Switzerland

Keine Grenzsperren gegen Italien – «übertriebene Massnahme»

Die Nachbarländer Italiens planen nicht, ihre Grenzen zu Italien abzuriegeln. Der wirtschaftliche Schaden wäre hoch.

Die Schweiz wird ihre Grenze zu Italien vorläufig nicht sperren.

Die Schweiz wird ihre Grenze zu Italien vorläufig nicht sperren. 

Pablo Gianinazzi / KEYSTONE

Die Schweiz beabsichtigt nicht, ihre Grenzen zu Italien zu schliessen, und auch die andern Nachbarländer Italiens hegen keine solchen Pläne. Das gab der italienische Gesundheitsminister Roberto Speranza in Rom bekannt, dies nach einem Treffen mit dem schweizerischen Bundesrat Alain Berset sowie den Amtskollegen aus Frankreich, Deutschland, Österreich, Slowenien und Kroatien und der zuständigen EU-Kommissarin. Man stimme darin überein, dass Grenzsperren eine «übertriebene Massnahme» wären, erklärte Speranza.

Die Regierung in Rom hatte das Treffen einberufen, um ihre Massnahmen gegen eine Weiterverbreitung des Coronavirus vorzustellen und um Vertrauen in das Vorgehen der italienischen Behörden zu werben. Grenzsperren hätten schwere wirtschaftliche Folgen. Man befürchtet langfristige Auswirkungen für die italienische Exportindustrie und insbesondere für die Tourismusbranche. Mit Sorge beobachtet man, wie immer mehr Länder Reisewarnungen für Italien oder bestimmte Regionen des Landes herausgeben, zum Teil auch schon Flugverbote aussprechen.

Italienische Experten und Politiker warnen vor «Alarmismus» und rufen zum «Entdramatisieren» auf. Walter Ricciardi, Mitglied im Exekutivkomitee der Weltgesundheitsorganisation, erklärte, man solle die neue Krankheit ernst nehmen, aber nicht überschätzen. Von 100 Erkrankten gesundeten 80 spontan, 15 brauchten ärztliche Behandlung, und 5 Prozent stürben – aber bei diesen handle es sich um Patienten, die schon durch andere Gesundheitsprobleme geschwächt seien.

Die Zahl der festgestellten Coronavirus-Infektionen in Italien stieg bis Dienstagabend auf 322, etwa zwei Drittel aller Fälle betrafen die Lombardei, und es gab 10 Todesfälle. Italienische Virologen erklären, die Fallzahlen in Italien seien deshalb höher als in andern europäischen Ländern, weil man hier intensiver nach angesteckten Personen suche als anderswo. Neue Infektionen wurden aus dem nahen Ausland gemeldet, ausser aus der Schweiz, aus Spanien, aus dem österreichischen Bundesland Tirol, aus Kroatien; dieser Patient war zuvor in Mailand.

Die Zeitung «Corriere della Sera» führt den Effekt des Coronavirus auf Mailands Wirtschaft anschaulich vor Augen. Diesen Montag war der Stromkonsum um 8,5 Prozent reduziert im Vergleich zu den vorangehenden Montagen. In den Hotels wurden in den letzten zwei Tagen 30 Prozent der Buchungen storniert, das bedeutete Mindereinnahmen von 6 Millionen Euro. In den Restaurants wurden Buchungen für 5 Millionen Euro abgesagt. Und den geschlossenen Kinos entgehen 900 000 Euro Einnahmen pro Woche.

Die Provinz Mailand allein erwirtschaftet mit 3,2 Millionen Einwohnern fast 10 Prozent des italienischen Bruttoinlandprodukts. Die hoch entwickelte Wirtschaft der Lombardei sowie von Veneto, Piemont und Emilia Romagna macht zusammen 48 Prozent der italienischen Gesamtwirtschaft aus. Die Befürchtung ist naheliegend, dass Italien insgesamt in eine Krise gerät, wenn der Norden wegen des Coronavirus einen grösseren Rückschlag erleidet.