Switzerland

Ist ein Alleingang für UPC riskanter als der Kauf von Sunrise oder Salt?

Der Exodus der Kunden beim grössten Kabelnetzbetreiber der Schweiz geht weiter. Womöglich muss UPC einen Mobilfunkanbieter schlucken, um Schlimmeres zu verhindern.

Im vergangenen Jahr verlor UPC rund 76000 Kunden – wie es mit dem Kabelnetzbetreiber weiter geht, ist offen.

Im vergangenen Jahr verlor UPC rund 76000 Kunden – wie es mit dem Kabelnetzbetreiber weiter geht, ist offen.

Manuel Geisser / Imago

Vor zwei Wochen hat Baptiest Coopmans bei UPC Schweiz den Chefposten übernommen. Um seine Aufgabe beim grössten Kabelnetzbetreiber des Landes ist der Niederländer nicht zu beneiden. Der amerikanisch-britische Mutterkonzern von UPC, Liberty Global, möchte die Tochter lieber heute als morgen loswerden. Dass Coopmans heute in Wallisellen statt in der Konzernzentrale arbeitet, war nicht geplant. Denn Liberty Global hätte UPC gerne für 6,3 Mrd. Fr. an Sunrise veräussert. Doch die Hochzeit scheiterte bekanntlich am Widerstand der Aktionäre des Mobilfunkanbieters.

Coopmans muss deshalb den Turnaround vollenden, den seine Vorgängerin Severina Pascu aufgegleist hat. Das ist umso schwieriger, als der Alleingang von UPC nur eine Übergangsphase sein dürfte. Das unterstrich der CEO von Liberty Global, Mike Fries, in der Nacht auf Freitag in einem Communiqué: «Wir sind weiterhin der Ansicht, dass der Schweizer Markt auch mittelfristig reif für die Konvergenz von Festnetz und Mobilfunk bleiben wird.» Zu gegebener Zeit werde der Konzern «strategische Optionen» in Betracht ziehen. Das heisst im Klartext: Das Ziel bleibt, dass der Kabelnetzbetreiber UPC mit einem der drei Schweizer Mobilfunkanbieter verschmolzen wird. Die Frage lautet, mit welchem.

Swisscom ist aus dem Rennen. Dass der ehemalige Monopolist 1999 seine Beteiligung an UPC (damals Cablecom) verkaufte, lag auch am Druck der Wettbewerbskommission. Eine Fusion wäre heute chancenlos. Im Verhandlungspoker mit Sunrise hatte Liberty Global offenbar Salt als möglichen Käufer ins Spiel gebracht. Doch dass der Eigentümer von Salt, der Milliardär Xavier Niel, zugreift, ist eher unwahrscheinlich. Er investiert derzeit grosse Summen in den Ausbau des Glasfasernetzes im französischen Heimmarkt und in die Expansion in Italien.

Baptiest Coopmans, CEO UPC Schweiz.

Baptiest Coopmans, CEO UPC Schweiz.

PD

«Glasfaser durch die Luft» statt Kabelnetz

Der offensichtlichste Kandidat bleibt Sunrise. Liberty Global und der Mobilfunkanbieter hatten den – schliesslich geplatzten – Deal über ein Jahr lang ausgehandelt. Zeitweise wurde erwogen, dass Sunrise einen Teil des Kaufpreises in eigenen Aktien zahlt. Damit hätten die Sunrise-Aktionäre besser leben können als mit einer reinen Barzahlung, weil eine niedrigere Kapitalerhöhung nötig gewesen wäre. Sie hätten demnach weniger Geld in die Hand nehmen müssen, um eine Verwässerung ihrer Anteile zu verhindern. Der Sunrise-Verwaltungsrat soll allerdings nicht besonders darauf erpicht gewesen sein, einen Teil der Kontrolle an Vertreter von Liberty Global abzugeben. Das könnte sich im Frühling ändern. Vier der acht Verwaltungsräte, unter ihnen Präsident Peter Kurer, werden an der nächsten Generalversammlung nicht zur Wiederwahl antreten.

Offiziell setzt Sunrise seit dem Scheitern der UPC-Übernahme indessen auf den Alleingang. Dabei folgt die Nummer zwei im Schweizer Mobilfunk der Strategie, die der Ankeraktionär Freenet einfordert: Statt das UPC-Kabelnetz zu kaufen, geht das Unternehmen in ländlichen Gebieten mit der «Glasfaser durch die Luft» in die Offensive. Allerdings bezweifeln Experten, dass die Mobilfunktechnologie 5G ein valabler Ersatz für den Internetanschluss via Festnetz ist. Manche Beobachter vermuten deshalb, dass Freenet darauf spekuliert, dass Liberty Global nochmals mit einem deutlich niedrigeren Kaufpreis bei Sunrise anklopft – und Freenet die 25%-Beteiligung abkauft, um den Widerstand gegen den Zusammenschluss zu brechen.

Ein Blick in die Bilanz von Freenet legt nahe, dass die deutsche Firma flüssige Mittel gut gebrauchen könnte. Zugleich sorgt die Sunrise-Dividende für einen regelmässigen Geldstrom. Für Freenet besteht somit kein Grund zur Eile. Dass ein Finanzinvestor oder ein ausländischer Telekomkonzern UPC kauft, erscheint wenig wahrscheinlich. Sunrise rechnet im Falle einer UPC-Übernahme mit Synergien im Wert von über 3 Mrd. Fr. Wer hierzulande noch kein Mobilfunknetz besitzt, dem winken keine Synergien in einer solchen Grössenordnung. Entsprechend tief dürfte die Zahlungsbereitschaft sein.

Kaufen, um zu verkaufen

Für Liberty Global tickt hingegen die Uhr. Das legt das Jahresergebnis 2019 nahe. UPC Schweiz hat im vergangenen Jahr 73 600 Kunden verloren; der Umsatz schrumpfte währungsbereinigt um 3,5%. Wie sich dies auf die Profitabilität auswirkte, ist unklar. Der Mutterkonzern veröffentlicht keine Zahlen zum Gewinn. Einen Anhaltspunkt gibt der freie Cashflow: Dieser blieb mit 344 Mio. Fr. im Vergleich zum Umsatz von rund 1,2 Mrd. Fr. beachtlich. Allerdings sank er 2019 um fast 23%, nachdem er bereits im Vorjahr um 17% geschrumpft war. Es macht den Anschein, als ob Liberty Global die Zitrone UPC zu lange ausgepresst hat. Das scheint man am Konzernsitz in London erkannt zu haben – doch möglicherweise zu spät.

UPC verliert im einstigen Kerngeschäft an Swisscom

Anzahl TV-Anschlüsse in der Schweiz (in Millionen)

20102011201220132014201520162017201820190,00,51,01,5

Weder die Aufrüstung des Kabelnetzes, die seit Herbst Übertragungsraten von bis zu 1 GBit/s erlaubt, noch der teure Fernsehkanal MySports können die Konsumenten offenbar bei UPC halten. Auch im vierten Quartal hat die Firma 9800 Internet- und 21 800 TV-Abonnenten verloren. Zulegen konnte sie nur mit ihrem Mobilfunkangebot, das sie via Swisscom-Netz betreibt. Dass der neue CEO in einem Communiqué als Erfolg verbucht, dass der Rückgang der Abonnemente um 55% gebremst werden konnte, deutet auf eine gewiss Ratlosigkeit hin.

Am Donnerstag sagte Mike Fries: «Wir verfügen über eine beträchtliche finanzielle Feuerkraft mit einer Liquidität von über 11 Mrd. $.» Vielleicht wäre es für Liberty Global an der Zeit, den Spiess umzudrehen und Sunrise oder Salt ein Übernahmeangebot zu machen. Ewig behalten müssten die «Kabel-Cowboys» die daraus entstehende Schweizer Tochterfirma nicht. Denn ein Swisscom-Herausforderer mit eigenem Mobil- und Festnetz würde wohl auch ausländische Interessenten anlocken. Ein Kabelnetzbetreiber in einer Turnaround-Situation könnte hingegen lange ein Ladenhüter bleiben.