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Kalifornien erlebt den Corona-Albtraum

Der einstige Musterschüler kämpft mit rasant steigenden Fallzahlen – was können andere aus den Fehlern lernen?

Die Strände von Huntington Beach sind gut gefüllt. Aufgenommen am 29. Juni in Kalifornien.

Die Strände von Huntington Beach sind gut gefüllt. Aufgenommen am 29. Juni in Kalifornien.

Marcio Jose Sanchez / AP

Die Vereinigten Staaten stecken im Würgegriff der Corona-Pandemie fest. Mehr als 3 Millionen Amerikaner sind inzwischen an dem Virus erkrankt und mehr als 133 000 ihm erlegen. Während die ersten Epizentren an der Ostküste schrittchenweise in die Normalität zurückfinden, sind neue Brandherde in Florida, Texas, Arizona und Kalifornien ausgebrochen. Von einer zweiten Infektionswelle kann dabei keine Rede sein; vielmehr von einer immer schlimmer werdenden ersten Welle.

Bemerkenswert sind die Entwicklungen vor allem in Kalifornien. Inzwischen verzeichnet der bevölkerungsreichste Gliedstaat, in dem 12 Prozent der Amerikaner leben, mehr als 15 Prozent der landesweiten Infektionsfälle mit zeitweise mehr als 9000 Neuinfektionen pro Tag. Auch die Spitaleinweisungen sind innerhalb von zwei Wochen um 50 Prozent gestiegen.

Dabei galt der «Golden State» bisher als Musterschüler im Kampf gegen das Coronavirus: Als erster Gouverneur hatte Gavin Newsom am 19. März ein Ausgangsverbot verhängt. Er stellte mehr als 10 000 Contact-Tracer ein, beschaffte medizinische Ausrüstung und ermöglichte flächendeckende Tests. Die Massnahmen zeigten Erfolg: Mitte April waren weniger als 1000 Kalifornier an den Folgen des Virus gestorben, im Vergleich zu 12 000 New Yorkern. Selbstbewusst schickte Kalifornien Tausende Beatmungsgeräte an die Ostküste.

Doch nun entgleitet die Situation dem Gliedstaat. Innert weniger Wochen hat er sich zu einem Lehrbuchbeispiel dafür entwickelt, wie eine Handvoll schlechter Entscheide monatelange harte Arbeit ausradieren können.

Ein Kardinalfehler dürfte gewesen sein, dass der Gouverneur das Steuerrad zu früh aus der Hand gegeben hat. Angesichts stabiler Fallzahlen wuchs ab Mitte Mai der Druck, die Schliessungen der Wirtschaft zu lockern; einige Gemeinden ignorierten Newsoms Anweisungen schlichtweg. Der Gouverneur beugte sich dem Druck und übertrug die Verantwortung für den Zeitplan des «reopening» den Gemeinden, sobald sie eine Höchstgrenze von Fällen unterschritten hatten. Der Gliedstaat gab lediglich vor, in welcher Reihenfolge Geschäfte öffnen könnten.

Auf den ersten Blick schien dieser dezentrale Ansatz in einem so grossen Gliedstaat eine gute Idee zu sein, zumal einige ländliche Gemeinden kaum Fallzahlen hatten. Doch tatsächlich resultierte das in einem kaum nachvollziehbaren Sammelsurium an Bestimmungen. Bürgermeister, die angesichts anhaltend hoher Fallzahlen lieber noch zuwarten wollten, wurden von protestierenden Anwohnern vor ihrer Haustür angefeindet, manche gar mit dem Tod bedroht. Hinzu kamen Beschimpfungen von Unternehmern wie Elon Musk, der auf Teufel komm raus seine Tesla-Fabrik in der Bay Area mit 10 000 Angestellten öffnen wollte. Er wies seine 34 Millionen Twitter-Fans an, ihren «Unmut so laut wie möglich auszudrücken». Die Gemeinde beugte sich dem Druck.

Rückblickend gab die Chefin des Gesundheitsamtes von Los Angeles County, Barbara Ferrer, zu, dass sie sich von dem öffentlichen Druck zu Fehlentscheiden habe hinreissen lassen, weil «in den Nachbargemeinden schon wieder alles offen hatte». Doch die Einsicht kommt zu spät: Als hätten sich die Schleusen eines Staudamms geöffnet, waren die Bürger des mit 10 Millionen Einwohnern grössten Countys an die Strände gestürmt, sobald sie das Ende Mai wieder durften. Maskenpflicht und Abstandsregelungen waren vergessen. Inzwischen ist Los Angeles County einer der grössten Brennpunkte im Gliedstaat. Der Bürgermeister hat die Bürger nun warnend darauf hingewiesen, dass sie womöglich wieder unter Hausarrest kommen. Ein weiteres Sorgenkind ist Imperial County an der Südgrenze zu Mexiko und Arizona, in dem fast jeder vierte Test positiv ausfällt.

Kalifornien sei Opfer seines frühen Erfolges geworden, sagen Beobachter. Da eine Katastrophe wie an der Ostküste zunächst ausblieb, wuchs der Unmut über die Einschränkungen im Wirtschaftsleben, und Bürger wie Beamte wurden nachlässig. Hinzu kamen haarsträubende Fehlentscheide – etwa als Sträflinge von einem überfüllten Gefängnis in die bis dato Corona-freie Haftanstalt San Quentin bei San Francisco verlegt wurden, ohne dass die Insassen zuvor getestet worden waren. Aus 12 Erkrankten sind so nun 1600 geworden.

Gouverneur Newsom versucht nun, das Steuerrad wieder an sich zu reissen und den feinen Grat zwischen Öffnung der Wirtschaft und Schutz der öffentlichen Gesundheit zu finden. Er verhängte Mitte Juni eine Maskenpflicht in ganz Kalifornien und liess in einigen Countys Restaurants, Kinos und Bars vorübergehend wieder schliessen. Manche Experten befürchten, dass das zu wenig ist und nur ein erneuter Hausarrest noch hilft.

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