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«Ist das nicht schön hier?»: Wie Nordkorea die westlichen Social-Media-Plattformen für Propaganda nutzt

«Hallo. Hier ist Un A aus Pjöngjang», sagt die junge Frau mit schulterlangem Haar und kantiger Brille. An einem kahlen Schreibtisch sitzend, blickt sie betreten in die Kamera. «Vor kurzem wurde mein Youtube-Kanal ‹Echo of Truth› gesperrt. Ohne Angabe von Gründen.» Ehe sie in fliessendem Englisch weiterspricht, holt sie tief Luft. «Das Ziel, mit dem ich diese Arbeit begonnen habe, war die ­Korrektur der irreführenden Informationen über mein Heimatland. Und ich dachte, ich könnte versuchen, den Menschen zu zeigen, wie es hier wirklich ist.» Am Ende des 1½ Minuten langen Videos sagt sie: «Ich hoffe, euch bald wieder zu sehen.»

Wer die vorigen Clips dieser Youtuberin gesehen hat, erkennt sie sofort wieder, bemerkt aber auch, dass sie wie ausge­wechselt ist. Bis Ende des vergangenen Jahres schlug Un A mit ihrem ­Kanal «Echo of Truth» hohe Wellen. Zweieinhalb Millionen Videoansichten hat sie mit ihren Filmchen aus Nordkorea erzielt. Warum es den Kanal nun nicht mehr gibt, ist nicht bekannt. Ihr kürzliches ­Beschwerdevideo hierüber, in dem sie Google verantwortlich macht, wurde von einem Account namens «De olho na Coreia» (Portugiesisch für: Ein Auge auf Korea) hochgeladen.

Dort finden sich ebenfalls ihre älteren Videos, die allemal bemerkenswert sind – allein weil sie eben aus Nordkorea kommen, dem wohl am dichtesten verschlossenen Land der Welt, wo es keine freie Presse gibt und der Bevölkerung der Zugang zum Internet versperrt ist. In ihren Videos spaziert Un A mal fröhlich durch einen U-Bahnhof in Pjöngjang und fragt in die Kamera: «Ist das nicht schön hier?» Ein anderes Mal isst sie Pizza oder besucht ein Volksfest mit Feuerwerk.

Auf verschiedenen Plattformen sozialer Medien sind in letzter Zeit mehrere Kanäle populär geworden, die ein positives Licht auf Nordkorea werfen. Da war der Twitter-Account @coldnoodle­fan, der sich bis zu seiner Sperrung ebenso der Abbildung des Alltagslebens widmete. Auf der chinesischen ­Videoplattform Bilibili wurde zuletzt ein siebenjähriges Mädchen namens ­Ri Su Jin populär, dessen Videos, in denen sie Klavier spielt oder mit ihrer Mutter den Haushalt schmeisst, jeweils 20000-mal geklickt werden. Die Liste liesse sich fortsetzen.

Un A ist auf allen möglichen Social-Media-Kanälen aktiv.

Hipper Sound und Kim Jong Un im Hintergrund

Immer wieder wird darüber spekuliert, wie authentisch diese Kanäle wohl sind. Auf den ersten Blick brechen sie mit jedem Klischee des nordostasiatischen Landes. So wirkt Un A nicht etwa streng, sondern sie stolziert und lächelt immerzu. Bilder von Regierungschef Kim Jong Un sind zwar zu sehen, aber im Hintergrund. Die Videos sind professionell produziert, mit guter Soundqualität, hipper Hintergrundmusik und dynamischer Bildsprache. Und da die Menschen in Nordkorea nur ein staatlich kontrolliertes Intranet nutzen können, nicht aber Plattformen wie Youtube, ist ausserdem klar: Solche Videos richten sich an ein ­Publikum, gegen das sich Nordkoreas Staat sonst mit aller Kraft abschottet – die Öffentlichkeit der grossen, weiten Welt.

«Das ist Staatspropaganda», sagt ­Vladimir Tikhonov, Professor für Kulturwissenschaften und Koreaexperte an der Universität Oslo. Schliesslich sei es im hierarchischen Nordkorea unvorstellbar, dass ein wichtiger Schritt wie der Launch eines Social-Media-Kanals ohne Zustimmung von Kim Jong Un gemacht werde. Die steilen Hierarchien seien auch der Grund, warum Nordkorea überhaupt damit begonnen habe, sich über soziale Medien zu präsentieren.

Vladimir Tikhonov Südkoreanischer Journalist und Historiker

Tikhonov, der in Russland aufwuchs, aber einen südkoreanischen Pass besitzt, verfolgt die nordkoreanische Selbstdarstellung schon länger. Im Videochat sagt er schmunzelnd: «Wenn ich die Propagandafähigkeiten bewerten müsste, würde ich Nordkorea auf einer Skala von A bis F mittlerweile ein schwaches B geben, sie machen immer noch zu viel Personenkult um Kim Jong Un und seine Vorfahren. Das schreckt ab.» Auch die in den staatlichen Onlinemedien dominanten Berichte über erfolgreiche Ernteerträge oder Bauprojekte seien für ein internationales Publikum kaum ansprechend.

Um erfolgreichere PR zu betreiben, mangle es den nordkoreanischen Medienstrategen an interkultureller Sensibilität. «Aber in den sozialen Medien merkt man, dass sie dazugelernt haben», beobachtet Tikhonov. «In ihren Posts versuchen sie jetzt, zwei Dinge zu zeigen: ‹Wir sind modern. Und wir sind wie ihr da draussen›.» Es funktioniert nicht für jede Art von Publikum.

«Ist der Kanal von der nordkoreanischen Regierung?», fragt Hyomin Han, eine Kulturmanagerin aus Südkorea, nachdem sie sich nur zwei Minuten eines Videos angesehen hat. «Sie gestikuliert wie eine Südkoreanerin. Aber ihr Akzent klingt nach Nordkorea.» Die Youtuberin wirke wie eine strategische Wahl, mit der man womöglich auch auf der globalen Beliebtheitswelle südkoreanischer Popkultur mitreiten könne. Zum Schluss, dass bei Un A Behörden aus Pjöngjang ihre Finger im Spiel haben müssen, kommen jedenfalls auch die auf Nordkorea spezialisierten Nachrichtenportale NK News und 38 North.

Bei genauem Hinsehen gibt sich Un A ohnehin nicht als die Art von Youtuberin, die man im Westen kennt, also spitzfindig, polemisch, empörungslustig. Die junge Frau agiert unmissverständlich als Botschafterin. Im Sommer besuchte sie zum Beispiel ihre alte Schule; Titel des Videos: «Ich habe dich vermisst.» Untermalt von sanfter Klaviermusik, die bald von aufgeweckten Beats angetrieben wird, sieht man ein frisch gestrichenes Eingangstor und aus dem Bus steigende uniformierte Schüler. Un A, diesmal gekleidet im Lehrerlook aus weissem Hemd und schwarzem Rock, nimmt die Zuschauer mit in ein Klassenzimmer lauter braver Kinder, das auch nicht den Anschein macht, als wäre Nordkorea das arme Land, das es laut Beurteilungen von Experten und Geflüchteten ist.

Dass weltgewandt daherkommende, junge Personen über Nordkorea und aus Nordkorea berichten, ist lange überfällig gewesen. Bisher kommen die meisten Eindrücke, die man aus dem verschlossenen Land zwischen China und Südkorea erhalten kann, von Flüchtlingen, die den Norden verlassen haben. Politisch fällen diese Personen, ob als Menschenrechtler oder Aktivisten für den Umsturz Kim Jong Uns, vor allem kritische Urteile über das Land. Sie betonen die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen und vielen Merkmale der Mangelwirtschaft.

Abonnenten lassen sich von der Zensur nicht beeindrucken

Ein Youtube-Kanal wie der von Un A ist der Versuch, von diesen Realitäten abzulenken und ein alternative Erzählung zu etablieren. Und es scheint zumindest teilweise zu gelingen. Als der Kanal «Echo of Truth» vor drei Jahren online ging, gab es zunächst vor allem trockene, altmodisch erscheinende Dokumentarvideos. Seit die hippen Filmchen mit Frontfrau erschienen, sind die Klick- und Kommentarzahlen gewachsen. Zwar hat Un A nicht annähernd so viele Zuschauer wie etwa die aus Nordkorea geflohene und nun in den USA lebende Buchautorin Jeonmi Park, die in ihrem eigenen Youtube-Kanal eine viel weniger schöne Alltagsseite Nordkoreas bespricht.

Aber alle der einst gut 40000 Abonnenten von «Echo of Truth» lassen sich offenbar auch von der Sperrung auf Youtube nicht beeindrucken. Nachdem Ende Dezember das Beschwerdevideo von Un A über den Kanal «De olho na Coreia» erschien, haben ihn schon immerhin 1200 Personen angesehen.

Zudem gibt es auch auf Youtube noch weitere Kanäle aus Nordkorea. Einer namens «New DPRK», der nicht auf ein einziges Gesicht setzt, sondern mit wechselnden Protagonisten funktioniert, lud in der Vergangenheit vor allem Videos in koreanischer Sprache hoch – offenbar an ein Publikum in Südkorea gerichtet. Seit kurzem sind sie auch englisch untertitelt. Auch dieser Kanal zählt schon eine ­Million Klicks.

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