Switzerland

Interview mit Swetlana Tichanowskaja: «Schaut auf uns, sprecht über Weissrussland!»

Die Anführerin der weissrussischen Opposition kommt in die Schweiz. Sie sucht hier politische Unterstützung – und versteckte Vermögen des Autokraten Alexander Lukaschenko.

Reist durch Westeuropa und sucht Hilfe für die weissrussische Opposition: Swetlana Tichanowskaja.

Video: Tamedia

Warum kommen Sie in der Schweiz?

Ich wurde zum Menschenrechts-Filmfestival in Genf eingeladen, wo ich über Weissrussland und unsere Visionen für die Zukunft des Landes sprechen werde. Es ist mein erster Besuch in der Schweiz. Ich möchte auch Vertreter der UNO und von NGOs treffen sowie die Familie von Natallia Hersche. Die Schweizerin sitzt ja in einem weissrussischen Gefängnis, weil sie an einer Demonstration gegen Alexander Lukaschenko teilnahm.

Sind auch Treffen mit Schweizer Politikerinnen oder Politikern geplant?

Das wäre für uns sehr wichtig, aber ich kann dazu keine Details geben.

Hat die Rolle ihres verhafteten Ehemannes übernommen und die Weissrussen mobilisiert: Swetlana Tichanowskaja im Wahlkampf im August 2020.

Hat die Rolle ihres verhafteten Ehemannes übernommen und die Weissrussen mobilisiert: Swetlana Tichanowskaja im Wahlkampf im August 2020.

Foto: Sergei Grits (AP)

Gibt es weitere Gründe für Ihren Besuch?

Ein sensibles Thema. Die Vermögenswerte von Alexander Lukaschenko und seiner Familie in der Schweiz. Wir wissen, dass ein Teil blockiert wurde. Wir wollen möglichst genau erfahren, welche Vermögenswerte in der Schweiz liegen – von Lukaschenko selbst, seiner Familie und seinen Helfern, die für Gewalt und Verbrechen verantwortlich sind.

Weshalb sind Sie so sicher, dass Lukaschenko Geld in der Schweiz hat?

Diktatoren ziehen es oft vor, ihr Geld in der Schweiz zu verstecken. Aber wir brauchen Hilfe vor Ort, um den Reichtum zu finden.

«Der Schweizer Botschafter hat Natallia Hersche im Gefängnis besucht. Daran sollten sich Botschafter anderer Staaten ein Beispiel nehmen.»

Sie wollen sich direkt an Schweizer Banken wenden?

Nein, ich möchte für politischen Druck sorgen. Das müssen wir mit der Schweizer Regierung diskutieren.

Weissrussische Oligarchen und ihre Familien verbringen Luxusferien in der Schweiz. Sollten Schweizer Hotels auf solche Gäste verzichten?

Diese Oligarchen unterstützen Lukaschenko, und sie profitieren von seinem illegitimen Regime. Es liegt nun an der Schweizer Regierung und an Schweizer Unternehmen oder an den Hotels, ob sie die Anwesenheit solcher Menschen in der Schweiz tolerieren. Wo doch zur selben Zeit eine Schweizerin in Weissrussland im Gefängnis sitzt.

Lukaschenko liess viele Regimekritiker verhaften, unter anderem auch Ihren Mann. Wie geht es den Gefangenen?

Die Bedingungen für politische Gefangene in Weissrussland sind schrecklich. Sie dürfen ihre Angehörigen nicht sehen, dürfen nicht einmal telefonieren. Sie haben lediglich Kontakt zu ihren Anwälten. Sie stehen unter gewaltigem psychologischem Druck. Die Corona-Situation ist dramatisch. Wir wissen, dass Covid-positive Gefangene auf verschiedene Zellen verteilt wurden, damit sie dort andere Insassen anstecken. Es ist eine Methode des Terrors.

Was wissen Sie über Natallia Hersche?

Sie wurde zu zweieinhalb Jahren Haft in einer Strafkolonie verurteilt, weil sie einem Polizisten, der sie während einer friedlichen Demonstration festnahm, die Sturmhaube vom Gesicht zog. Der Schweizer Botschafter konnte sie besuchen. Er war auch bei ihrem Gerichtsverfahren anwesend. Daran sollten sich Botschafter anderer Staaten ein Beispiel nehmen und Zeichen der Solidarität mit den politischen Gefangenen setzen.

Nach Massenverhaftungen und Polizeigewalt mussten die Proteste in die Hinterhöfe verlegt werden: Grossdemonstration gegen Wahlfälschungen in Minsk im September 2020.

Nach Massenverhaftungen und Polizeigewalt mussten die Proteste in die Hinterhöfe verlegt werden: Grossdemonstration gegen Wahlfälschungen in Minsk im September 2020.

Foto: Keystone

Wie könnten sie das tun?

Es gibt laufend Gerichtsverfahren. Die Menschen, die gegen das Regime protestierten, werden zu extrem hohen Gefängnisstrafen verurteilt, von zwei bis zu zehn Jahren. Weissrussland ist kein Rechtsstaat mehr. Die Richterinnen und Richter folgen nur den Befehlen von oben. Selbst ein Minderjähriger wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Wir können das nicht zulassen. Wir müssen dieses Regime dazu bringen, alle so schnell wie möglich freizulassen. Wir brauchen die Hilfe der internationalen Gemeinschaft, um die Rechtsstaatlichkeit wiederherzustellen.

Wie viele Menschen sind jetzt im Gefängnis?

Seit Beginn der Proteste waren 35’000 Menschen zeitweise im Gefängnis. Im Moment sitzen etwa 1000 Personen ein. 252 von ihnen betrachten wir als politische Gefangene.

Lukaschenko traf vor kurzem den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Haben Sie als Oppositionschefin auch Kontakte nach Moskau?

Wir haben viele Wochen lang versucht, einen Kontakt zum Kreml herzustellen. Niemand antwortete uns. Im Moment bekommt Lukaschenko noch Unterstützung aus Moskau. Aber das kann auch ein Spiel der Russen sein. Ich denke, Putin sucht einen Weg, wie Lukaschenko gehen kann, ohne dass es wie ein Sieg der Bevölkerung aussieht.

Die weissrussische Opposition wird vom Kreml völlig ignoriert: Alexander Lukaschenko und Wladimir Putin am 22. Februar 2021 im russischen Kurort Sotschi.

Die weissrussische Opposition wird vom Kreml völlig ignoriert: Alexander Lukaschenko und Wladimir Putin am 22. Februar 2021 im russischen Kurort Sotschi.

Foto: Alexei Druzhinin (Keystone) 

Im Moment sieht es eher so aus, als würde der Protestbewegung in Weissrussland die Luft ausgehen.

Die Menschen sind nach wie vor aktiv. Aber der Protest ist nicht mehr so sichtbar wie im Herbst. Er hat sich in die Hinterhöfe verlagert. Wir haben die visuelle Seite des Protests verloren: die Massendemonstrationen, die prügelnden Polizisten. Aber die Menschen haben nicht aufgegeben. Sie kämpfen weiter.

Haben Sie in diesem Kampf auch Fehler gemacht?

Nach der Wahl, nach der massiven Gewalt war der Hass der Menschen auf die Polizei, auf die politische Elite sehr gross. Wir haben diese Leute zwar aufgerufen, auf unsere Seite zu wechseln. Aber wir haben ihnen keine Brücken gebaut. Das war ein grosser Fehler. Wir haben Polizei und Beamte an den Pranger gestellt. Heute gehen wir anders vor. Mit uns zu sein, heisst nicht unbedingt, sich öffentlich gegen Lukaschenko zu stellen. Stattdessen helfen uns viele Menschen im Geheimen. Sie bleiben im System und können uns Informationen geben, Dokumente. Wir wissen, dass die Mehrheit der Leute, die im Umfeld von Lukaschenko arbeiten, auch einen Wandel will.

Das Regime ging mit massiver Gewalt gegen Demonstranten vor: Eine Frau in Weiss, der Farbe des Protestes, steht schwer bewaffneten Polizisten gegenüber.

Das Regime ging mit massiver Gewalt gegen Demonstranten vor: Eine Frau in Weiss, der Farbe des Protestes, steht schwer bewaffneten Polizisten gegenüber.

Foto Sergei Gapon (AFP)

Lukaschenko kündigt nun die Ausarbeitung einer neuen Verfassung an. Was bedeutet das für die Opposition?

Nichts. Er hält sich nicht einmal an die bestehende Verfassung. Niemand glaubt ihm mehr. Die Menschen wollen nichts mit ihm zu tun haben. Lukaschenko muss gehen. Wenn er über eine neue Verfassung redet, ist das nur ein Versuch, an der Macht zu bleiben. Er hat 26 Jahre gelogen. Es ist genug. Wir werden bei neuen und fairen Wahlen eine neue Führung für unser Land wählen.

Was will Lukaschenko in der Verfassung überhaupt ändern?

Wir wissen es nicht. Wir wissen auch nicht, was Lukaschenko mit dem Kreml bespricht, wir wissen nicht, was sie vereinbaren. Die Regierung diskutiert nie etwas mit dem Volk. Auch das seit 26 Jahren so. Aber den Menschen ist das nicht länger egal. Sie wollen alles wissen, sie wollen das Land mitgestalten. Und egal, was Lukaschenko tut und sagt: Alles wird in der Zukunft überprüft werden. Er hat den Menschen nichts mehr zu sagen.

«Eine Revolution findet nicht auf der Strasse statt. Eine Revolution findet im Kopf und in den Herzen statt.»

Sie haben zu neuen Demonstrationen für den 25. März aufgerufen. Werden die Weissrussen Ihnen folgen?

Die Menschen haben Angst nach all der Gewalt. Aber sie überwinden dieses Gefühl der Angst, weil sie zeigen wollen, dass sie gegen das Regime sind. Übrigens rufe ich nicht zu Demonstrationen auf. Ich unterstütze Menschen, die auf die Strasse gehen. Manche wollen das, es ist ihre Art des Protests. Andere können das aber nicht tun, weil sie beispielsweise Kinder haben. Sie können anders zur Protestbewegung beitragen: Briefe schreiben an Gefangene, Aufrufe an verschiedene Organisationen verfassen. Oder an Aktionen in ihrer Nachbarschaft teilnehmen. So bauen wir aus ganz verschiedenen Richtungen Druck auf das Regime auf.

Glauben die Leute noch an eine Revolution?

Eine Revolution findet nicht auf der Strasse statt. Eine Revolution findet im Kopf und in den Herzen statt. Mithilfe von Waffen und Gewalt kann Lukaschenko die Menschen von der Strasse vertreiben. Aber er kann die Menschen nicht daran hindern, selbst zu denken. Das motiviert sie, immer neue Wege zu finden, um sich zu wehren. Wir wollen keine Gewalt. Wir wollen der Welt zeigen, dass friedliche Revolutionen möglich sind. Mit eurer Hilfe.

Wie kann der Westen, wie kann die Schweiz denn helfen?

Nach dem Wahltag waren wir jenen Ländern wirklich dankbar, die Lukaschenkos Legitimation nicht anerkannt haben. Das war eine grosse Inspiration für die Menschen. Wir spürten, dass wir nicht alleine sind, dass die ganze Welt uns unterstützt. Dann wurden Sanktionslisten erstellt. Aber wir dachten, dass die EU schneller handeln würde. Es ging viel Zeit verloren. Dabei war der Zeitfaktor entscheidend. Hätte es mehr Druck aus dem Ausland gegeben, als die Demonstrationen auf ihrem Höhepunkt waren, hätten wir Lukaschenko zu Gesprächen bewegen können. Aber die EU reagierte zu langsam.

Hatte sich vom Westen schnellere Hilfe erhofft: Svetlana Tichanowskaja im Dezember zu Besuch im Deutschen Bundestag.

Hatte sich vom Westen schnellere Hilfe erhofft: Svetlana Tichanowskaja im Dezember zu Besuch im Deutschen Bundestag.

Foto: Andreas Gora (EPA)

Was ist die Folge?

Jetzt müssen wir die Menschen neu motivieren. Und wir rufen die Welt auf, Weissrussland nicht aus den Augen zu verlieren, denn die Menschen leiden. Vergesst uns nicht! Der Protest ist nicht verschwunden, die Menschen haben nur Angst. Ihr dürft die Augen nicht verschliessen, wenn unschuldige Menschen ins Gefängnis geworfen werden. Bleibt bei uns! Sucht Wege, wie man das Regime dazu bringen kann, Gespräche am runden Tisch zu beginnen. Helft der Zivilgesellschaft und untersucht Verbrechen, die in Weissrussland begangen werden.

Der Aufruf geht auch an die Schweiz?

Auf jeden Fall. Die Schweiz macht viel. Aber wir wollen mehr über unsere Situation erzählen. Ihr Schweizer setzt euch für Menschenrechte ein, für Werte. Also schaut auf uns, setzt uns auf eure Agenda, sprecht über uns, verteidigt uns. Denn wir sind wunderbare Menschen, wir arbeiten hart. Es geht um unsere Heimat. Wir sind ja nicht irgendwas neben Russland. Wir sind eine eigene, stolze Nation. Und wir wollen selber über unsere Zukunft entscheiden.

Der Schweizer Präsident des internationalen Eishockeyverbands, René Fasel, reiste unlängst nach Minsk und umarmte Lukaschenko. Das verstehen Sie wohl eher nicht unter Schweizer Hilfe?

Er wurde dafür in den Massenmedien auch scharf kritisiert. Fasel ist seit vielen Jahren ein Freund Lukaschenkos. Doch die Eishockey-Weltmeisterschaft wird nun doch nicht in Weissland ausgetragen. Das ist unser kleiner Sieg.

«Meine Rückkehr aus dem Exil würde nichts ändern. Ich wäre nur ein weiteres Opfer des Regimes.»

Der russische Oppositionspolitiker Alexei Nawalny ist aus dem Exil nach Russland zurückgekehrt und sitzt nun im Gefängnis. Fragen Sie sich auch, ob Sie im Exil in Litauen bleiben oder zurückgehen und eine langjährige Haft riskieren sollen?

Natürlich stelle ich mir diese Frage. Aber Nawalnys Fall ist ganz anders. Er ist ein Politiker, und die Rückkehr war eine politischer Entscheidung. Mich hat das Schicksal in die heutige Situation gebracht. Ich baue keine politische Karriere auf. Ich bin hier, weil ich vom weissrussischen Volk einen Auftrag bekommen habe.

Sie denken nie daran, zurückzugehen?

Doch, wenn es mir schlecht geht. Ich trage hier eine so riesige Verantwortung. Manchmal denke ich, es ist besser, nach Weissrussland zu gehen, verhaftet zu werden und die Menschen ohne mich weiterkämpfen zu lassen. Meine Arbeit ist wirklich sehr, sehr schwierig. Aber eine Rückkehr würde nichts ändern. Ich wäre nur ein weiteres Opfer dieses Regimes. Ich kann hier viel mehr erreichen als im Gefängnis.

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