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Iouri Podladtchikov schämt sich für seine Ego-Trips: «Vieles ist mir heute peinlich»

BLICK: Iouri Podladtchikov, Sie sind jetzt seit fast einem halben Jahr nicht mehr Profisportler. Was hat sich verändert?
Podladtchikov: Ich bin nicht mehr so fit wie früher. Ich lese mehr und als Folge daraus habe ich angefangen mehr zu schreiben. Ich habe das Gefühl, dass ich bescheidener geworden bin. Und entspannter.

Was heisst das?
Als Sportler, gerade als Extremsportler, der sich grosser Gefahr aussetzt, bist du dauernd am Rennen, dauernd unter Stress. Das macht etwas mit dir. All das Testosteron, das du produzierst und verarbeitest, macht dich zu einem anderen Menschen. Mich hat es zu einem viel aggressiveren Menschen gemacht. Ich meine damit nicht körperlich aggressiv.

Sondern?
Ich war sehr hart mit mir selber und mit meinem Umfeld. Ich war überheblich und egoistisch. Das viele Adrenalin, hat man nicht immer im Griff – zumindest ich nicht. Ich habe mich auf Arten ausgedrückt, auf die ich nicht stolz bin. Vieles ist mir heute peinlich.

Was ist da schief gelaufen?
Ich weiss nicht, ob viel schief gelaufen ist. Man muss sich auch selber verzeihen können, ich glaube, dass die Einsicht, wichtig ist, was man falsch gemacht hat und warum die Dinge so passiert sind. Das ist mir viel wert. Aber ich bin froh, dass ich aus dem Profisport raus bin. Ich vermisse vieles, aber ich bin froh, dass es vorbei ist.

Haben Sie sich bei manchen Menschen entschuldigt?
Ich habe es versucht. Nicht alle haben meine Entschuldigung angenommen. Manche Dinge brauchen Zeit und Geduld.

Noch eine Qualität, die Sie dazu gewonnen haben?
Ich hoffe es. Über vieles kann ich heute lachen, über das ich früher nicht lachen konnte.

Es gibt Sportler, die fallen nach dem Karriereende in ein Loch. Wussten Sie, was nach Ihrem Rücktritt auf Sie zukommt?
Ich wusste gar nichts. Ein Stück weit ist da Wunschdenken im Spiel, man erhofft sich vieles. Aber meine Erwartungen waren nicht gross, ich hatte Respekt und auch Angst vor dem Neuen.

Wieso?
Das hängt vielleicht auch mit meiner Kindheit zusammen. Ich musste oft meine Sachen packen und mit meiner Familie umziehen. Mit acht Jahren sind wir zum Beispiel aus den Niederlanden in die Schweiz gezogen. Ich habe damals alle meine Freunde hinter mir gelassen und musste neu anfangen.

Wovor hatten Sie konkret Angst?
Davor, dass es mich nicht erfüllt. Gewisse Dinge fehlen mir auch. Ich vermisse die Leute im Sport, die Gespräche, das Reisen, die Gemeinschaft. Wir waren wie eine Familie, eine kleine Welt, die im Sommer nach Neuseeland reist, um zu trainieren, im Herbst nach Saas Fee. Viele Dinge, die gar nichts mit dem Sport selber zu tun haben. Ich hatte Angst, dass ich mich verzettle, mich verliere, den Boden unter den Füssen verliere.

Trotzdem: Sie hatten im Sommer eine Buchvernissage, dann zwei Ausstellungen. Sie scheinen einen konkreten Plan zu haben. In New York haben Sie bereits während der Karriere Fotografie studiert.
Als ich nach New York gezogen bin, hatte ich fast niemanden mehr um mich herum der mir nahe stand. Man glaubt am Anfang noch, man telefoniere weiterhin oft mit den Freunden daheim. Das geht mit sechs Stunden Zeitunterschied leider nicht. Statt fünf persönliche, intime Gespräche pro Woche, hat man plötzlich nur noch ein halbes. Das bringt einen in eine unbequeme Lage.

Iouri Podladtchikov (32)

Die sportliche Krönung seiner Karriere gelang ihm 2014 in Sotschi: An den Olympischen Spielen liess Iouri Podladtchikov (32) mit seinem «Yolo-Flip» die Konkurrenz in der Halfpipe hinter sich, Superstar Shaun White inklusive – Olympiagold! Darüber hinaus in seinem Palmarès: drei WM-Medaillen (1x Gold und 2x Silber), 14 Weltcup-Podestplätze (4 Siege) sowie drei Silber- und eine Bronzemedaille bei den prestigeträchtigen X-Games. Auch nach seinem Rücktritt wird es kaum ruhig werden um den umtriebigen Zürcher: Nach seinem Fotografiestudium am International Center of Photography in New York hat er mit Büchern und Ausstellungen auch in der Kunstszene bereits Fuss gefasst. Sein nächstes Buch erscheint Ende Mai, es wird nicht nur Fotografien enthalten, sondern zum ersten Mal auch Texte von Podladtchikov.

Als Profisportler waren Sie sich gewöhnt, dass sich alles nach Ihnen gerichtet hat.
Vor allem muss alles perfekt funktionieren. Du kannst nicht rausgehen und dein Leben riskieren, wenn zuhause ein Chaos ist. Man merkt es den Leuten an, wenn der Sport gefährlicher und seriöser wird. Sie müssen es entsprechend ernst nehmen, anders geht es nicht. In der Schule wären sie Streber.

Apropos Streber: Sie haben mal erzählt, Sie seien am International Center of Photography, wo Sie studiert haben, zum Streber geworden. Immer noch?
Und wie! Ich habe 2020 meinen Abschluss gemacht. Seit kurzem bin ich Teaching Assistant, also der Assistent meines früheren Professors. Das ist mir eine grosse Ehre.

Können Sie denn im Moment nach New York, um zu unterrichten?
Nein, im Moment ist alles online.

Beschäftigt Sie die Corona-Situation, hier und in Übersee?
Ich mache mir Gedanken, was die veränderten Verhaltensweisen langfristig mit unserer Gesellschaft machen. Zum Beispiel Umarmungen. Im Moment halten wir uns mit Abstand und die Umarmung fällt oft weg. Aber der Gedanke an die Umarmung darf nicht verschwinden. Der Gedanke, sich umarmen zu wollen. Wenn wir irgendwann aufhören, uns Luftküsse zu geben, entstehen Probleme.

Verschwinden tun auch Sie – als Sportler. Als Sie im August Ihren Rücktritt bekannt gaben, haben Sie erklärt, bewusst keinen Abschieds-Contest bestreiten zu wollen. Jetzt machen Sie am 28. Januar in Laax einen ganzen Event daraus. «The Last Run», gesponsert von einem grossen Mode-Versandhändler. Müssen Sie sich noch mit etwas versöhnen?
Es ist ja kein Wettkampf, es gibt keine Punktrichter und keine Gegner, keinen Vergleich. Es ist mein eigener Anlass und ich habe das Gefühl, er gibt mir die Möglichkeit, mir selber etwas zu erlauben, was ich mir vorher selten erlaubt habe. Sonst versuchst du in vielen Runs, einen Pokal zu gewinnen, einen Preis zu holen, die Rangliste zu erklimmen.

Aber es schmeichelt Ihnen schon, dass noch einmal alle Augen auf Sie gerichtet sind?
Wenn man mich als Jugendlichen gefragt hätte, wie ich mir meinen Abschied vorstelle, hätte ich es wahrscheinlich ziemlich genau so gewollt. Diese Reduktion aufs Wesentliche und trotzdem kann ich den Leuten etwas zurückgeben. In gewisser Weise hole ich auch etwas nach.

Was denn?
Als ich 2014 Olympiasieger wurde, da steckte ich gerade mitten in einem Umzug von Wollerau im Kanton Schwyz zurück nach Zürich. Die beiden Gemeinden haben sich darum gebalgt, wer mich empfangen darf, eigentlich ganz lustig. Am Ende wurde ich dann nirgends empfangen. Das war nicht schlimm, aber wenn ich an den Olympiasieg von Gian Simmen 1998 in Nagano zurückdenke… die haben ihm zuhause in Arosa eine goldene Halfpipe hingestellt. Total kitschig, aber trotzdem irgendwie schön. Und für mich ist das jetzt ähnlich.

Das ist «The Last Run»

Einmal noch stellt sich Olympiasieger Iouri Podladtchikov (32) vor den Augen der ganzen Welt aufs Brett. «The Last Run» nennt sich das Unterfangen, bei dem am 28. Januar um 20 Uhr die Halfpipe von Laax noch einmal ganz dem Halfpipe-Champion von Sotschi 2014 gehören wird. Laax – das passt. Dort, wo er jedes Jahr bei den Laax Open sportlich Hof hielt, wo er 2018 seinen letzten Weltcupsieg feierte, soll ein halbes Jahr nach Podladtchikovs Rücktritt ein letztes Ausrufezeichen folgen. Sponsor «Zalando» überträgt das Spektakel auf Youtube live unter youtube.com/zalando.

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