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Israel: Ein Schweizer und ein Israeli erzählen von der Nacht des Raketenangriffs

Die Gewalt zwischen den Israelis und den Palästinensern eskaliert zurzeit aufs Neue. Bild: keystone

Israel: Ein Schweizer und ein Israeli erzählen von der Nacht des Raketenangriffs

Ein ausgewanderter Schweizer und ein Rettungssanitäter erzählen von den Szenen, die sich in Tel Aviv momentan abspielen. In den letzten zwei Tagen wurden vom Gazastreifen aus über 1000 Raketen nach Israel abgefeuert.

Als der Bombenalarm in Tel Aviv am Dienstagabend zu heulen begann, stand Dennis Luks gerade unter der Dusche. «Im Bademantel bin ich auf den Balkon gerannt. Aus Reflex vermutlich und eigentlich dumm, ich weiss. Ich sah, wie der ‹Iron Dom› die Raketen abwehrte und über dem Strand explodieren liess. Ich spürte, wie der Boden vibrierte. Dann rannte ich ins Treppenhaus.»

Luks lebt im Zentrum der israelischen Küstenmetropole. Dort kam es am Dienstag gegen 20 Uhr zu Raketenangriffen. Der Grund: Die Gewalt zwischen den Israelis und den Palästinensern eskaliert zurzeit aufs Neue. Beide Seiten vermelden mehrere Verletzte und Tote.

Angriffe bis tief in die Nacht

In der Nacht auf Mittwoch war der Konflikt für die Bevölkerung in Tel Aviv besonders spürbar. «Die Raketenangriffe gingen bis tief in die Nacht hinein, es hat fast nicht aufgehört», erzählt Dennis Luks.

Vor fünf Jahren ist der Schweizer nach Israel ausgewandert, seit zweieinhalb Jahren lebt er in Tel Aviv. Im Video-Gespräch zeigt er die Aussicht von seinem Balkon, wo man direkt auf den Strand sieht. Dort detonierte in der Nacht zuvor eine Bombe nach der anderen. Das israelische Militär spricht von über 1000, die islamischen Hamas von 130 Raketen, die Richtung Tel Aviv abgefeuert wurden.

Noch im Bademantel habe Luks sich mit seinen Mitbewohnern und einigen Nachbarn im Erdgeschoss des Treppenhauses in ihrem Wohnblock zusammengekauert. «Wir leben in einem älteren Quartier, die meisten Häuser haben keinen Bunker – so auch unseres.»

Sofort habe er rumtelefoniert, wollte seine Freunde und Familie in Sicherheit wissen. «Meine Freundin war noch unterwegs. Sie hatte sich zum Nachtessen mit Kollegen verabredet und war im Bunker des Restaurants», erzählt Luks. «Ihr Hund war allein in ihrer Wohnung. Ich wollte ihn holen, musste aber warten, bis der Sirenenalarm aufhörte.»

In einer Pause sei er losgerannt. «Der Hund war in der Wohnung, völlig verstört. Ich nahm ihn an die Leine und rannte zu meinem Wohnblock zurück. Dann sassen wir zu zwölft im Treppenhaus, neun Menschen und drei Hunde», sagt Luks. Kurz darauf hätten die Sirenen wieder zu heulen begonnen.

Dennis Luks holte den Hund seiner Freundin während des Bombenangriffs in Tel Aviv. Bild: zvg

Auch Ben Lavie war an diesem Abend draussen unterwegs – mit dem Ambulanzfahrzeug. «Eigentlich hätte ich um halb neun Feierabend gehabt. Aber dann arbeitete ich bis nach Mitternacht», sagt der Rettungssanitäter.

Durch die Stadt fahrend, hätte er auf Einsätze gewartet und die Gegend nach Verletzten abgesucht. «Sobald die Sirenen aufheulten, hielten wir an, verliessen den Krankenwagen und versteckten uns. Man legt sich am besten mit Helm und Schutzweste bekleidet irgendwo unter ein Dach oder neben eine Hausmauer auf den Boden.»

Ben Lavie mit seiner Mutter, die ebenfalls als Rettungssanitäterin arbeitet. Bild: zvg

Glücklicherweise hätte er in solchen Momenten nie Patienten dabei gehabt, erzählt Lavie. «Wenn eine Person so schwer verletzt ist, dass sie nicht aussteigen kann, müssen wir sie im Krankenwagen lassen und bedecken sie einfach mit Schutzwesten und Helmen.»

Überhaupt habe er in dieser Nacht eher den Kollateralschaden beheben müssen. «Es landeten zwar Bomben in unserem Gebiet, aber da waren andere Ambulanz-Teams jeweils näher.» Lavie und seine Leute kümmerten sich um andere Verletzte, etwa um eine junge Frau, die bei der Flucht in den Bunker mit ihrem drei Wochen alten Baby im Arm die Treppe hinunterstürzte.

Eine unsichere Behausung

Während Lavie erzählt, reibt er sich noch den Schlaf aus den Augen. Und nimmt hin und wieder einen grossen Schluck Kaffee. «Ich bin um ein oder zwei Uhr morgens ins Bett gekommen», sagt Lavie. Der 32-Jährige lebt in einem «Caravan», eine Art immobiler Wohnwagen ohne solides Dach, ohne Fundament, in einem kleinen Dorf ausserhalb von Tel Aviv.

«Es ist nicht der beste Unterschlupf während eines Bombenangriffs», sagt Lavie und lächelt verschmitzt. Seine Familie und Freunde drängten ihn, seine Behausung zu verlassen und an einen sichereren Ort zu gehen.

Er selber scheint davon nicht überzeugt. «Ich will nach der Arbeit zurück ins normale Leben und das habe ich hier in meinem Caravan». Ausserdem sei er schon in schlimmeren Situationen gewesen. Vor acht Jahren im Krieg, im Gazastreifen. Lavie hält kurz inne, zuckt leicht mit den Schultern und sagt schliesslich: «Man gewöhnt sich an gewisse Dinge, weisst du.»

Überhaupt sei er gestern zu müde gewesen, um überhaupt noch darüber nachzudenken, wie sicher sein Zuhause ist. «Ich weiss gar nicht, ob der Sirenenalarm nochmals losging. Ich habe tief und fest geschlafen.»

In Tel Aviv ging um drei Uhr morgens tatsächlich nochmals der Bombenalarm los. Dennis Luks habe sich zuvor kurz schlafen gelegt und flüchtete erneut ins Treppenhaus. «Als dann die Sirene wieder verstummte, gingen wir zusammen zur Nachbarin in die Wohnung. Sie machte Kaffee und Essen und wir schauten zusammen die Nachrichten», sagt Luks.

Will nicht zurück in die Schweiz

Dass die Menschen in Tel Aviv in der Not zusammenhalten würde, schätze Luks. Alle versuchten, ruhig zu bleiben und sich gegenseitig zu helfen. So sei es selbstverständlich, Leute von der Strasse Unterschlupf zu gewähren, wenn der Bombenalarm ausbreche, erzählt er.

Luks wolle angesichts der zunehmenden Gewalt auch nicht zurück in die Schweiz. «Ich lebe gerne hier und liebe die Kultur», sagt er. «Ich will nicht weg. Ich hoffe einfach sehr, dass sich die Situation bald beruhigen wird und alle in Ruhe miteinander leben können.»

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