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Kafkas exquisite Begabung für Luxus müsste man haben

Der Prager Schriftsteller könnte ein Vorbild sein in Zeiten, da es immer schwerer fällt, mit Geld etwas ganz und gar Überflüssiges anzufangen.

Luxus in Zeiten von Corona: Schaufenster eines Schmuckgeschäfts an der Zürcher Bahnhofstrasse.

Luxus in Zeiten von Corona: Schaufenster eines Schmuckgeschäfts an der Zürcher Bahnhofstrasse.

Christoph Ruckstuhl / NZZ

Fehlt uns was? Wenn man sich diese Frage vor einem Jahr gestellt hätte, dann wäre die Antwort anders ausgefallen als heute. Überall ein dickes Minus. Verluste im Sozialen, Verluste im Ökonomischen, Verluste bis hinunter in die Zehenspitzen unserer Existenz. Und das ist womöglich erst der Anfang. Es ist im Augenblick vieles zu beklagen, und es wäre absurd, sich darüber zu beklagen, dass es weniger Luxus gibt als früher. Und doch. Wir leben in einem Reich der Zwecke, das uns zeigt, wie ungemütlich es ist, wenn man sich alles Überflüssige sparen muss.

Dabei wissen wir doch: Das schöne Leben, das ist Überfluss. Dass man mehr hat, als man braucht. Wer Glück hat: sogar mehr, als er mit zwei Armen nach Hause tragen kann. Das Paradoxe und Kränkende an der gegenwärtigen Lage ist, dass wir selbst überflüssig sind. Wo wir auftauchen, brauchen wir Platz. Mit unserer virusoffiziellen Ausdehnungsbreite von anderthalb Metern schränken wir die Ausdehnung der anderen ein.

Wenn sich dieser Tage die Menschen Strandferien gönnen, dann ist das ein Luxus, der auch etwas fatal Überflüssiges hat. Die Strände sind brechend voll. An der belgischen Nordsee ist es kürzlich unter Touristen zu Massenschlägereien gekommen. Sind das noch Ferien? Man fährt in die Ferien, um sich etwas zu gönnen, und dann gönnen einem die anderen nicht einmal Ruhe!

Luxus sei ästhetische Selbsterfahrung, sagen die Experten. Im Grunde ist es egal, ob wir unsere ästhetischen Selbsterfahrungen an Nordseestränden zu verfeinern versuchen oder im feinen Sand der Karibik. Im Genuss des Schönen erleben wir uns selbst als schön. Was aber, wenn wir das Schöne gar nicht mehr geniessen können?

Jenseits des Notwendigen

Vielleicht müssen wir uns Ersatzluxus besorgen, so wie man sich zum Beispiel statt echtem auch Kaviarersatz besorgen kann. Wir müssen den Luxus im Gewöhnlichen suchen. Oder in Büchern, die vom Luxus erzählen. «Männer mit freiheitlichen Prinzipien loben sogar lasterhaften Luxus und bezeichnen ihn als sehr vorteilhaft für die Gesellschaft, während andererseits Männer von strenger Moral sogar den harmlosesten Luxus verurteilen und ihn als Quelle aller Verdorbenheit, Unruhen und Faktionen bezeichnen.»

Da stehen wir heute. Nein, im Grunde sind wir da schon vor 270 Jahren gestanden. Das Zitat stammt nämlich vom schottischen Philosophen David Hume. 1752 hat er diesen Satz in seinem Essay «Über Luxus» geschrieben. Weit ist der Luxus seither nicht herumgekommen, und die Fragen sind immer noch ganz die alten. Zu den Männern könnte man heute vielleicht noch die Frauen dazunehmen. Und den Soziologen Werner Sombart zitieren: «Luxus ist jeder Aufwand, der über das Notwendige hinausgeht.»

Das ist ein schöner Satz, und er beginnt zu schillern, wenn man beim Thema Luxus eben nicht an Gold und Klunker denkt. Luxus ist etwas anderes als das, wo funkelnd noch der Preis draufsteht. Mit dem Luxus-Marketing ist es ähnlich wie mit dem Genuss-Marketing. Wer sich den Genuss als Label aufschwatzen lässt, wird beim Kühlregal statt im Delikatessengeschäft landen.

Luxus heisst: Mit überschiessenden Kräften am Schönen arbeiten. Nimmt man die Philosophen ernst, die sich mit dem Luxus beschäftigt haben, dann ist er eine Möglichkeit, durch Verfeinerung der Geschmacksnerven Autonomie zu erlangen. Diese Autonomie sollte auch in Krisenzeiten krisenfest sein, und wenn wir dann federnden Ganges wieder nach draussen gehen, können wir die anderen mit unserem inneren Reichtum blenden.

Nur weg mit dem Geld

Luxus ist das, was man draus macht, man darf ihm allerdings auch nicht auf den Leim gehen. Ein mir gut bekannter Mensch hat sich durch Fleiss und geschickte Heiratspolitik sehr schnell ein kleines Vermögen erworben. Mit Anfang dreissig bewohnte er mit seiner Frau, einer Bonbonfabrikantentochter, ein kleines Schlösschen, in dessen Park die Pfauen standen.

Ein paar Jahre später kaufte er ein nobles Stadthaus in Brüssel, das er bis unters Dach mit seinen Antiquitäten möblierte. Als er zum ersten Mal durch das Haus führte, war das aber alles nicht weiter der Erwähnung wert, sondern der Stolz des Hausherrn war etwas ganz anderes. Er hatte seine grösste Freude am Türspion, durch den man in einem Winkel von 180 Grad auf die Strasse schauen konnte. Durch den winzigen Spion sah man tatsächlich die ganze Strasse.

Vielleicht ist das auch ein schönes Bild vom Luxusdasein. Mit dem Überfluss im Rücken kann man sehr gut ins normale Leben hinausschauen. Wer sich Luxus leisten kann, lebt definitiv entspannter. Und umgekehrt: Wer entspannt lebt, geniesst eben seine Art von Überfluss.

Franz Kafka notiert in einem Brief an Milena: «Schreib mir gleich, ob das Geld angekommen ist. Sollte es verlorengegangen sein, schicke ich anderes, und wenn das verloren gehen sollte, wieder anderes, und so weiter, bis wir gar nichts mehr haben und dann erst recht wieder alles in Ordnung ist.» Diese Briefstelle ist ein ganzer Roman. Ein Roman über das Glück und die splendid isolation der Liebe. Im Notfall bleibt uns zwangsisolierten Lesern ja immer noch das: Kafkas Luxus unverschämter Bescheidenheit.

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