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Juventus trifft mit der Verpflichtung Andrea Pirlos eine irrationale Trainerwahl

Trotz Meistertitel entlässt Juventus Turin den Konzepttrainer Maurizio Sarri. Die «Alte Dame» setzt neu ihre Hoffnungen auf Andrea Pirlo. Auch wenn dieser als Spieler genial war: Als Trainer ist er ein Anfänger. Kann das gut gehen?

Andrea Pirlo wird nach der Entlassung Maurizio Sarris als neuer Trainer von Juventus Turin vorgestellt.

Andrea Pirlo wird nach der Entlassung Maurizio Sarris als neuer Trainer von Juventus Turin vorgestellt.

Roland Weihrauch / DPA

In früheren Jahrhunderten erging es gescheiterten Revolutionären mit dem Gang zum Schafott denkbar schlecht. Für Maurizio Sarri sind die Folgen überschaubar. Vor Jahresfrist hatte ihn der Serienmeister Juventus nach Turin geholt, um dort eine Kulturrevolution im Fussball einzuleiten. Nun wurde er schon ein Jahr vor Vertragsende entlassen. So funktioniert das bei Aktiengesellschaften.

Die Trennung hatte sich angedeutet. Von einem «niemals entstandenen Feeling zwischen Sarri und Juventus» schrieb die Turiner Tageszeitung «La Stampa». Zwei unterschiedliche Welten haben nie zusammengefunden: hier die noble, für manche auch versnobte Vecchia Signora, da der frühere Bankangestellte Sarri, der sich auf den Fussballplätzen der Provinz hochgedient hatte.

Vor einem Jahr hatte der Juventus-Präsident Andrea Agnelli das Unmögliche gewagt, aus Verzweiflung, weil es mit dem Champions-League-Sieg noch immer nicht geklappt hatte. Er wollte den Ballbesitzfussball der Marke Sarri mit vielen Toren und spektakulären Aktionen bei seiner Juve haben – so wie sich ein Halbwüchsiger nach dem angesagten Computerspiel sehnt, dabei aber vergisst, dass er keine kompatible Konsole dazu hat. Die Anpassungsschwierigkeiten zwischen Juventus und Sarri waren die gesamte Saison sichtbar. Trotz dem neunten Scudetto in Serie: Am Ende war Sarri nicht mehr Sarri und Juve nicht mehr Juve. Der Coach hatte den Zauber verloren, der Klub die Siegesgewissheit. Juventus’ abermaliges Aus in der Champions League am vergangenen Freitag tat den Rest dazu.

Riskantes Manöver

Die Trennung war also logisch. Die von oben gewollte Revolution war gescheitert – wie wohl die meisten, wenn nicht alle Revolutionen, die von oben angeordnet waren.

Mit der Installierung von Andrea Pirlo als neuem Cheftrainer wagt der Juventus-Präsident Andrea Agnelli allerdings ein noch riskanteres Manöver. Nicht einmal zwei Wochen ist es her, dass er Andrea Pirlo als Chef der U 23 holte. «Das Ziel ist, ihn in Zukunft in der 1. Mannschaft zu haben. Aber wir machen einen Schritt nach dem anderen», verkündete Agnelli bei dieser Gelegenheit. Das klang vernünftig. Pirlo, der vor zwei Jahren erst sein Trainerpatent erwarb, hätte bei dieser allerersten Station auch genug zu tun gehabt. Die U 23 ist gegenwärtig eine Art Geldvernichtungsmaschine. Vielversprechende oder auch nur von ihren jeweiligen Agenten hochgelobte junge Männer werden für Millionensummen verpflichtet. Als Team wachsen sie aber nicht zusammen. In der Saison 2019/20 beliefen sich die Transferausgaben der U 23 auf 39 Millionen Euro. Die anderen 19 Vereine in der Staffel gaben zusammen 175 000 Euro aus, wie der Branchendienst calciomercato.com bilanzierte. Nach Punkten sprang nur ein 10. Platz heraus.

Das einstige Mittelfeldgenie hätte an dieser Stelle viel lernen können, wie einst Pep Guardiola, der zumindest eine Saison Barcelonas B-Team coachte, oder Zinedine Zidane, der erst als Assistent von Carlo Ancelotti tätig war und dann Reals Nachwuchsschmiede übernahm. Pirlo, der diesen Karrieren nacheifern soll, war aber keine zwei Wochen Trainer im Nachwuchs. Zum Cheftrainer der 1. Mannschaft wurde er aufgrund seiner Aura – und der Erwartung, dass er sein unbestrittenes Können als Spieler nun auch auf die neue Tätigkeit überträgt.

Ferrara als schlechtes Vorbild

Das erinnert fatal an die Umstände von Sarris Verpflichtung. Auch hier waren die Erwartungen von Irrationalität durchtränkt. Sarri immerhin war ein erfahrener Trainer. Dass die Saison unter den Erwartungen blieb, lag nicht nur an ihm. Bisher konnten Spieler aller Leistungsklassen, vom Amateurverein in der Toskana bis hin zu kleinen und grösseren Serie-A-Klubs wie Empoli und Napoli, die Spielweise von Sarri verinnerlichen. Sie wuchsen damit regelmässig über ihre eigenen Möglichkeiten hinaus. Mit Chelsea erreichte Sarri in der vergangenen Saison Rang 3 in der Premier League und gewann die Europa League. Nur die Cracks in «bianconero» waren nicht lernwillig, vielleicht auch nicht lernfähig genug. Kann ausgerechnet ein Trainernovize, sei er auch noch so genial, diese Mentalität ändern?

Eigentlich wissen die Turiner, wie sehr es danebengehen kann, verdiente Spieler ohne Trainererfahrung auf den Chefposten zu holen; das haben sie bereits nach der Verpflichtung des einstigen Abwehrrecken Ciro Ferrara erlebt. Für den Niedergang der AC Milan waren Clarence Seedorf und Leonardo mitverantwortlich, die im Schnellverfahren zu Trainern erklärt worden waren. Droht Juventus jetzt aus lauter Übermut ein ähnliches Szenario?

Nur eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Langweilig wird es mit Juve nicht.

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