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Japan zieht es in den Strudel der Coronavirus-Krise

Schlechte Nachrichten gehören gerade zur täglichen Routine von Ressortchef Katsunobu Kato und seinen Leuten im japanischen Gesundheitsministerium. Auch am Dienstag mussten sie wieder eine vermelden. Es ging um den nächsten Schwung von Covid-19-Fällen auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess, das seit bald zwei Wochen in Quarantäne am Daikoku-Pier von Yokohama ankert. Weitere 88 Menschen haben sich an Bord das Virus geholt, 65 davon, heisst es, hätten keine Symptome wie Husten oder Fieber aufgewiesen.

Die Gesamtzahl der Infizierten steigt damit – Stand Montag – auf 542, was eine beträchtliche Zahl ist, wenn man bedenkt, dass sich anfangs 3700 Passagiere und Crewmitglieder auf dem Schiff befanden; mindestens jeder Sechste hat sich demnach angesteckt.

«Wir sehen einen Anstieg von Fällen, bei denen man den Übertragungsweg nicht unmittelbar kennt.»Katsunobu Kato, Gesundheitsministerium

Vom Land gab es auch neue Hiobsbotschaften: drei neue Fälle in der Präfektur Wakayama, darunter der minderjährige Sohn eines Arztes, der sich bei der Arbeit im Krankenhaus angesteckt hatte. Am Abend meldete die Präfektur Tokio drei neue Fälle und die Präfektur Aichi einen neuen Fall. Die Gesamtzahl in Japan befallener Menschen stieg damit auf 73.

Japan hat sich zum zweitgrössten Schauplatz der Coronavirus-Krise hinter dem Ursprungsland China entwickelt. Verunsicherung erfasst den Inselstaat, der eigentlich ein Muster an Hygiene und Krankheitsvorsorge sein will. Die Fälle sind mittlerweile auf das ganze Land verteilt. Teilweise lassen sie sich nicht mehr mit dem Kontakt zu Chinesen oder Wuhan-Reisenden erklären. «Wir sehen einen Anstieg von Fällen, bei denen man den Übertragungsweg nicht unmittelbar kennt», räumt Kato ein.

Fragen kommen auf. War es ein Fehler der japanischen Regierung, die Diamond Princess unter Quarantäne zu setzen und damit Tausende Menschen auf engem Raum zu belassen? Dass verschiedene Länder, unter anderen die USA, Kanada und Südkorea, ihre Staatsangehörigen vom Schiff geholt haben oder holen wollen, deuten viele als unausgesprochene Kritik am japanischen Gesundheitsmanagement. Und Umfragen legen nahe, dass sich die Menschen in Japan gerade nicht sehr kompetent durch die Krise geleitet sehen. Laut der Zeitung Yomiuri Shimbun ist die Zustimmung zu dem rechtskonservativen Premierminister Shinz? Abe um fünf Prozent auf 47 Prozent gefallen. Nach einer Umfrage des Fernsehsenders ANN stehen nur noch 39,8 Prozent zu Abe.

Idioten, die es nicht besser wissen

Japaner vertrauen ihren Behörden, aber allmählich wächst der Zweifel Die Lage ist zu ernst für verfrühte Schuldzuweisungen. Alle Nationen kämpfen um einen vernünftigen Umgang mit dem Virus. Die Amerikaner transportierten ihre Schiffsreisenden zusammen mit 14 Infizierten in einem Flugzeug – das fanden auch nicht alle überzeugend. Zum Beispiel der amerikanische Diamond-Princess-Passagier Matthew Smith, der sich mit regelmässigen Twitter-Nachrichten aus seiner Kabine als Chronist der Quarantäne profiliert hat. Er und seine Frau schlugen das Angebot der US-Regierung aus – auch wegen der Ansteckungsgefahr.

Seine These: Manche Menschen erhöhten das Risiko auf dem Schiff, weil sie sich nicht an die Quarantäne-Regeln hielten. «Sie trägt keinen Mundschutz und spricht mit dem Passagier auf dem anliegenden Balkon keine zwei Meter voneinander entfernt», berichtete er über eine amerikanische Nachbarin. «Wenn es zusätzliche Ansteckungen gibt, dann ist das der Grund: Idioten, die es nicht besser wissen. Und mit der wollt ihr mich in einen Bus stecken?»

In Japan neigen die Menschen eher zur Übervorsicht. Viele tragen den Mundschutz, auch wenn sie gar nicht krank sind, und versuchen so gut wie möglich, Menschen aus dem Weg zu gehen, die Husten oder Schnupfen haben.

Japan wirkte überlegter als andere Länder

Verbreitet ist das Vertrauen in die Behörden, aber allmählich wächst der Zweifel. Von Anfang an hat Premierminister Abe den Ernst der Coronavirus-Lage beschworen. Wie viele andere Länder lässt Japan gerade niemanden aus der Provinz Hubei einreisen, in der die Krise begann. Die Charterflüge aus Wuhan mit ausgeflogenen Landsleuten schien Japans Regierung mit grosser Vorsicht zu vollziehen. Japan wirkte überlegter im Umgang mit dem Virus als etwa der Nachbar Südkorea, bei dem es Mundschutz-Massenkäufe gab und zunächst sogar Proteste gegen staatliche Quarantäne-Unterkünfte für Südkoreaner aus Wuhan.

Aber jetzt steigt die Zahl der Corona-Fälle in Japan stärker als anderswo. Die Krise scheint näher an jeden einzelnen heranzurücken, die Entscheidungen zur Vorbeugung werden kühner: Für 38'000 Läufer fällt der Tokio-Marathon Anfang März aus, weil die Veranstalter beschlossen haben, wegen der Covid-19-Gefahr nur das kleine Feld der Elite starten zu lassen. Die öffentlichen Feierlichkeiten zum Geburtstag von Kaiser Naruhito fallen aus. Einzelne Unternehmen empfehlen ihren Angestellten, via Computer von zu Hause aus zu arbeiten.

Erstmal Ruhe bewahren

Und nach Beratungen mit Fachleuten hat Gesundheitsminister Kato am Dienstag Empfehlungen für den Alltag veröffentlicht, um weitere Ansteckungen möglichst zu vermeiden. Wer keiner Risikogruppe angehört – wie ältere Senioren, Diabetiker oder Herzkranke – und wer nur Erkältungssymptome und niedriges Fieber aufweist, soll demnach Ruhe bewahren, erst einmal drei Tage zu Hause bleiben und auch nicht ins Krankenhaus hetzen. Die Mediziner dort sollen sich auf die ernsten Fälle konzentrieren können.

Japans Regierung befindet sich im Krisenmodus und will dabei weiter souverän wirken. Aber die schlechten Zeichen werden nicht weniger. Am Montag kamen die Wirtschaftszahlen für das letzte Quartal 2019 heraus: Demnach schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt um 6,3 Prozent. Ein schwerer Taifun und die Konsumsteuererhöhung Anfang Oktober von acht auf zehn Prozent gelten als die Gründe dafür. 2020 sollte die Erholung kommen. Das Coronavirus dürfte einen guten Start ins neue Jahr verhindern.

Immerhin, Gesundheitsminister Kato hatte auch eine gute Nachricht dabei, als er am Dienstag vor die Presse trat: Passagiere und Crewmitglieder der Diamond Princess, bei denen der Virustest negativ ausfällt, können zwischen Mittwoch und Freitag das Schiff verlassen. Der twitternde Optimist Matthew Smith würde sich sicher freuen. Und Japans Regierung könnte zumindest einen kleinen Erfolg vermelden.