Switzerland

«In einem Club passiert das Gegenteil von dem, was man jetzt empfiehlt»

Im März mussten Besucherinnen und Besucher des Plaza Clubs in Zürich einen QR-Code scannen, um hereingelassen zu werden. Bild: KEYSTONE

Interview

«In einem Club passiert das Gegenteil von dem, was man jetzt empfiehlt»

Ginge es nach Isabelle Eckerle, der Leiterin des Zentrums für Viruserkrankungen in Genf, so wären die Clubs nach wie vor geschlossen. Die steigenden Fallzahlen beobachtet sie mit grosser Besorgnis.

Frau Eckerle, der Bundesrat hat entschieden, dass ab Montag eine Maskenpflicht in allen öffentlichen Verkehrsmitteln gilt. Die richtige Entscheidung?
Isabella Eckerle: Auf jeden Fall. Über die Maskenpflicht wurde schon länger diskutiert, es gab auch eine Empfehlung der Taskforce des Bundesrates. Inzwischen gibt es auch viele wissenschaftliche Daten, die zeigen, dass Masken nützen. Ich hab mich ehrlich gesagt gefragt, warum man sich mit dieser Entscheidung so lange so schwer getan hat.

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Sie finden, es wurde zu lange mit der Maskenpflicht gewartet?
Es hat mich gewundert, warum mit so etwas Kleinem, Banalem, das nicht wirklich grosse Auswirkungen auf das tägliche Leben hat, so lange gehadert wird. In vielen anderen Ländern wurde das schon von Beginn weg konsequent durchgesetzt.

Kann die Maskenpflicht im ÖV überhaupt etwas gegen die steigenden Infektionszahlen ausrichten?
Die Maskenpflicht alleine wird nicht ausreichen. Wichtig ist das ganze Paket von Massnahmen. Also nicht nur die Maske, sondern auch die App, das Contact Tracing, das Abstand halten, das Hände desinfizieren, die Beschränkung der Personenzahl in Innenräumen und das Testen. Keine der einzelnen Massnahmen ist ein Allheilmittel. Nur das gesamte Paket wird uns dabei helfen, in den nächsten ein bis zwei Jahren ein einigermassen normales Leben zu führen.

Bild: zvg

Finden Sie, es bräuchte auch an anderen Orten eine Maskenpflicht? Zum Beispiel beim Einkaufen?
Der Zeitfaktor spielt sicher eine wichtige Rolle. Wenn ich nur kurz in einen Kiosk gehe, um mir eine Zeitung zu kaufen, ist das Risiko nicht so gross, dass ich mich anstecke. Aber in Supermärkten und Läden, wo man sich über längere Zeit mit vielen Leuten in einem geschlossenen Raum aufhält, macht es Sinn, eine Maske zu tragen.

In der Schweiz stecken sich wieder jeden Tag über 100 Personen mit dem Coronavirus an. Wie ernst ist die Lage?
Diese Zahlen sind sehr unerfreulich. Sie bestätigen, was von wissenschaftlicher Seite schon länger befürchtet wurde: Wenn man zu schnell wieder «zurück auf normal» geht, steigen die Fälle wieder an. Nach den Lockerung der Massnahmen sah man, wie schnell die Leute wieder in den Gartenbeizen sitzen, wie sie wieder feiern gehen, wie wenig Leute Masken tragen. Viele dachten, jetzt ist alles wieder vorbei.

Naja, eine Zeit lang sah es auch sehr gut aus. Die Ansteckungszahlen blieben wochenlang sehr tief… Ja und ich dachte zuerst: Waren wir mit unseren Warnungen etwa doch zu pessimistisch?
Aber das ist eben das Problem mit dem exponentiellen Wachstum. Dass lange nichts passiert und man die täglichen Schwankungen der Fallzahlen nicht einschätzen kann, wenn sie sich in einem solch niedrigen Bereich bewegen. Seit Mittwoch ist aber klar, dass die Infektionszahlen klar wieder ansteigen. Mit 137 neuen Fällen an einem Tag bewegen wir uns auf demselben Niveau wie im März noch vor dem Lockdown. Das ist sehr beunruhigend.

Heisst das, Sie rechnen damit, dass jetzt die Zahlen wieder so rasant steigen, wie sie damals im März gestiegen sind?
Nein. Ich glaube nicht, dass jetzt das gleiche wie im März wieder passieren wird. Oder ich hoffe es zumindest. Weil wir haben jetzt gelernt, welche Massnahmen funktionieren und welche nicht. Wir wissen jetzt viel mehr über Risikosituationen und über die Übertragungswege als noch vor drei Monaten. Am Anfang hat man die Übertragung durch Oberflächen überschätzt. Jetzt hat sich gezeigt, dass Türgriffe oder Einkaufswagen wahrscheinlich nicht eine so grosse Rolle spielen. Vielmehr ist es die Nähe zu einer infizierten Person, also beispielsweise eine Ansteckung durch Tröpfcheninfektionen. Das heisst aber auch, man kann die Massnahmen, die wirklich nützen, nun besser anpassen.

Was ist die wichtigste Erkenntnis seit Beginn der Pandemie?
Am Anfang der Pandemie dachte man, dass sich das Coronavirus relativ gleichmässig verbreitet. Heute wissen wir, dass einzelne wenige, ganz viele anstecken können. Das nennt man Überdispersion. Solche übermässigen Ansteckungen sind mit den sogenannten Superspreading-Events verbunden. Dazu kommt es dann, wenn viele Menschen über einen längeren Zeitraum in einem geschlossenen Raum mit unzureichender Lüftung verbringen. Diese Erkenntnis ist sehr wichtig, weil wir jetzt unsere Präventivmassnahmen danach ausrichten können.

Was empfehlen Sie?
Dass nebst der Grundprävention wie Masken im ÖV gezielt Veranstaltungen oder Situationen, wo es zu einem Superspreading-Moment kommen kann, verhindert werden müssen.

Nach ihrer Definition eines Superspreading-Events gehören da auch die Clubs dazu...
Naja, wenn man sich überlegt, was in einem Club passiert, dann ist das so ziemlich das Gegenteil von allem, was man im Moment empfiehlt. Man kann keinen Abstand halten, es ist ein kleiner stickiger Raum, man kann die Fenster nicht öffnen, es kommen viele Menschen zusammen, auch Menschen die eher jung sind und in der Regel eher eine milde oder asymptomatische Infektion haben. Das heisst, das sind vielleicht auch Altersgruppen, die durch das Coronavirus nicht so beeinträchtigt sind, dass sie im Bett bleiben, sondern trotzdem in den Club gehen, auch wenn sie ein bisschen Kopfschmerzen haben. Da kommen ganz viele Faktoren zusammen, die eine überproportionale Verbreitung des Virus begünstigen. Insofern verwundert es mich überhaupt nicht, dass es bereits zu Ansteckungen in so einem Setting kam.

Sie hätten die Clubs also nicht geöffnet?
Nein. Natürlich ist es doof, weil alle zurück zur Normalität wollen. Aber das Virus ist noch immer da und solange es keinen Impfstoff gibt, stellen bestimmte Situationen oder bestimmte Veranstaltungen ein grosses Risiko dar.

Im Kanton Zürich wurde am Mittwoch beschlossen, dass die Clubs geöffnet bleiben, aber die Regeln für ein konsequentes Contact Tracing verstärkt werden. Wie viel bringt das wirklich?
Das Contact Tracing ist ja dazu da, Infektionsketten nachzuverfolgen. Aber das grösste Ziel ist, Infektionen zu vermeiden. In meinen Augen ist es widersprüchlich, wenn man einerseits Situationen zulässt, in der viele Infektionen stattfinden können, dafür dann aber mit viel Mühe die Kontakte nachverfolgt. Das Problem ist auch ein Logistisches. Je mehr Infektionen es gibt, umso mehr Kontakte gibt es. Und diese Kontakte haben wieder Kontakte und so weiter. Bei fünf angesteckten Personen kann man das noch nachverfolgen. Aber bei 200 wird es schwierig.

Was schlagen Sie vor?
Das primäre Ziel muss sein, Infektionen per se zu vermeiden und sekundär erst bestehende Infektionen zu identifizieren. Das Virus ist uns immer drei Schritte voraus. Und die Nachverfolgung wird immer ineffizienter, je mehr Menschen exponiert waren. Irgendwann ist ein Grenzwert erreicht, ab dem es nicht mehr möglich ist, durch Contact Tracing überhaupt noch nachzuverfolgen.

Die Schweiz ist derzeit das liberalste Land in Europa, was die Lockerungen der Massnahmen angeht. Sogar Schweden reguliert strenger. Wie beurteilen Sie das?
Ich glaube, dass die weiteren Lockerungen, die Ende Juli geplant sind, keine gute Idee sind. Eine zu schnelle Öffnung vermittelt das Signal, dass jetzt schon wieder alles vorbei ist. Das könnte uns auf die Füsse fallen. Und ein ständiges Hin und Her ist ebenfalls nicht gut. Je widersprüchlicher Empfehlungen sind, desto müder werden die Leute. Bei verwirrenden Informationen der Entscheidungsträger hat man irgendwann das Gefühl, dass weder die Wissenschaft noch die Politik wirklich weiss, was zu tun ist. Das ist sehr gefährlich, weil wir für diese Pandemie einen wirklich langen Atem brauchen. Wir müssen es irgendwie alle zusammen schaffen, da durch zu kommen. Wenn man jetzt etwas übervorsichtig ist und die Fälle niedrig halten kann, dann kommen wir besser durch den Sommer und den Herbst, als wenn man das Gefühl hat, alles ist wieder möglich.

Könnte es sein, dass die Schweiz zu einem Risikoland wird und Einreisen aus der Schweiz in andere Länder nicht mehr möglich sind?
Wenn wir die steigenden Fallzahlen nicht in den Griff kriegen und andere Länder sehr viel strengere Massnahmen haben und es schaffen, die Fallzahlen niedrig zu halten, kann es schon so weit kommen. Die Fälle werden sicherlich nicht wieder so durch die Decke schiessen, wir haben ja jetzt einiges an Massnahmen in unserer Toolbox. Wir können mehr testen, wir haben die App, wir haben mehr Kapazität für das Contact Tracing. Man wird nicht tatenlos zuschauen. Das Problem ist aber, wenn es erst einmal in die falsche Richtung geht, wird es immer einige Zeit dauern, bis man das wieder korrigiert hat. Und wir dürfen nicht erst reagieren, wenn es schon zu spät ist.

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