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Interview mit Schweizer Regisseur: «Töne sind eine Übersetzung von Emotionen»

Interview mit Schweizer Regisseur«Töne sind eine Übersetzung von Emotionen»

Maurizius Staerkle Drux drehte «L’art du silence», die erste Doku über den Pantomimen Marcel Marceau. Ein Gespräch über Imagination und Tonstudiotricks.

Maurizius Staerkle Drux arbeitet als Tongestalter und Filmregisseur in Zürich. 

Maurizius Staerkle Drux arbeitet als Tongestalter und Filmregisseur in Zürich. 

Foto: Maxdrux/Cineworx Filmverleih

Marcel Marceau war ein weltberühmter Künstler. Wie kamen Sie darauf, einen Film über einen Pantomimen zu drehen? 

Der Urknall kam nach einer Vorstellung von «Die Böhms», meinem Dokumentarfilm über die Architektenfamilie. Ich traf eine alte Frau, die mir erzählte, ein Pantomime habe ihr das Leben gerettet. Später sprach ich mit dem 104-jährigen Georges Loinger, der im Zweiten Weltkrieg mit Marcel Marceau jüdische Kinder in die Schweiz schmuggelte. Darunter jene Frau als kleines Mädchen. Die Geschichte von Marceau diente für mich in «L’art du silence» als Rahmen, um auch von anderen Menschen zu erzählen. Von Loinger, von Marceaus Angehörigen, von meinem Vater.

Ihr Vater ist ebenfalls Pantomime.

Genau. Er fand als Gehörloser zur Kunst, sie war für ihn eine Befreiung. Er macht etwas auf der Bühne, und die Hörenden verstehen ihn endlich. 

Sie selbst sind nicht nur Regisseur, sondern auch Tongestalter. Was interessiert Sie am Geräuschemachen?

Töne sind eine Übersetzung von Emotionen, die sinnlich erfahrbar ist. Das fasziniert mich schon lange. Ich habe immer mein Tongerät dabei und sammle Geräusche. Im Regiestudium an der ZHDK kann man sich auf Kamera oder Montage spezialisieren, zu meiner Zeit kam neu der Ton hinzu. Für mich war das grossartig. Nur mein gehörloser Vater hats nicht verstanden. Er hat aber trotzdem beim Ausbau meines Tonstudios mitgeholfen.

Sie haben Tonarbeit für «Heimatland», «Der Läufer» oder «Not Me: A Journey With Not Vital» gemacht. Wie sieht für Sie die Balance von Regie und Tonarbeit aus?

Beim Dokfilm ist es normalerweise so, dass man nur alle paar Jahre ein neues Werk rausbringen kann, weil es so viel Zeit in Anspruch nimmt. Du sammelst das Material, und der Film muss dann in der Montage reifen. Durch die regelmässige Studioarbeit kann ich mich ökonomisch ein wenig absichern und weiter mein Filmhandwerk praktizieren.

Sie machen Tonarbeit für Spiel- und Dokumentarfilme. Was ist der grösste Unterschied?

Das Budget. (lacht) Ansonsten ist der Unterschied für mich nicht riesig: Der Ton muss auch bei einem Dokumentarfilm gestaltet werden, es reicht nicht, vor Ort aufzunehmen. Und auch ein Spielfilm muss wahrhaftig klingen. Aber bei einem Spielfilm steht viel mehr Geld zur Verfügung.

Wie sind Sie die Tonarbeit bei «L’art du silence» angegangen?

Die Tongestaltung hat mir geholfen, einen Zugang zu Marcel Marceau zu finden. Ich habe mir alte Filme von ihm angesehen. Die Musik, die darüberlag, war leider schrecklich. Er wollte das so, aber ich hab den Ton ausgemacht und mir einfach seine Bewegungen angesehen, sein Atmen. Dann habe ich mir überlegt, ob wir das Material nicht in ein neues Licht rücken können.

Haben Sie deswegen die alten Aufnahmen neu vertont?

Genau. Das ermöglichte mir eine neue sinnliche Auseinandersetzung.

Wie entstanden die Töne im Film?

Bei Marceau geht es fast immer um das universal Menschliche, entsprechend basiert auch der Ton auf menschlichen Stimmen. Ich habe zum Beispiel Vogelgesänge verlangsamt, sie nachsingen lassen und diese Aufnahmen wiederum beschleunigt. Oder ich habe Kindergeschrei so gepitcht, dass daraus das Bremsen eines Zugs wurde.

Wie haben Sie ursprünglich den Kontakt zur Familie Marceau hergestellt?

Ich habe ihnen meine Geschichte erzählt, das mit meinem Vater, und dass ich einen Film machen möchte. Sie waren sehr nett, haben mich zum Essen eingeladen und mir zugehört. Aber ich habe irgendwann kapiert, dass jede Woche jemand bei ihnen vorbeikommt, der einen Film machen will. Sie waren entsprechend vorsichtig. Aber wir haben uns immer wieder getroffen, und so sind über die Zeit häppchenweise Szenen entstanden.

«Ich freue mich über jeden Film, der das Thema Gehörlosigkeit aufgreift.»

Maurizius Staerkle Drux

Ihr nächster Film soll in der Gehörlosenwelt spielen.

Dank meinem Vater habe ich viele Erfahrungen mit dieser Welt. Ursprünglich wollte ich einen Dokumentarfilm darüber machen, da fiel mir auf, dass meine Erinnerungen geeigneter für eine Geschichte wären. Ursprünglich plante ich sie unter dem Titel «Coda», das Wort bezeichnet hörende Kinder von gehörlosen Eltern. Dank den letzten Oscars hat sich der Titel überlebt. (lacht)

Stimmt, «Coda» wurde als bester Film ausgezeichnet und handelt von einem Mädchen aus einer gehörlosen Familie. In «A Quiet Place» plus Sequel steht wiederum eine gehörlose Protagonistin im Zentrum. Wie sehen Sie diesen kleinen Trend zur Gehörlosigkeit im Kino?

Ich freue mich über jeden Film, der das aufgreift. Ich habe mich für meine Geschichte stärker mit Cochlea-Implantaten befasst, mit der Möglichkeit, durch Operationen die Fähigkeit zum Hören herzustellen. Welche Erwartungen und Vorstellungen löst das bei den Betroffenen aus, welche Konflikte entstehen? Mich interessiert nicht zuletzt, wie ich das akustisch im Kino erfahrbar machen kann.

Gregor Schenker ist seit 2012 Filmredaktor im Ressort Zürich Leben. Er hat in Zürich Germanistik, Filmwissenschaft und Psychologie studiert.

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@GregorSchenker

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