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In Japan wächst die Angst vor der Coronavirus-Epidemie

Schon jetzt ist Japan nach China das Land mit den zweitmeisten bekannten Infektionen. Nun sind die ersten Fälle aufgetreten, bei denen die Ansteckungswege unklar sind.

Die USA bereiten die Evakuierung von 400 Staatsbürgern vor, die sich auf der «Diamond Princess» im Hafen von Yokohama befinden.

Die USA bereiten die Evakuierung von 400 Staatsbürgern vor, die sich auf der «Diamond Princess» im Hafen von Yokohama befinden. 

Franck Robichon / EPA

Japans Gesundheitsminister Katsunobu Kato ist kein Mann, der Panik verbreitet. Aber am Wochenende musste auch der Politiker eine Gefahr eingestehen, vor der Epidemiologen schon länger warnen: die Ausbreitung des Coronavirus in Japan. «Japan ist anscheinend in einer neuen Phase, in der die Infektionswege einiger Fälle unklar sind», erklärte der Minister. «Wir können nicht ausschliessen, dass das Virus sich wie andere Infektionskrankheiten der Vergangenheit ausdehnen wird.»

Japanische Regierung im Krisenmodus

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe berief daher am Sonntag einen Expertenausschuss ein, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Der Chef des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten, Takaji Wakita, liess keinen Zweifel an der Bedeutung aufkommen: «Mit der Unterstützung der gesamten Nation müssen wir Massnahmen ergreifen, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen.»

Auslöser des plötzlichen Aktionismus sind mehrere Fälle, in denen erstmals Virusträger nicht in China waren oder eng mit Besuchern aus China zu tun hatten. Damit ist Japan laut Experten in der Weltgesundheitsorganisation nach China das erste Land, in dem die Ansteckungswege bei einigen Betroffenen nicht mehr nachvollzogen werden konnten.

Fünf neue Fälle in Tokio

Ausserdem ist Japan nach China das Land mit den zweitmeisten bekannten Infektionen, und dies nicht nur wegen des Kreuzfahrtschiffes «Diamond Princess», auf dem im Hafen von Yokohama fast 3700 Personen seit dem 3. Februar unter Quarantäne stehen. Dort wurden am Samstag 70 neue Infektionen festgestellt, die Gesamtzahl auf dem Schiff stieg damit auf 355 Fälle unter den 1219 getesteten Bootsinsassen. Der Rest der Passagiere und der Crew soll in den kommenden Tagen untersucht werden. Am Sonntag begannen die USA, abreisewillige Bürger von Bord zu holen. Kanada und Hongkong wollen ebenfalls ihre Staatsangehörigen bergen, bevor die offizielle Quarantäne am 19. Februar für die Personen ausläuft, die keinen engen Kontakt mit Infizierten hatten.

Doch auch an Land steigt die Zahl der Erkrankten, inzwischen starb eine Rentnerin am Virus. Am Sonntag wurden dann in Tokio fünf Fälle von Infizierten bekannt, die mehrheitlich ihr Sohn angesteckt hatte. Damit wurde bei etwa sechzig Bewohnern des Landes das Virus diagnostiziert. Diese Entwicklungen veranlassten die koreanische Seuchenkontrollbehörde, nicht nur vor Reisen nach China, Singapur und Thailand, sondern auch vor solchen nach Japan zu warnen.

Im Land der aufgehenden Sonne wächst nun die Sorge, zu einem Epizentrum der Epidemie zu werden. Dies zeigt schon die Tatsache, dass eine Massnahme vorbildlicher japanischer Infektionsprävention seit Wochen eine Mangelware ist: Gesichtsmasken. Seit Jahrzehnten gehören sie in Japan neben Alkoholsprühern in Lobbys von Behörden oder Büros zum Stadtbild. Viele Menschen tragen sie besonders im Herbst und im Winter, um sich selbst vor Viren zu schützen oder um andere Menschen nicht anzustecken.

Gesichtsmasken werden zur rationierten Mangelware

Doch nun sind in den Drogerien die Regale leergefegt, bei denen die Japaner früher zwischen vielen verschiedenen Masken wählen konnten: für Kinder, für Frauen, für Männer, mit bunten Aufdrucken oder in schlichtem Weiss. Es gibt sogar welche, die die Atemluft wärmen und befeuchten, oder solche mit Aromen. Stattdessen weist eine grosse Drogerie in Yokohama die Kunden darauf hin, dass neue Lieferungen nur rationiert verkauft werden, um das Horten von Masken zu unterbinden.

Die Zahl der besorgten Bürger nimmt stetig zu. Ärzte und telefonische Hilfsstellen, die die Regierung eingerichtet hat, berichten von immer mehr besorgten Anfragen. Selbst die sonst eher entspannten Medien wollen die Sorgen ihrer Leser nicht mehr ignorieren. Die Tageszeitung «Asahi Shimbun» mahnt: «Wir müssen von einer heimischen Ausbreitung ausgehen.» Die Zeitung «Mainichi Shimbun» appelliert derweil zwar an ihre Leser, Ruhe zu bewahren. Sie fordert allerdings aktivere Massnahmen, warnt vor wirtschaftlichen Schäden und kritisiert sogar die Regierung: «Es scheint, als hinke die Regierung der Lage einen Schritt hinterher.»

Beschränkte Kapazitäten im Fall einer Epidemie

Die Regierung hat nun insofern reagiert, als sie ihre Anstrengungen zur Entschärfung einer möglichen Krankheitswelle intensiviert. Bis anhin lag der Fokus auf Grenzkontrollen. In Tokio ist man zur Einsicht gekommen, dass die bisherige Isolationsstrategie bei einer richtigen Epidemie schnell an ihre Grenzen stossen würde. Landesweit gibt es laut der Wirtschaftszeitung «Nikkei» gerade einmal 1871 Betten in Isolierungsabteilungen.

Am Sonntag gab Regierungschef Shinzo Abe bekannt, dass landesweit 536 rund um die Uhr besetzte Informationszentren eingerichtet werden. Ausserdem will die Regierung die Zahl der designierten Behandlungszentren für die Viruserkrankung von 726 auf 800 erhöhen. Mediziner rufen die Menschen auf, derweil das zu tun, was seit Jahren zur Vorbeugung bei Grippewellen gepredigt wird: sich regelmässig die Hände waschen oder sie am besten mit Alkohol desinfizieren.