat sie keine einzige Reise gebucht. Im Januar waren es zwar immerhin wieder vier, dies entspricht jedoch nur einem Umsatz von allerhöchstens fünf Prozent.

Bei der jungen Kundschaft steigt nun das Fernweh

«Grundsätzlich werden Menschen reisen wollen und wir erhoffen uns, dass dies wieder möglich sein wird.» Gerade bei ihrer jüngeren Kundschaft merkt Därendinger, dass das Fernweh steigt. Bei den Älteren sei hingegen deutliche Zurückhaltung spürbar.

«Die grösste Angst haben die Menschen davor, sich im Flugzeug anzustecken», meint Därendinger. In den Hotelanlagen, die derzeit eine Auslastung von höchstens 30 Prozent aufwiesen, sei das Risiko einer Ansteckung gering.

«Die Chance, sich mit dem Virus zu infizieren, ist in der Schweiz derzeit grösser.» Dennoch hätten die Leute Angst, im Hotel im Ferienort in Quarantäne gesetzt zu werden. «Viele sagen mir deshalb, dass sie auch 2021 noch nicht verreisen wollen.» Zudem sei das Reiseverhalten der Freiämter grundsätzlich anders im Vergleich zu jenem der Städter. «Die Freiämter sind vorsichtiger, wenn sie eine Reise buchen. Gerade in diesen Zeiten, warten sie eher ab.» Reisen sei aber auch in Coronazeiten möglich, meint die Expertin.

«Reiseziele, die derzeit mit relativ geringem Risiko gebucht werden können, seien Ägypten, die Dominikanische Republik oder die Malediven. Doch auch hier gelte es, die Quarantäneliste vorab zu konsultieren. «Man kann verreisen, wenn man bereit ist, die Fragezeichen zu akzeptieren. Es gibt für gar nichts eine Garantie.»

Kurzfristig buchen und Reise auf Corona versichern

Ihren Kunden rät sie denn auch, möglichst kurzfristig zu buchen. Das habe sich in der Krise bewährt. «Gebucht habe ich innerhalb sehr kurzer Zeit. Bis wir aber das Geld im Falle einer Stornierung zurückbekommen, kann es Monate dauern. Wer kann garantieren, dass die gebuchten Hotels oder Fluggesellschaften bis dahin überhaupt noch existieren?», kommentiert sie. Des Weiteren rät sie, jede Reise für den Fall zu versichern, dass man sie aufgrund eines positiven Coronatest nicht antreten kann.

Trotz düsterer Aussichten bleibt Därendinger für die Zukunft ihres Reisebüros zuversichtlich. «Ich bin ein Grundsatzoptimist», meint sie schmunzelnd. «Wenn ich eine Chance sehe, sind wir wieder da.» Vorerst bleibt nur abzuwarten. «Wir wissen nicht, wann das Geschäft wieder zum Laufen kommt. Aber wir denken, es kommt peu à peu wieder. Im Herbst werden wir schauen, ob Orion Reisen weiterhin bestehen kann.»

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