Switzerland

Interview zu «Tribes of Europa»: «Die Gewalt ist erzählerisch wichtig»

Seine Kreation fesselt die Netflix-User: Ein Gespräch mit dem Regisseur und Autor Philip Koch über das Ende von Europa und die Frage, wie düster eine Serie sein darf.

Philip Koch bei den Dreharbeiten zu «Tribes of Europa». Er ist Erfinder, Drehbuchautor und Regisseur der Netflix-Reihe.

Philip Koch bei den Dreharbeiten zu «Tribes of Europa». Er ist Erfinder, Drehbuchautor und Regisseur der Netflix-Reihe.

Foto: Netflix

Science-Fiction aus Deutschland: Philip Koch hat mit «Tribes of Europa» eine Serie für Netflix geschrieben, die in einem postapokalyptischen Europa spielt. Zum Gespräch über Seriengenres, Riesenprojekte und Gewalt im Fernsehen ist er ziemlich perfekt ausgeleuchtet per Videokonferenz zugeschaltet.

Herr Koch, Ihre Serie handelt von einem zerfallenen Europa. Steckt dahinter ein politisches Statement?

Ich bin überzeugter Europäer und Verfechter der EU. Das erste Brexit-Referendum war für mich so schockierend, dass ich mich hingesetzt habe und eine Serie über das Ende von Europa machen wollte. Das Konzept ist damals auf zwei, drei Seiten entstanden, noch ohne Figuren, aber schon mit der Idee einer Abenteuersaga und der Tribes. Das war ein urpolitischer Ansatz und eine Metaebene, die auf jeden Fall mitläuft. Man kann die Serie als reine Unterhaltung anschauen. Oder mit der Metaphorik, die mir vorschwebt, und sich fragen, inwieweit das jetzt für Separatismus und ein zerfallendes Europa steht.

Gedreht wurde in Tschechien, Kroatien und Deutschland, in verschiedenen Sprachen, das Budget war für deutsche Verhältnisse sehr gross: Wäre ein solches Projekt ohne Netflix möglich gewesen, etwa im öffentlich-rechtlichen Fernsehen?

Ich glaube schon. Aber gerade im Fall von «Tribes of Europa», in dem es keine Vorlage wie einen Roman oder Comic gibt und dazu noch in einem Genre, das in Deutschland eh verloren ist, wäre es wahrscheinlich schwierig geworden und hätte ewig gedauert. Netflix hat mit seinem globalen Ansatz schon extrem viele Türen geöffnet.

«Die Crows sollen aus der deutsch-russischen Mafia hervorgegangen sein und benutzen deshalb russische Lehnwörter.»

Warum ist ein Genre wie Science-Fiction im deutschsprachigen Raum so schwierig?

Wir Deutschen sind die härtesten Kritiker im eigenen Land. Vor allem was «think big» betrifft. Wir sind die Erfinder der Schadenfreude, ein Wort, das bezeichnenderweise auch im Englischen verwendet wird. Wir lieben es, anderen beim Fallen zuzusehen, wenn sie bewusst aus der Reihe der Konvention tanzen.

In anderen Ländern funktionieren Sci-Fi und Fantasy sehr gut. «Game of Thrones» begann ja mit dem Anspruch George R. R. Martins, das Maximale aus dem Genre herauszuholen. Braucht man dafür eine Metaebene, die sich auf echte, politische Ereignisse bezieht?

Ich glaube schon. Man kann eigentlich kein revisionistisches Genre mehr machen, das einfach alle Konventionen erfüllt. Genre muss sich immer neu erfinden, im Zeichen der Zeit. Es braucht immer einen neuen besonderen Twist, weil es sonst langweilig wird. Die meisten Filme haben das nicht. Ich komme ja eher aus der Arthouse-Richtung und suche immer nach Welten und Figuren, die so noch nicht erzählt wurden. Das finde ich am spannendsten.

Will man denn so eine untergegangene Welt jetzt überhaupt sehen?

Die Welt in der Serie ist eigentlich ziemlich in Ordnung. Oder sagen wir: Sie ist nicht völlig zerbombt und verseucht und furchtbar. Das war mir und den Produzenten von Wiedemann & Berg wichtig. Mit den verschiedenen Tribes, die von Staffel zu Staffel immer mehr werden sollen, zeigen wir eine Welt, die unfassbar vielfältig ist. Das geht auch aus Zeitgründen nur in einer Serie. Diese Vielfalt steht auch ein bisschen für Europa und dass man versuchen muss, diese verschiedenen Kulturen zusammenzuhalten. Wir wollten, dass die Tribes keine völlige Fantasterei sind, sondern immer etwas mit der realen Welt zu tun haben. Die Crows zum Beispiel sollen aus der deutsch-russischen Mafia hervorgegangen sein und benutzen deshalb russische Lehnwörter.

Aber solche geschminkten Fantasiegestalten sind dann doch trotzdem ziemlich weit von der Wirklichkeit entfernt, oder?

Vor sechs Wochen waren noch wild Maskierte im Kapitol in Washington, die hätten wir, so wie sie waren, in «Tribes of Europa» auftreten lassen können. Wenn sich jemand fragt, warum zum Beispiel die Crows bei uns in der Serie geschminkt sind, dann sage ich: Schaut mal, 2021, US-Kapitol, da sind Honks, die malen sich bescheuert an, tragen depperte Felle und Hörner und machen Krawall. So unglaublich weit weg von der Welt von Tribes ist das nicht.

Düstere Zukunftsvisionen: Szene aus «Tribes of Europa», die Serie spielt im Jahr 2074.

Düstere Zukunftsvisionen: Szene aus «Tribes of Europa», die Serie spielt im Jahr 2074.

Foto: Netflix

Ergibt es bei einer solchen grossen, internationalen Produktion eigentlich noch Sinn, von einer deutschen Serie zu sprechen?

Die Produktion betreffend sind wir natürlich eine klar deutsche Serie, weil wir sie aus Deutschland heraus konzipiert und geschaffen haben, nur in anderen Ländern gedreht, wie das bei vielen Projekten gemacht wird. In unserer Erzählwelt gibt es aber diese alten Länder gar nicht mehr. Es gibt nur noch den Kontinent Europa – und Stämme, die ihn jetzt beherrschen wollen. Ich glaube, aufgrund der verschiedenen Sprachen und der «post-europäischen» Erzählwelt wird die Serie international vermutlich eher europäisch wahrgenommen.

«Als Corona uns eingeholt hatte, haben wir versucht, die Serie insgesamt weniger düster zu machen.»

Sie haben bei der Serie so ziemlich alles gemacht: sich die Welt ausgedacht, Drehbücher geschrieben und Regie geführt. Wie geht man bei der Entwicklung eines so riesigen Projekts vor?

Normalerweise komme ich als Erzähler über die Figur, bei Tribes kommt aber alles über die Welt zu mir. Es kam erst die Erzählwelt, im ersten Konzept gab es auch noch keine Figuren, sondern nur Tribes, die verschiedene Sprachen hatten. Der Sprachmix war von Anfang an gegeben, weil das für Europa sinnbildlich ist. Erst mit den Autoren, der Produktionsfirma und Netflix wurden dann die Geschichten bis ins letzte Detail ausgearbeitet.

Filmemachen ist auch immer ein Kompromiss. Wie weit mussten Sie sich von der ursprünglichen Idee entfernen?

Es war ein permanenter kreativer Prozess, auch weil ich nicht alles machen konnte, was ich gerne getan hätte. Ich musste also die Welt ständig umerfinden und darauf achten, dass die Erzählstränge trotzdem noch zusammenpassen. Es fühlte sich oft an wie drei Kinofilme gleichzeitig.

Grausame Kriegerin vom Stamm der Crows: Grieta heisst diese Figur aus «Tribes of Europa».

Grausame Kriegerin vom Stamm der Crows: Grieta heisst diese Figur aus «Tribes of Europa».

Foto: Netflix

Die Serie zeigt sehr drastische Gewalt, was ja durch «Game of Thrones» fast schon eine Konvention geworden ist. Muss man als Serienmacher in eine Art Gewaltwettrüsten einsteigen?

Nein, gar nicht. Als Corona uns eingeholt hatte, haben wir auch versucht, die Serie insgesamt weniger düster zu machen, als sie ursprünglich konzipiert war. Wir haben einiges gekürzt und auch an der Musik noch viel geändert. Wenn ich gewusst hätte, dass die Serie 2021 zur Corona-Zeit rauskommt, hätte ich die Gewalt etwas zurückgenommen. Aber die Gewalt spielt bei den Crows schon eine immanente Rolle. Nicht, weil wir dachten, dass Gewalt irgendwie zieht. Ich glaube ehrlicherweise, das tut sie gar nicht. Das war für mich rein kreativ und erzählerisch wichtig, dass die Crows auch Zeichen der Dominanz und Einschüchterung setzen. Aber es war keine Marktentscheidung.

Ist die Serie mit diesem Gedanken der mehrsprachigen Tribes auch aus einer Art Streaming-Logik geboren, wie sie Netflix vorgibt? Jedes Land könnte theoretisch seinen eigenen Tribe bekommen?

Das war in der Konzeption nicht gedacht, aber narrativ wäre das natürlich irre spannend. Wenn es funktioniert, wäre das auf jeden Fall eine Option, weil es ja eine riesige Welt öffnet. Man könnte in andere Länder gehen für Spin-offs. Und das Geheimnis der Katastrophe in der Serie muss ja auch noch gelüftet werden.

Lesen Sie hier unsere Kritik der neuen Serie.

Football news:

Gazidis kann Milan verlassen, weil der Klub an der Super League teilnimmt
UEFA-Präsident über mögliche Absage des Spiels Real-Chelsea in der Champions League: Die Chancen dafür sind sehr gering. UEFA-Präsident Alexander Ceferin hat auf die Frage nach einer möglichen Absage des Champions-League-Halbfinals zwischen Real Madrid und dem FC Chelsea wegen der Beteiligung dieser Klubs an dem Projekt zur Schaffung der Super League in Europa geantwortet
Woodward trat zurück, weil er die Teilnahme von Manchester United an der Super League (Air Force) nicht unterstützte
Mikel Arteta: Kronke hat sich bei mir und den Spielern von Arsenal für die Super League entschuldigt. Der Klub hatte gute Absichten
UEFA-Präsident: Schauen Sie sich die Bayern an: Sie haben keine Schulden und sie haben die Champions League gewonnen. Rummenigge, Watzke und Al-Khelaifi haben mir sehr geholfen
Die Fans von Manchester United eine Protestaktion gegen die Глейзеров blockieren Eingänge auf der Basis des Clubs: Wir entscheiden, wenn Sie spielen
Perez und Agnelli sind sich sicher: 90 Minuten sind viel für Spiele. Vor drei Jahren wollte man offiziell eine Stunde spielen, aber mit Zeitstopp wurde die Idee vom heutigen RFS-Stadtrat für die Schiedsrichter erklärt. Die Superliga ist schnell abgestürzt, aber Florentino Perez hat noch ein kontroverses Thema: Wenn junge Leute sagen, dass Fußballspiele zu lang sind, dann ist das Spiel uninteressant, oder wir müssen einfach die Zeit reduzieren